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Rezension -Thema #Ethik: Helfen- Warum wir für andere da sind- Tillmann Bendikowski-

Dr. Tillmann Bendikowski, der Autor des vorliegenden Buches, ist Gründer und Leiter der "Medienagentur Geschichte" in Hamburg. Er verfasst Beiträge für Printmedien und Hörfunk und betreut die wissenschaftliche Realisierung von Forschungsprojekten sowie historischen Ausstellungen.

In seinem vorliegenden Werk beschreibt er unter dem Eindruck des humanitären Sommermärchens 2015 die Kultur des Helfens und fragt zunächst, warum ein Mensch überhaupt helfend wirkt. Dabei erläutert er vorab, was man unter dem Akt des Helfens zu verstehen hat und welche Formen des Helfens es gibt. 

Genannt werden: Hilfreiches, prosoziales und altruistisches Verhalten. Diese Verhaltensmuster werden genau erörtert. Dabei ist eine wichtige Voraussetzung für das Helfen das Mitgefühl. Im Zusammenhang mit dem Mitgefühl erfährt man auch Wissenswertes zu Fähigkeit zum Mitleiden, die als zentrales Element altruistischen Verhaltens gilt. Erörtert werden der Nutzen und der Nachteil dieses Verhaltens und es wird auf Gedanken hierzu seitens namhafter Philosophen hingewiesen. So war es der niederländische Philosoph Baruch de Spinoza (1632-1677), der Mitleid  als "schlecht und unnütz" bezeichnete. Er tat es deshalb, weil er die Vernunft sehr wertschätzte und sie durch Gefühle, Erregung und Leidenschaft gefährdet sah. 

Viele Kritiker des Mitleids meinen, dass Mitleid zur Betroffenheit führe und aufgrund seiner Schnelllebigkeit nicht als Grundlage für eine Moral genüge. Um zu ermitteln, weshalb ein Mensch hilft, erfährt man auch Näheres zur Barmherzigkeit der Christen und über den Menschenfreund, der mit Vernunft Gutes tut. 

Bekunden, dass man es ernst meine mit einem ethischen Leben- dies habe bei den Postulaten des effektiven Altruismus Priorität. Mittels einer gezielten Auswahl von Spendenzwecken verdeutlichten heutige Spender auch den Willen und ihre Bereitschaft zu einer bewussten Gestaltung der Gesellschaft. 

Auch über egoistisches Verhalten wird man aufgeklärt. In der christlichen Theologie gilt die Selbstsucht als Quelle des menschlichen Bösen und die Nächstenliebe als Gegenentwurf zum Egoismus. Man liest im Rahmen der Aufklärung zudem vom sogenannten "empathischen Egoisten", der danach strebt, eigene Interessen durchzusetzen, zugleich jedoch Bezug auf andere nehmen würde. 

Verhaltensmuster wie Fluchthilfe in Zeiten der Unfreiheit, auch Helfen in der Familie über Generationen hinweg und in der sozialen Not kommen zur Sprache. Hier auch wird Florence Nightingale erwähnt, mit ihrer Konzeption zur Krankenpflege und der Rolle der helfenden Frau, aber auch die Solidarität als Fundament der Gewerkschaftsbewegung. Der Staat als Sozialstaat wird fokussiert und natürlich der Paradigmenwechsel in der deutschen Kultur des Helfens. 

Doch auch Kritik im Hinblick auf das Helfen bleibt nicht ausgespart. Die Rede ist u.a. vom "Helfersyndrom", auch von der Macht des Helfenden. So erfährt man, dass bestimmte Hilfsorganisationen um den Wert ihrer Unabhängigkeit in ihrer Arbeit und von den Spendern wissen und dass die Hilfe auch tatsächlich in ihrem Sinn ankommt, weil sie sehr selbstkritisch agieren.

Zusammengefasst kann gesagt werden, dass die Geschichte des Helfens deutlich macht, dass eine funktionelle Kultur des Helfens möglich, jedoch nicht selbstverständlich ist. Der Mensch benötigt Motive des Helfens, Vorbilder und auch etablierte Strukturen der gegenseitigen Hilfe. Zudem sind ermutigende Erfahrungen notwendig. Ist dies alles vorhanden, kann sich eine Kultur des Helfens entwickeln. Das "humanitäre Sommermärchen“ sei ein wichtiges Kapitel in unserer Kultur des Helfens gewesen, so der Autor. Wissen muss man, dass unser Land  über eine stabile Kultur des Helfens verfügt, doch diese muss gepflegt werden. Wie das funktioniert erfährt man in diesem wichtigen Buch übrigens auch. 

Sehr empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: Ins Herz getroffen- Selbsthilfe bei seelischen Verletzungen- Rolf Sellin- Kösel

Seelischen Verletzungen können durch spitze Bemerkungen, ausbleibenden Dank oder durch Nichtbeachtung ebenso ausgelöst werden wie durch eine unerwartete Kündigung oder aber durch eine scharfe Auseinandersetzung. Wer seelische Verletzungen verdrängt, bewirkt, dass diese nicht heilen können.

Rolf Sellin erläutert wie es zu solchen Verletzungen kommt, die übrigens objektiv nicht fassbar sind. 

Je näher uns Menschen sind, umso tiefer können sie verletzen. 

Heimliche und anonyme Verletzungen kommen von schwachen Persönlichkeiten. Sie agieren mittels Verleumdung, übler Nachrede und dem Streuen von Gerüchten. Leider bietet das Internet ein weites Wirkungsfeld für jene Menschen, die auf diese Weise einen Stärkeren offen seelisch zu verletzen suchen. 

Der Autor zeigt wie man sich bewusst darauf vorbereitet, dass man von Menschen, die uns in der Vergangenheit verletzt haben, bei einer erneuten Begegnung nicht wieder verletzt wird. 

