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Rezension: Warum folgten sie Hitler- Die Psychologie des Nationalsozialismus- Dr. Stephan Marks

Im Zuge der Lektüre der Ausgaben GEO Epoche Nr. 57 und Nr. 58, die ich demnächst rezensieren werde, habe ich dieser Tage "Warum folgten sie Hitler?- Eine Psychologie des Nationalsozialismus" von Dr. Stephan Marks gelesen.

Der Autor zeigt mithilfe von Interviews mit ehemaligen HJ-Funktionären, SS-Offizieren und NSDAP-Mitgliedern wie die Machtmechanismen des NS-Staates funktionierten. Die Grundthesen des Buches werden in sechs Kapiteln präsentiert, die ich an dieser Stelle kurz auflisten möchte:
Magisches Bewusstsein
Hypnotische Trance
Schamabwehr
Narzissmus und narzisstische Kollusion
Das Traumata früherer Generationen
Abhängigkeit

Dr. Marks erläutert zunächst, was man unter einem Tabu zu verstehen hat. Dieser Begriff nämlich spielt beim magischen Bewusstsein eine Rolle. Das magische Denken wird von der Vorstellung beherrscht, dass Übertretungen des Tabuverbotes zu Unheil führen, sofern das Unglück nicht durch Reinigungsrituale abgewendet wird. Die Haltung großer Teile der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft gegenüber Nazi-Verbrechen bestand darin, diese zu verschweigen. Dieses Verbot, über Naziverbrechen zu sprechen, wurde schon während der NS-Zeit geschaffen, (vgl.: S.27)

Alle Deutschen wurden damals als Geheimnisträger zur Schweigsamkeit aufgefordert. Überwacht wurde diese mittels sozialer Kontrolle, ohne die der Apparat der Gestapo nicht funktionieren konnte, (vgl.: S.28). Wie Dr. Marks unterstreicht, sind Schweigegebote charakteristisch "für alle Geheimbünde, Sekten und alle Formen von emotionalem, körperlichem, sexuellem, geistigen oder Macht- Missbrauch." (Zitat: S.28). Das Sprechverbot wurde zumeist befolgt und soll so tief verankert gewesen sein, dass es noch Jahrzehnte nachwirkte. Das Tabu besteht heute noch und blockiert eine klare Benennung der Naziverbrechen, wie die Interviews dokumentieren. Dem sozialen Mechanismus der Tabuisierung entsprechen auf der individualpsychologischen Ebene Mechanismen der Abwehr, (vgl.: S.32), über die der Autor in der Folge sehr erhellend schreibt.

Dr. Marks erklärt die Wechselwirkung von Nazi-Programmen und seinen Anhängern im Hinblick auf die magischen Vorstellungen und erläutert zunächst auf welche Weise das magische Bewusstsein produziert wurde. Die magische Bewusstseinswelt des Nationalsozialismus war vor allem anti-aufklärerisch. Denk-Verbote gehörten zum Tabu und zur magischen Welt, (vgl.: S.44).

Thematisiert werden die Hypnose und der Nationalsozialismus. Hier geht es u.a. um hypnosefördernde Sprachmittel. Die Merkmale des Bewusstseinszustandes der hypnotischen Trance werden genau erläutert und im Rahmen von sechs Themen abgehandelt. Dabei ist ein wesentliches Merkmal die Regression. Der Autor zeigt wie die hypnotische Trance durch das NS-Programm produziert wurde und bringt die Mittel Propaganda, Rhetorik, Rituale und Musik zur Sprache, bevor er sich mit dem Begriff "Scham" näher auseinandersetzt und hier speziell erläutert, was man unter traumatischer und pathologischer Scham zu verstehen hat.

Die Grundlagen für traumatische Scham werden übrigens in der Kindheit gelegt, wenn die frühe Kommunikation aufgrund von Gegebenheiten, die der Autor alle benennt, gestört ist. Sofern Scham (diese hat mit Kränkung zu tun) kaum auszuhalten ist, muss sie abgewehrt werden. Das geschieht, wenn man sich der Psychologie nicht bewusst ist, u.a. durch emotionale Erstarrung, Projektion, Verachtung, dissoziales Verhalten, Zynismus und Negativismus, Arroganz, Idealisierung und Größenfantasien, Perfektionismus etc.

Wie die Nazis Schamabwehr gestaltet haben, wird sehr gut erklärt. Die Furcht als Feigling ausgeschlossen zu werden, spielte bei den Methoden der Schamabwehr eine nicht unbedeutende Rolle. Die Niederlage im 1. Weltkrieg hatte Scham zur Folge und zwar mit all den oben angeführten Abwehrmethoden, die Juden und Andersdenkende zu Opfern der Beschämten machten.

Beleuchtet wird im weiteren Verlauf nicht zuletzt der Narzissmus. Hier kommt die Charakterisierung dieses Phänomens seitens des Psychoanalytikers Otto Kernberg zur Sprache, der die narzisstische Persönlichkeit als "extrem selbstbezogen, misstrauisch, übermäßig der Bestätigung und Bewunderung durch andere bedürftig" skizziert und zusammenfasst, dass solche Personen durch Größenideen und Minderwertigkeitsgefühle zeitgleich gekennzeichnet sind, ( vgl.: S. 104).

Narzissten sind nicht bereit, die Welt mit den anderen zu teilen. Beurteilen kann man sie letztlich nach ihrer Dialogbereitsschaft und- fähigkeit. Pathologisch-narzisstische Menschen sehen, hören und spüren nicht die Präsens anderer Personen, (vgl.: S.106). Die Beziehung narzisstischer Menschen sind nur nach dem Muster "Unterwerfung und Herrschaft" vorstellbar.( vgl.: S.107).

Der Mangel an Selbstwertgefühl wurde seitens der damaligen Polit- Strategen durch Identifikation, durch die Vermittlung des Gefühls des Auserwähltseins, durch Elitebewusstsein, durch Anerkennung durch Ränge, Ehrungen, Beförderungen und Uniformen ausgeglichen.

Zur Sprache gebracht wird ferner das Trauma des ersten Weltkrieges und in der Folge die Weitergabe von Derealisierung, Gefühlskälte, Idealisierung und Heroisierung, die Groß-Gruppendynamik und wie durch Gruppenerlebnisse Abhängigkeiten geschaffen wurden.

Die sechs Themen im Buch zeigen, dass der Nationalsozialismus nicht darauf abzielte, die Menschen kognitiv zu überzeugen, sondern sie vielmehr emotional einzubinden. Der Autor verdeutlicht sehr gut, wie die Scham das Annehmen von Schuld blockierte und hat mit diesem Buch einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, die Psychologie des Nationalsozialismus zu begreifen.

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