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Rezension:Vatermänner: Ein Bericht über die Vater-Tochter-Beziehung und ihren Einfluß auf die Partnerschaft (Taschenbuch)

Die Psychotherapeutin Julia Onken schreibt, nachdem ihre langjährige Liebesbeziehung zu ihrem Freund Fabian zu Bruch gegangen ist, diesem neun fiktive Briefe . In den Briefen überdenkt sie ihre gemeinsame Beziehung und die Gründe , die dazu führten, dass Fabian sich einer anderen Frau zugewandt hat. Innerhalb ihrer Reflektionen führen sie ihre Gedanken immer wieder zu ihrem lange verstorbenen Vater. Dabei macht Onken deutlich, welchen Einfluss Väter generell auf die späteren Partnerschaften ihrer Töchter haben und begründet dies aus psychologischer Sicht. Durch die schriftliche Auseinandersetzung mit der genannten Thematik gelingt es ihr, sich innerlich von Fabian zu verabschieden.

Onken spricht vom Übersehenwerden, vom Einfach- nicht-zur Kenntnis-genommen werden, vom Übergangenwerden, vom Desinteresse, vom Unbeantwortet-Sein, vom Gefühl kleiner Mädchen ihren Vater nicht lieben zu dürfen, was dann nicht selten den tatsächlichen Antrieb für späteres berufliches Engagement ausmacht, weil sie auf diese Weise die gefühlte Entwertung und die Vatersehnsucht zu kompensieren suchen.

Die Psychotherapeutin zeigt, dass man den Grunddialog mit dem männlichen Geschlecht durch seinen Vater erlernt, die Begegnung mit dem Vater zum erstenmal die männliche Welt eröffnet. Nur wenn ein Vater sich seiner Tochter liebevoll, sie im ganzen Wesen glaubhaft respektierend und anerkennend zuwendet, wächst bei dem kleinen Mädchen die Selbstsicherheit und das Selbstvertrauen, die für ihr späteres Leben von nachhaltiger Bedeutung sind. Leider scheinen solche Vater-Tochter-Beziehungen die Ausnahme zu sein. In der Regel, so Onken, werden Töchter von ihren Vätern offenbar übersehen.

Onken gelangt zum Ergebnis, dass es seitens kleiner Mädchen drei Varianten gibt, um den Vater, der sie nicht wirklich zur Kenntnis nimmt, auf sich aufmerksam zu machen.

1) Die Gefalltochter: Ich gefalle, also bin ich.
Die Gefalltochter versucht die Aufmerksamkeit über optische Gefälligkeit zu erreichen und durch besonders auffälliges Verhalten seine Zuneigung zu erwerben. Durch Gesehen-Werden, aus dem Gefühl nicht existent zu sein ,wird die zukünftige Verführungsfrau geboren, die im zunehmendem Alter dann in der Angst lebt: je älter ich werde, um so weniger bin ich. Diese Frau wird ihre gesamte Lebenenergie auf Äußerlichkeiten legen und ein krankhaftes Körpergefühl entwickeln. In der Sexualität geht es ihr mehr um das Begehrtwerden als um sexuelle Lust, die oftmals nur vorgetäuscht wird, um den Partner an sich zu binden. Eigene Talente und Begabungen bleiben ihnen verborgen, weil sie sich nicht wagen ihr Intelligenzpotential auszuloten. Was Meinungen anbelangt orientieren sie sich an anderen und lernen nicht selbstbestimmt zu leben. In späteren Liebesbeziehungen ordnen sich diese Frauen stets den Vorstellung ihrer Partner unter und lesen diesen die Wünsche von den Augen ab. Allerdings fühlen sie sich, sobald dieser sie optisch nicht pausenlos zu Kenntnis nimmt, als Mensch entwertet. Ein falsches Wort ein Blick für eine andere lösen in der Gefalltochter Verunsicherungen aus. Es folgen schreckliche Szenen. Durch ihre krankhafte Fixierung verliert sie den Rest an Anziehung.

2) Die Leistungstochter: Ich bin leistungsfähig und erfolgreich also bin ich.
Die Leistungstochter sucht sich Bereiche aus, von denen sie glaubt, sie könne ihren Vater damit interessieren und erfreuen. Sie scheut keine Anstrengung, investiert ihre gesamte Kraft und müht sich ab leistungsstark zu werden. Dieses Mädchen verleugnet ihre weibliche Seite und vertraut auf die Ratio als Kommandozentrale für sämtliche menschliche Belange. Da sich diese Töchter mit ihrem Vater identifizieren, beurteilen sie die Mutter aus der Sicht des Vaters. Wenn dieser die Mutter in ihrer weiblichen Rolle entwertet, wird die Leistungstochter es ihm gleichtun. Förderung ist in der Sicht dieser Mädchen ein Liebesbeweis, Drill gilt als Anerkennung. Erfolgstöchter gestatten sich im Laufe ihres Lebens keine Gefühle und Schwächen. Dafür ist im späteren der Partner zuständig, der das Gegengewicht zur ewigen Stärke bildet. Nicht selten sind diese Frauen mit antrieblosen Männern liiert, weil Leistungstöchter an sich Müdigkeit, Schwäche und Überforderung nicht zulassen können. Das anfängliche Verliebtsein in den schwachen Mann kippt allerdings mit der Zeit. Dann beginnt sie ihn zu entwerten und zu verachten.Daran gehen die Beziehungen in der Regel zugrunde.

3)Die Trotztochter: Ich spüre Widerstand also bin ich.
Die Trotztochter legt sich quer zu allem und bringt dem Vater Widerstand entgegen. Sie will sich mit ihm duellieren, sich seine Anerkennung erkämpfen. Solche Mädchen besitzen, laut Onken, eine gute Denkfähigkeit. Sie opponieren, wo sie nur können . Sie sind logisch, linkshemisphärisch und analytisch, nicht selten hervorragende Rhetorikerinnen. Sehr häufig verzichtet die Trotztochter auf jegliches Attribut, dass sie attraktiv erscheinen lassen könnte. Jeder , der sich entsetzt von ihr abwendet, ist für sie ein Erfolg. In Partnerschaften wird sie mit der Zeit immer angriffslustiger. Beziehungen werden zu unangenehmen Kampfplätzen. Onken stellt fest, dass es außerdem noch Unterformen dieser Problemtöchter gibt. Sie spricht von getarnten Gefall-, Leistungs- und Trotztöchtern. So lassen sich unter letztgenannter Problemtochter die ewigen Nein-Sagerinnen, die Negativen und Destruktiven , die Unzufriedenen, die Miesmacherinnen und Spielverderberinnen- kurz die Freudlosen vom Dienst subsumieren.

Leider ist festzuhalten, dass all diese Problemtöchter große Schwierigkeiten haben in einen vernünftigen Dialog miteinander zu treten und sich bedauernswerterweise nicht selten gegenseitig anfeinden und entwerten.
Damit die Schräglagen zum eigenen Geschlecht und jene, die sich in Liebesbeziehungen entwickeln behoben werden können, ist es notwendig, dass sich jede Frau mit ihrer persönlichen Vaterbeziehung auseinandersetzt und erkennt, dass mögliche Defizite nur durch nachgeholte bewusste Reifung verändert werden können.
Empfehlenswert!

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