Über Stress bei seelischen Verletzungen erfährt man Näheres und wird zudem auf die Grundmuster im Umgang mit Schmerz hingewiesen. Wie man an Ort und Stelle reagiert wird auch verdeutlicht. So gehört die rechtzeitige Eingrenzung einer seelischen Verletzung dazu und auch Überlegungen, wo man Rückhalt findet. 

Sellin erörtert Möglichkeiten, wie man sich in solchen Schmerzsituationen helfen kann. So können beispielsweise Dehn- und Streckübungen, auch Gespräche oder ein Tagebuch helfen, den Schmerz zu lindern. Wichtig ist, genau hinzuschauen, wer oder was uns verletzt hat. Auch sollte man sich beispielsweise fragen, in welchem Zustand man sich gerade befunden hat und um welche Art von Verletzung es sich gehandelt hat. 

Der Autor listet eine ganze Reihe von Handlungsmustern auf und verdeutlicht, dass zu jeder Verletzung eine Kollision gehört. Wir dürfen Menschen, die uns seelisch verletzt haben, nicht die Macht einräumen, es abermals zu tun und wir sollten und bewusst machen, wie unverheilte Wunden wirken. 

Wie man sich und seine Kerbe heilt, wird gut erläutert und es wird auch darauf hingewiesen, wie notwendig Resilienz ist. Dass Vergebung befreit, ist zwischenzeitlich fast jedem bekannt, doch leider nicht immer problemlos möglich. 

Nach meiner Erfahrung heilt selbst die Zeit nicht immer alle Wunden und auch Dutzende von Ratgebern helfen nur bedingt. Traumatisierungen können, wenn überhaupt, nur mit professioneller Hilfe aufgelöst werden und Dünnhäutigkeit  wird leider  nicht selten zum Programm.

Trotz allem aber ist es notwendig, sich mit seelischen Schmerz auseinander zu setzen und Bücher wie "Ins Herz getroffen" zu lesen. Eine solche Lektüre schafft Bewusstsein und lehrt uns, rechtzeitig Grenzen zu ziehen.

Empfehlenswert. 

Helga König

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Rezension: WIR –Dietrich Grönemeyer- Vom Mut um Miteinander- Ein Manifest

Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer hat mit "WIR- Vom Mut zum Miteinander" ein Manifest für mehr individuelle Lebenskunst auf den Weg gebracht, die den Verstand mit dem Herzen und den wissenschaftlich-technischen Fortschritt mit dem fühlenden Geist verbindet. 

In insgesamt fünf Kapiteln reflektiert der Autor das, was Menschen miteinander verbindet. "WIR Menschen sind alle gleich im Wert. Von Geburt an", lautet die Überschrift des ersten Kapitels. Grönemeyer unterstreicht, dass es die Fähigkeit zum Beistand und der Empathie sei, die unser Menschsein ausmacht. Es ist wohl wahr, dass jeder Mensch, gleichgültig, wo er lebt, als Individuum ernst genommen werden möchte und es ist auch wahr, dass kulturelle Vielfalt zum Menschen dazu gehört. Auch stimmt es, dass Wechselbeziehungen zwischen Einzelnen und der Gemeinschaft im Raum, in dem Entwicklung stattfindet, vorhanden sind. Das sollten wir begreifen und zudem verstehen, dass unser Leben ein Geschenk ist. 

Jeder habe die Chance,  das Leben zu genießen und zwar auch dadurch, indem er für sich und andere Verantwortung übernimmt. 

Das Buch beinhaltet viele gute und wahre Gedanken, auch dass man Körper, Seele und Verstand als Einheit begreifen sollte und dass man auf die Balance achten müsse, weil ihr Verlust krank und aggressiv macht. Es sei die Balance mit sich selbst und der Welt, die Frieden schaffe. Davon bin ich auch überzeugt. Auch teile ich die Ansicht, dass man die Vielfalt leben sollte und wir die Verantwortung für das große Ganze tragen, für Menschen, Tiere und Pflanzen und es stimmt zudem, dass Globalisierung nicht nur internationale Konkurrenz und Wettkampf um Ressourcen, sondern auch die aus Not geborene Erkenntnis ist, dass wir ein gemeinsames Schicksal teilen. 

Im Grunde kann ich nur jeden Satz im Buch bejahen, auch dass Glauben und Überzeugungen die Persönlichkeit festigen und zudem, dass positive und negative Empfindungen zu unserem Menschsein gehören. 

Wir müssen die Verbundenheit begreifen. Der Einzelne überall auf der Welt muss gefördert werden, damit die Gemeinschaft gestärkt werden kann. Ja, es geht um Geschwisterlichkeit. 

Um diese zu leben, benötigen wir Mut zur Gemeinsamkeit. Was man unter diesem Mut versteht, können Sie dem Buch entnehmen. Diesen zu entwickeln und zu leben, sollte unser aller Wollen und Handeln sein. 

Das Manifest sollte zur Pflichlektüre in der Schule und  an der Uni werden.  Eltern sollten den Text mit ihren Kindern diskutieren. Nur so kann ein geschwisterliches Bewusstsein entstehen.

Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer ist kein Idealist, sondern ein Analytiker, dem klar ist, dass unsere Chance nur im WIR zu finden sein kann. ICH war gestern. ICH führte zu nichts Gutem, weil es nicht in WIR transformiert wurde. Das dokumentiert die Realität. Transformation ist das Gebot der Stunde. Dazu gehört Mut, die wichtigste aller Tugenden.

Sehr empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: Versuch, die Jugend zu verderben- Alain Badiou- edition suhrkamp Sv

Autor dieses Buches ist Prof. Dr. Alain Badiou. Der studierte Philosoph und Mathematiker lehrt Philosophie an der École normale supérieure. Übersetzt wurde das Werk von Tobias Haberkorn. 

Der vorliegenden Text ist "ein Manifest gegen die kapitalistische Geschichtslosigkeit, ein Plädoyer für ein Leben jenseits des ideologischen Konsumzwangs und ein Kompass für all jene, die in unserer immerjungen Gesellschaft die Orientierung verloren haben."

Das Manifest ist in drei Abschnitte gegliedert:

Jungsein heute: Sinn und Nicht-Sinn 
Über das gegenwärtige Werden der Söhne 
Über das gegenwärtige Werden der Töchter 

Wie der Philosoph schreibt, hat Sokrates und Platon bereits den verderblichen Charakter der Macht verurteilt. Die Macht des Konsums verdirbt heute junge Menschen auf die Weise, dass sie nicht reifen können.

Badiou reflektiert das "wahre Leben", weil dieses das eigentliche Thema der Philosophie sei. Ein Leben, das sich auf den gnadenlosen Kampf um Macht und Geld reduziert, sei ein unwahres, vergeudetes Leben. Dies den jungen Menschen zu vermitteln, bedeutet, sie vom Konsumzwang zu befreien. 

Junge Menschen seien ohne es zu wissen, nicht selten mit zwei gegensätzlichen Richtungen konfrontiert. Diese vermischten sich häufig oder wiedersprechen einander. Der Philosoph fasst die beiden Versuchungen wie folgt zusammen: Einerseits sehnt man sich danach, das eigene Leben zu verbrennen und möchte dem nihilistischen Grund der Unmittelbarkeit huldigen, andererseits geht es um Erfolg, Beruf und Geld. 

Der Kapitalismus habe bewirkt, dass die meisten Menschen unreif blieben und Weisheit im Alter kein anstrebenswertes Ziel mehr sei. Der Preis, den die Gesellschaft zahlt, wenn Reifeprozesse verhindert werden, ist hoch, denn es werden sich immer weniger Menschen finden, die Verantwortung übernehmen. Mangel an Verantwortung ist  das Hauptproblem unserer Zeit.

Empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: Weisheit- Judith Glück- Kösel

Die Autorin Prof. Dr. Judith Glück lehrt Entwicklungspsychologie an der Alpen—Universität in Klagenfurt. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Entwicklung im Erwachsenenalter und Psychologie der Weisheit.

In der Einleitung bereits reflektiert die Psychologin den thematisierten Begriff und bekundet, womit sie sich in ihrem Buch befasst: Mit der Entwicklung von Weisheit. 

Im Rahmen eines großen Forschungsprojektes hat sie weise Menschen über besonders schwierige Ereignisse ihres Lebens befragt und ermitteln können, was Weisheit ausmacht, aber sie konnte auch die Wege ausfindig machen, wie man dazu gelangt. 

Ein kurzer Abriss der psychologischen Weisheitsforschung, macht dem Leser klar, womit sich weise Menschen im Laufe ihres Lebens beschäftigt haben und was sie speziell hinterfragen. Hier auch erfährt man, wovon die Autorin zutiefst überzeugt ist: Dass sich nämlich Weisheit aus zwei Komponenten zusammensetzt. So verfügen weise Menschen über ein breites Wissen über das Leben und sind imstande, schwierige Probleme in ihrer gesamten Komplexität zu begreifen. Gleichwohl weisen sie eine bestimmte Haltung hinsichtlich des Lebens auf, die weniger mit dem Denken als mit dem Fühlen zu tun hat. 

Die Definition von Weisheit, mit der die Glücks- Forschungsgruppe an der Universität in Klagenfurt arbeitet, möchte die wichtigsten Teile der unterschiedlichsten Weisheits-Theorien kombinieren, indem sie Wissen und zugleich Persönlichkeitseigenschaften mit einbezieht. Die Gruppe glaubt, dass Weisheit in erster Linie durch die Bewältigung von wichtigen Lebenserfahrungen entsteht. Dazu sind bestimmte psychologische Ressourcen notwendig, die die Auseinandersetzung mit den Erfahrungen unterstützen.  Es handelt  sich um: 

Offenheit
Einen guten Umgang mit den eigenen Gefühlen 
Einfühlungsverfügen 
Reflexivität 
Die richtige Einschätzung der Möglichkeiten und Grenzen 

Die oben angeführten fünf Prinzipien werden näher erörtert und dabei, wie das Beispiel Offenheit zeigt, nochmals untergliedert, so etwa in Offenheit für die eigene innere Welt oder aber für Kunst und Ästhetik, für Gefühle, für Handlungen, für Ideen und für Werte. 

Die Offenheit weiser Menschen beruhe auf einem grundlegenden Akzeptieren auch des eigenen Selbst mit allen Stärken und Schwächen. Man kann Offenheit erlernen, so wie alle anderen Prinzipien.

Wie wehrt man im Gefühlsbereich das Negative ab? Auch das ist ein Thema. Spannend  ist es, die Überlegungen im Hinblick auf Einfühlungsvermögen zu lesen und sich darüber bewusst zu werden, dass Mitgefühl eine der wichtigsten Ressourcen ist, die uns helfen kann, weiser zu werden. Über kritisches Reflektieren zu Weisheit zu gelangen, erfordert natürlich ein gewisses Maß an Intelligenz, weil es darum geht, über komplexe Sachverhalte komplex nachzudenken. "Wie würde die Gegenseite argumentieren und zwar nicht nur auf der Sachebene?", ist eine Frage, die man sich immer wieder stellen sollte, um  auf dem Weisheitsweg voranzuschreiten.

Wirklich wichtig erscheint mir das 5. Prinzip: Die Überwindung der Kontrollillusion. Kontrolle macht nicht glücklich, deshalb sollte man akzeptieren, dass es Unkontrollierbarkeit gibt und man mit ihr entspannt umzugehen lernt. Weise Menschen besitzen keine Kontrollillusion, bzw. weniger als die meisten von uns, so die Autorin. 

Weshalb ist es wünschenswert, weise zu werden und was bewirkt Weisheit? Auch dieser Frage wird nachgegangen und man liest in dem Zusammenhang, dass es zahlreiche Eigenschaften gibt, die mit Weisheit in Verbindung stehen. Für weise Menschen liegt eine Quelle des Glücks im Verstehen und damit in der Erkenntnis. 

Eine wichtige Erkenntnis besteht darin, andere Menschen nicht mehr ständig zu be- und verurteilen. Dies nämlich gibt uns die Chance, dass unser Ego in den Hintergrund tritt und wir zu sehen und zu staunen beginnen. Wer staunen kann, ist wohl auf dem richtigen Weg.

Warum ist Weisheit so begehrenswert? Vielleicht, weil sie den Stress mindert und dort, wo sie spürbar ist, Ruhe einkehrt.

Ein Buch, das sehr zum Nachdenken anregt, ist natürlich empfehlenswert. 

Helga König

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Rezension: Rettet das Spiel! Weil Leben mehr als Funktionieren ist- Gerald Hüther- Christoph Quarch

Die Autoren dieses bemerkenswerten Buches sind der Neurobiologe Gerald Hüther und der Philosoph Christoph Quarch. Ziel der beiden ist es, mittels des Buches die Leser dazu zu motivieren, die Bedeutung des Spiels wiederzuentdecken.

"Was wird aus uns, wenn wir aufhören zu spielen?" lautet die Eingangsfrage, die zunächst im Vorwort reflektiert wird. In diesem Zusammenhang erfährt man u.a., dass es ohne die Möglichkeit des spielerischen Ausprobierens keine Kreativität geben kann. Sobald wir aufhören zu spielen, hören wir auf, das Leben in all seinen Möglichkeiten zu erkunden. Auf diese Weise verspielen wir die Potenziale, die in uns stecken. 

Auf spielerische Art neue kreative Lösungen zu entwickeln, sind nur jene in der Lage, die anstelle Einzelkämpfer zu werden, mit anderen zusammengeblieben sind. Sie wurden nicht zu Spezialisten, sondern blieben Generalisten, die- "statt ausdifferenziert und altersstarr zu werden- jung und undifferenziert geblieben sind." 

Damit das sehr umfangreiche Potenzial an Vernetzungsmöglichkeiten im Gehirn gut stabilisiert werden kann und die angelegten Talente und Begabungen zur Entfaltung kommen können, ist es notwendig zu spielen. Das Spiel dient zur Erkundung der Möglichkeiten. 

Unterrichtet wird man im Hinblick auf die  Philosophie des Spielens und hier auch bezüglich der Spielweisen der antiken Philosophen. Wissen sollte man, dass es den Griechen um Lebendigkeit ging. Genauer, es ging ihnen um die bestmögliche Entfaltung der Seele. Dabei galt als Ideal des Lebens die Balance des Leibes und der Seele. 

Auch über die Spielweisen der Neuzeit wird man in Kenntnis gesetzt und liest wie sich unter dem Einfluss der Reformation ein zutiefst feindlicher Groll gegenüber dem spielerischen Geist, der an Adelshöfen des Rokoko herrschte, in der Französischen Revolution entlud. Kritiker wie Friedrich Schiller waren Gegner der neuen Ernsthaftigkeit, weil sie darin eine Bedrohung des Humanen erkannten. 

Dennoch machte jetzt ein neuer Menschentypus immer mehr von sich Reden und zwar der "Homo oeconomicus". Dieser Typus fragt nur nach seinem Nutzen und möchte als ernsthafter Mensch seine Interessen durchsetzen. Schiller setzte diesem rationalen Egoisten sein Programm der ästhetischen Erziehung des Menschen entgegen. Durch Schillers Spielphilosophie wird der souverän spielende Künstler zum Ideal des freien und schönen Menschen. Wer der Schönheit huldigen möchte, benötigt authentische, freie Spielräume und Spielzeiten jenseits von bloßem Kulturkonsum und Entertainment. 

Das Spielerische war demnach immer ein Thema, doch  wann wurde das Spielfeld zum Marktplatz? Der "Homo oeconomicus"  verdrängte den "Homo ludens", indem er die Spielwelt kolonialisierte, weil er das Spielen verlernt hatte. Die Autoren nennen den  "Homo oeconomicus"   einen Spielverderber, weil er den Spielen seine Logik aufzwingt. Auf den Punkt gebracht bedeutet dies: "Der "Homo oeconomicus" sucht den Gewinn, der "Homo ludens" will gewinnen.“ 

Für den "Homo oeconomicus"  ist das Spiel immer nur Mittel zum Zweck. Spiele werden vom "Homo oeconomicus"  demnach missbraucht. Woran erkennt man nun die Inseln der Lebendigkeit? Wie erkennt man die drei Wesensmerkmale des Spiels? Die Beantwortung dieser Fragen  und die Ursprünge unterschiedlicher Spielarten sind weitere  Schwerpunkte des Buches. Auch erfährt man, wo man heute spielen kann und weshalb wir eine Kultur spielerischer Lebenskunst benötigen. 

Merke: "Inseln der Lebendigkeit, die wir auch noch als Erwachsene im Spiel entdecken, entpuppen sich nicht selten als Inseln der Liebe.“ 

Vielfältig wird die spielerische Lebenskunst im Alltag aufgezeigt und dem Leser auch eröffnet, was aus uns wird, wenn wir den Zauber des Spiels wiederentdecken. 

Alles spricht dafür, ja zum Spiel zu sagen und  auf diese Weise zu dem zu werden, was wir immer waren,  bevor der berechnende Mensch in uns, das,  was uns ursprünglich ausmachte,  rüde verdrängte und damit sich die Chance der Erneuerung nahm. 

Sehr empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: Was unseren Kindern wirklich hilft- Thomas Schäfer- Scorpio

Autor dieses Buches ist der Politologe und Soziologe Thomas Schäfer. Er ist Heilpraktiker mit den Schwerpunkten Psychotherapie und Familienaufstellungen. In seiner therapeutischen Arbeit integriert er neben systemischen Ansätzen auch Hypno- und Traumatherapie. Schäfer hat mehrere erfolgreiche Bücher verfasst, die in diverse Sprachen übersetzt wurden. In Stockach am Bodensee betreibt der Psychotherapeut übrigens seine eigene Praxis. 

Der Familientherapeuth zeigt in diesem Buch anhand von zahlreichen Fallbeispielen, dass die Ursachen für Krankheiten und Verhaltensauffälligkeiten nicht selten tief im jeweiligen Familiensystem verborgen liegen. Durch die Lektüre soll Eltern geholfen werden, zu erkennen, was tatsächlich hinter den Symptomen steckt und was man tun kann, um den Kindern dauerhaft zu Seite zu stehen.

Zunächst liest man Wissenswertes über das Familienstellen, wobei Thomas Schäfer nicht nach der Methode des "Geistigen Familienstellens" von Bert Helllinger arbeitet und  dies  auch unmissverständlich betont. 

Grundsätzlich kann gesagt werden, dass "Familienaufstellung" ein Verfahren bezeichnet, bei dem Personen stellvertretend für Mitglieder des Familiensystems eines Klienten konstellativ angeordnet (gestellt) werden, um aus einer dazu in Beziehung gesetzten Wahrnehmungsposition gewisse Muster innerhalb jenes Systems erkennen zu können.*  Thomas Schäfer arbeitet in seiner Praxis beim Aufstellen  mit Papierscheiben und Holzfiguren, wie er die Leser wissen lässt. 

Im dann folgenden Kapitel "Die heilsame Haltung gegenüber Kindern" geht es zunächst darum, zu begreifen wie wichtig in der Erziehung eines Kindes konsequentes Handeln ist. Sobald Eltern durch inkonsequentes Handeln einen Teil ihrer Erziehungsautorität verloren haben, erlebt der Nachwuchs seine Eltern als schwach und beginnt aggressiv zu reagieren, weil er sich im Stich gelassen fühlt und überfordert  durch die Inkonsequenz der Eltern. Familienaufstellungen zeigen, dass Kinder sich nur dann sicher und gut fühlen, wenn sie  "klein" sein dürfen und zugleich ihre Eltern als "groß" erleben. Nur so ist offenbar eine gesunde Entwicklung und Abnabelung von den Eltern möglich.  Das leuchtet ein.

Sobald sich Eltern ihren Kindern unterordnen, entstehen fatale Rollenbilder, die später in der Schule oder am Arbeitsplatz zu immensen Problemen führen können. Mangelnde Ausbildungsreife ist ein Ergebnis, dessen Ursache nicht selten die Folge einer geringen Frustrationstoleranz ist, die entsteht, wenn junge Menschen seitens ihrer Eltern keine Grenzen gesetzt bekommen haben und sich immer mehr nach dem Lustprinzip orientieren konnten. 

Neben der Problematik, dass leider allzu oft Kinder keine Grenzen aufgezeigt werden, zeigen Fallgeschichten, dass soziale Probleme und Krankheiten von Kindern familiensystemisch bedingt sind. Der Autor beleuchtet diesbezüglich extreme Wut, soziale Isolation, Kontaktabbruch, das "Klammern" von Kindern, Scheidungskinder, Adoption, verstorbene Zwillingsgeschwister und Schulprobleme. 

So erfährt man beispielsweise, dass die Wut eines Kindes durchaus ein Protest darstellen kann, weil es von einem Elternteil verwechselt wird und dadurch stressende Projektionen stattfinden, die ein Kind nicht erahnen und schon gar nicht deuten kann. 

Auch reflektieren Kinder mit ihren Aggressionen ungelöste Probleme ihrer Eltern, die diese beispielsweise mit ihren Eltern haben. Bei Wut geht es häufig um die Übernahme von Schuld. 

Es ist unmöglich, im Rahmen der Rezension auf die Fallbeispiele näher einzugehen, diese Fälle genau zu studieren, ist allerdings sehr erhellend. Das gilt auch für Kontaktabbruch erwachsen gewordener Kinder zu ihren Eltern oder einem Elternteil aus unterschiedlichen Motiven. 

Über eine Vielzahl von Krankheiten und Symptomen wird man unterrichtet, die möglicherweise familiensystemische Ursachen haben. So haben Asthma und Allergien nicht selten etwas mit dem Nichthinnehmen-Können eines Elternteils zu tun. Nicht nur bei Bettnässen und Asthma, sondern auch beim Stottern ist eine Familienaufstellung sinnvoll, weil familiärer Stress zu Sprachstörungen des Kindes führen kann. 

Interessanterweise haben nicht wenige Alkohol- und Drogensüchtige oft sehr früh verstorbene Väter, so dass die Heilung nur möglich ist, indem man das Väterliche familiensystemisch einbezieht und bemerkenswerterweise gibt es bei selbstmordgefährdeten Kindern und Jugendlichen ebenfalls fast immer systemische Hintergründe in der Familie,  wie Beispiele zeigen. 

Auch eine nicht geringe Anzahl weiterer Probleme von Kindern zeigt wie familiensystemische Gesetze bezüglich des Nachwuchses funktionieren. Dass ständiges Erröten von Kindern auf eine tiefe Scham im Familiensystem zurückzuführen ist,  will ich an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen. Auch die tieferen Ursachen für Verachtung eines Elternteils seitens eines Kindes, sind mehr als aufschlussreich. 

Welche fremden Konflikte in Kindern toben können und verantwortlich sind für deren Schwierigkeiten und Krankheiten, sollte die Eltern wirklich aufhorchen lassen. Achtsamkeit ist geboten. 

Familienaufstellungen führen ganz eindeutig zum Bewusstwerden der Ursachen für systemische Probleme und damit zur Minderung des Stresses, der damit verbunden ist.  Das gilt es an dieser Stelle zu unterstreichen.

Dies aufzuzeigen,  ist der eigentliche Wert des Buches.  

Maximal empfehlenswert

Helga König

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*wikipedia:  Famlienaufstellung

Rezension: Männliche Narzissmus- Das Drama der Liebe, die um sich selbst kreist. Raphael M. Bonelli –Kösel

Dr. Dr. Raphael M. Bonelli ist Neurowissenschaftler an der Universität Wien sowie Psychiater und systemischer Psychotherapeut in eigener Praxis. In dem vorliegenden Werk untersucht er, begleitet von Fallgeschichten aus seinem Praxisalltag, die inneren Fesseln des narzisstischen Mannes. 

Dabei untergliedert er seinen Text in drei Teile: 
Teil I : Der gefesselte Mann 
Teil II: Die drei Fesseln 
Teil III: Die Fesseln abstreifen 

Schon in der Einleitung erfährt man, dass der narzisstische Mann sich als  etwas Besonderes fühle und dass es von daher auch in seinen Augen ganz natürlich, legitim und stimmig sei, wenn ihn andere wertschätzen, bewundern und lieben. Der narzisstische Mann sei allerdings nicht in der Lage andere zu lieben, weil er über seine Selbstverliebtheit nicht hinaus komme. 

Laut dem Autor tritt Narzissmus bei Männern häufiger auf als bei Frauen. Das verdeutlichen 355 Narzissmus-Studien in allen Altersklassen. Nicht nur qualitativ unterscheidet sich männlicher und weiblicher Narzissmus, sondern auch quantitativ. Darüber erfährt man im Buch Erhellendes.

Es gibt drei narzisstische Fesseln: 

Die Selbstidealisierung, 
Die Abwertung der anderen 
Die Unfähigkeit zur Selbsttranszendenz. 

Man liest: Narzissten blenden das Nichtgrandiose an sich aus, weil es nicht sein dürfe. Hierzu zählen vor allem das persönliche Scheitern, seine Fehler und seine Schuld. Da er das Negative ausblendet, ist er übrigens beratungsresistent. 

Abgewertet werden besonders jene, die an seiner Grandiosität kratzen könnten. Ein Narzisst sieht sich nicht auf gleicher Augenhöhe mit seinen Nächsten. Von daher nimmt er die bedingungslose Liebe, die andere ihm schenken als selbstverständlich- ohne dass er den Impuls verspürt, die Liebe zu erwidern. 

Die drittel Fessel bewirkt, dass dieser Mensch in sich selbst stecken bleibt, deshalb kann er nicht über seinen Tellerrand hinausblicken. 

Diese drei Dimensionen verhindern die menschliche Entfaltung eines narzisstischen Mannes. 

Man erfährt im Buch mehr von dessen vermeintliche Wichtigkeit und der Tatsache, dass er selbst ohne entsprechende Leistungen sich als überlegen begreift. Das unterscheidet ihn übrigens vom Perfektionisten, der sich über Leistung definiert und sich als Leistungsträger sieht.  Informiert wird man über die Machtfantasien eines Narzissten, auch über seine gefühlte Einzigartigkeit und darüber, dass er exzessive Bewunderung benötigt sowie zuweilen wütend reagiert, wenn ihm diese nicht zuteilwird. 

Narzissten nutzen andere aus, um ihre Ziele zu erreichen, sind berechnend in zwischenmenschlichen Beziehungen, zeigen wenig Empathie und sind nicht bereit, die Gefühle anderer wahrzunehmen. Neid ist üblich bei solchen Personen, aber auch Arroganz, Kränkbarkeit und Abwertung.  Diese Zusammenfassung macht deutlich, dass  solche  Männer in erster Linie abtörnend sind.

Immer wieder wird unterstrichen, dass diese Personen um sich selbst kreisen, d.h. vom Kopf, vom Bauch und vom Herzen her egozentrisch sind. 

Man erfährt zudem mehr über die kranken Beziehungen eines Narzissten, die auf seiner Gier nach Bewunderung beruhen. Sein Anspruchsdenken ist übrigens exorbitant. Er hat kein Problem damit, andere auszubeuten und rücksichtslos zu handeln. Die Beziehungen eines solches Mannes sind übrigens oberflächlich und werden nur solange unterhalten, so lange sie ihm etwas bringen. Ach ja, und je mehr er sich selbst erhöht, umso weniger Zugang hat er zu Transzendentalen. 

Der Narzissmus ist gewissermaßen eine Ersatzreligion. Würde mich brennend interessieren, wie viel männliche Narzissten es unter Atheisten  gibt prozentual gesehen.

Forscher sprechen seit 2010 von einer Narzissmus-Epidemie, die in Generation Ego offenbar grassiert. Ihr vorläufiger Endpunkt soll die "Generation Beziehungsunfähig" sein. 

Wie der narzisstische Mann sich der drei Fesseln entledigen kann, ist spannend zu lesen.  Ich gehe davon aus, dass dies seltenst passiert und vieler Schicksalsschläge bedarf.

Für Frauen, die sich einen Überblick verschaffen möchten, was einen Narzissten ausmacht, ist das Buch sehr empfehlenswert, um rechtzeitig einen großen Bogen um solche Männer machen zu können.  Das Drama: Es gibt mehr davon als man ahnt. Deshalb gilt: "Holzauge sei wachsam".

Die Auflistungen der 9 DSM-5- Kriterien der narzisstischen Persönlichkeit und die Fragen zur narzisstischen Persönlichkeitsdimension und deren Gegenteil zum Schluss sind sehr hilfreich, wenn man rasch erkennen möchte, ob man selbst oder andere narzisstisch ticken oder nicht. 

Sehr empfehlenswert 

Helga König

Das Buch ist im Fachhandel erhältlich.
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Rezension: Keine Chance für Krafträuber- Wie Sie Ihre Lebensenergie schützen und aufladen-#Thomas_Schäfer

Autor dieses Buches ist der Politologe und Soziologe Thomas Schäfer. Er ist Heilpraktiker mit den Schwerpunkten Psychotherapie und Familienaufstellungen. In seiner therapeutischen Arbeit integriert er neben systemischen Ansätzen auch Hypno- und Traumatherapie. Schäfer hat mehrere erfolgreiche Bücher verfasst, die in diverse Sprachen übersetzt wurden. In Stockach am Bodensee betreibt der Psychotherapeut übrigens seine eigene Praxis. 

Wie wichtig es ist, dass wir tagtäglich unsere Lebensenergie schützen und aufladen, macht dieses Buch deutlich. Das Thema des Ratgebers ist Energieraub und seine Folgen. Zunächst lernt man die vier Schritte, die gegen "Energieklau" wirken, kennen, bevor man sich mit Energiediebstahl in der Partnerschaft befassen kann. Hier macht Schäfer klar, dass es ebenso negative Folgen haben kann, einen Menschen mit Energie zu überhäufen, wie ihm Energie zu entziehen. 

Geld, so der Autor, sei auch nichts anderes als Energie. Ein Zuviel ohne Gegenleistung lasse Abhängigkeiten entstehen, die eine Beziehung auf gleicher Augenhöhe unmöglich machten. Energieraub durch sexuelle und andere Verweigerungsspielchen in Beziehungen sind in punkto Energieraub in der Partnerschaft auch  fatal und werden deshalb ebenso zur Sprache gebracht, wie das Verhalten von "Besserwissern", "Brüllaffen" und "Tränendrüsen-Vampiren". Bei diesen Begrifflichkeiten ahnt man bereits, worum es geht. 

Immer wieder veranschaulicht der Autor anhand von Beispielen, was einzelne energieraubende Verhaltensmuster zur Folge haben. So erfährt man, warum Schweigen eine besondere Form der Kommunikation ist, bei der Energie abgesaugt wird, je mehr die innere Verzweiflung bei demjenigen wächst, mit dem nicht geredet wird. Dabei muss man wissen, dass indirekte Kommunikation eine von Energievampiren häufig benutzte Technik ist, um Macht auszuüben. 

Wer unklar formuliert, obschon er sich eigentlich gut artikulieren kann, tut dies nicht selten, um dem Gesprächspartner Energie zu entziehen.  Dabei  geht es Energieräubern letztlich stets um Dominanz, die durch unlautere Mittel zu erreichen versucht wird. So wird unterstellt, gelogen oder es erfolgt Gehirnwäsche oder aber das Gegenüber wird mittels Demütigung "eingekocht". 

Nicht alle Energievampire  sind Psychopathen, aber nicht wenige der geschilderten Charaktere besitzen ein solches Profil. Nicht grundlos schreibt der Autor "Auf mündliche Vereinbarungen sollte man sich in Rechtsstreitigkeiten mit Energievampiren nie verlassen. Alles muss schriftlich festgehalten werden. Den Begriff "gegenseitige Rücksichtnahme" kennen diese Menschen nicht. (81) 

Wie Kinder und Eltern sich gegenseitig Energie rauben  wird beleuchtet und hier auch wie Eltern ihre erwachsenen Kinder versuchen zu dominieren, sei es, indem sie sich in deren Berufswahl einmischen oder ihre Kinder finanziell schädigen oder anderweitig deren Leben ruinieren. 

Auch Großeltern und Geschwister können als Energieräuber wirken. Im Grunde handelt es sich stets um bestimmte Muster bei Personen, die andere dominieren wollen. Das diese Muster ziemlich fies sein können, wird beim Kraftraub am Arbeitsplatz deutlich. Im Bereich der Arbeitswelt wird u.a. der "Entmutigungsvampir" abgehandelt, dem man keinen Raum schenken sollte, denn er hindert daran, zuversichtlich seinen Weg zu gehen. 

Schäfer hebt hervor, dass Entmutiger uns in die Angst zu drängen versuchen und uns auf diese Weise Kraft rauben. 

Über die Energieraubstrategien von Dauerrednern und Unterbrechern erfährt man ebenfalls Wissenswertes, auch über Provokateure bis hin zu schlimmen Mobbern. Sie alle nutzen letztlich Methoden, um das Gegenüber kirre zu machen. 

Thomas Schäfer benennt noch viele andere Energiediebe, erläutert an Beispielen deren Verhalten und zeigt auch wie man sich selbst die Kraft rauben kann. Das geschieht beispielsweise, indem man sich selbstbemitleidet oder einen Elternteil auf problematische Weise kopiert. Süchte aller Art und Ängste werden zudem als schlimme Energiestaubsauger festgemacht und es werden Möglichkeiten erörtert, wo man Energie schöpfen kann.  

Wer ein erfülltes, sinnstiftendes Leben führen möchte, benötigt Energie und sollte keinen Raubbau damit treiben oder diesen zulassen.

Wozu das Buch verhilft? In erster Linie sensibler auf Energieraub zu reagieren und ihn nicht zuzulassen. Es geht nicht um Machtproben, denn diese rauben gleichfalls Energie, wohl aber darum, klare Grenzen zu ziehen und hier um die Umsetzung des Gedankens “Ich stehe nicht zur Verfügung“, wenn jemand in böser Absicht anzudocken versucht.

Sehr empfehlenswert 

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Rezension: Die Austreibung des Anderen- Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute- Byung-Chul Han- S. Fischer Wissenschaft

Der Autor dieses wirklich lesenswerten Buches ist der Philosoph Byung-Chul Han. Er lehrt Kulturwissenschaften an der Universität der Künste in Berlin. Im S. Fischer Verlag sind zuletzt erschienen: "Die Errettung des Schönen" (2015) sowie "Psychopolitik Neoliberalismus und die neuen Machttechniken." (2014) 

Byung- Chul Hans neuer Essay ist in 12 Kapitel untergliedert und beginnt mit Reflektionen zum Terror des Gleichen. Hier macht der Autor zunächst deutlich, dass die Zeit, in der es den Anderen gab, vorbei sei. Das Krebsgeschwür des Gleichen bewirke die pathologischen Veränderungen, die den Sozialkörper befallen. Krank werde dieser nicht durch Entzug und Verbot, stattdessen durch Überkommunikation und Überkonsumtion. 

Es sei keineswegs die Verdrängung und Negation, sondern vielmehr Permissivität und Affirmation, die krank, konkret depressiv mache. Die Austreibung des Anderen habe Selbstzerstörung zur Folge. Der Autor weist auf die Dialektik der Gewalt hin und hält den Merksatz fest: 

"Ein System, das die Negativität des Anderen ablehnt, entwickelt autodestruktive Züge."

Dabei muss man wissen, dass der Terror des Gleichen mittlerweile alle Lebensbereiche erfasst. Dadurch ist es unmöglich, Erfahrungen zu sammeln und zu Erkenntnissen zu gelangen. Stattdessen häuft man bloß Infos und Daten an, erlangt jedoch kein  Wissen. Durch die digitale Totalvernetzung und Totalkommunikation werde die Begegnung mit dem anderen keineswegs erleichtert. 

Gewollt stattdessen sei, dass man am Fremden das Gleiche fände und sich damit der Erfahrungshorizont immer mehr einschränke. Durch die digitale Abstandlosigkeit würden alle Spielformen von Nähe und Ferne aufgehoben. Dadurch sei alles gleich nah und gleich fern. Dem kann man nur zustimmen. 

Wie der Autor im Folgeabschnitt "Gewalt des Globalen und Terrorismus" bekundet, wohne der Globalisierung eine Gewalt inne, die alles austauschbar und vergleichbar mache. Genau dadurch werde alles gleich gemacht. Totales Vergleichen führe zur totalen Sinnentleerung. 

Byung-Chul Han macht begreifbar,  dass es letztlich der Terror des Globalen selbst sei, der den Terrorismus hervorbringe. Genau so ist es. Dass der Neoliberalismus massive Ungerechtigkeit auf der globalen Ebene erzeugt, ist ebenfalls eine Tatsache. Die Masse sei verunsichert, reagiere mit Angst vor der eigenen Zukunft und in der Folge mit Fremdenfeindlichkeit. Nicht nur Fremdenhass, sondern auch Selbsthass seien Folgen dieser Verunsicherung. Ich stimme Han auch darin zu, dass soziale Unsicherheiten, gepaart mit Hoffnungs-und Perspektivlosigkeit den Boden nicht nur für Fremdenfeindlichkeit, sondern auch für terroristische Kräfte bilden und insofern der islamische Terrorist und der völkische Nationalist verschwistert sind. 

Die Gewalt des Globalen führt zu Toten und Flüchtlingen und zwar wie bei einem Weltkrieg. Dabei ist der Frieden, den der Handelsgeist erzwinge, räumlich begrenzt. Insofern handelt es sich um einen Scheinfrieden; Grund: Der Handelsgeist besitzt nur einen rechnenden Verstand, aber keine Vernunft. So mangelt es auch ihm auch an echter Freundlichkeit, einer Eigenschaft, die in den Augen des Autors Freiheit bedeutet und die einen Anderen notwendig macht. 

Byung-Chul Han unterstreicht, dass der Zivilisationsgrad einer Gesellschaft sich an ihrer Gastfreundschaft, die viel mit Freundlichkeit zu tun hat, misst. Versöhnung bedeute auch Freundlichkeit.

Seite für Seite vertieft sich Byung-Chul-Han in den komplexen Gedanken der Austreibung des Anderen, schreibt auch über den Terror der Authentizität, der das Ich dazu zwinge, sich selbst zu produzieren und als Ware anzubieten. 

Leider löst das Bemühen um Authentizität den permanenten Vergleich mit anderen aus und lässt schließlich das Anderssein in Gleichsein umschlagen. Der Imperativ der Authentizität bringe narzisstischen Zwang hervor und damit etwas Pathologisches.

Der Andere werde so lange umgebogen, bis sich das Ego darin wiedererkenne. Schlussendlich verschwimmt und verschwände der Andere gänzlich und es entstehe aufgrund des narzisstischen Selbstbezugs ein Gefühl der Leere. Das Gefühl der Leere sei typisch für Depression und Borderline-Persönlichkeitsstörung. Ein stabiles Selbst, das das Gefühl der Leere verhindere, benötige den Anderen, just den, der im Neoliberalismus vernichtet wird. 

Es führt zu weit, auf alle Punkte des Buches einzugehen. Wichtig zu wissen, dass der Neoliberalismus Menschen vereinzelt. Dies führt zur Entsolidarisierung auch zur totalen Konkurrenz und bringt Angst hervor. 

Ein zentraler Satz im Buch ist: "Die perfide Logik des Neoliberalismus lautet: Angst erhöht Produktivität“ . 

Über Beschleunigung im Netz, auch über den Verlust von schützender Distanz und der Tatsache, dass Transparenz und Hyperkommunikation uns jede schützende Innerlichkeit nehme, liest man Aufschlussreiches und  auch über die Angst zur Folge. 

Entfremdung von sich selbst im hier und heute gehe einher mit Selbstoptimierung und Selbstverwirklichung und somit Selbstausbeutung. 

Was wir dringend wieder brauchen,  ist den Anderen, der uns hilft,  uns selbst und die Welt zu erkennen, der Andere, der für unser Selbstwertgefühl von Bedeutung ist und auch dafür, dass wir wieder staunen können und uns der Entfremdung verwehren.

Wer  sich nur mit Jasagern und Likern umgibt, lernt nichts dazu.

Für Byung-Chul Han ist es ausgemacht, dass Kunst und Philosophie die Verpflichtung hätten, den Verrat am Fremden rückgängig zu machen und dem Anderen seine befremdende, staunenswürdige Andersheit zurückzugeben. 

Dieser Anspruch ist mehr als begrüßenswert. Zuhören, den Anderen anders sein lassen, setzt aber voraus, dass man sein Ego klein hält und die Möglichkeiten begreift, die uns dadurch zuteil werden. Vom Anderen zu lernen, ihn nicht zu vereinnahmen, bedeutet, eine gute Zeit zu haben und an einer Gemeinschaft zu arbeiten, die Vielfalt erlaubt.

Maximal empfehlenswert

Helga König

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