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Rezension: Der Sturm der Stille- Warum Menschen den Kontakt abbrechen- Tina Soliman

Die Autorin dieses Buches ist die Journalistin und Regisseurin Tina Soliman. "Der Sturm vor der Stille" ist das zweite  Buch von ihr, das ich rezensiere. Ihr erstes Buch "Funkstille" habe ich auf  "Buch, Kultur und Lifestyle" Ende 2012 besprochen und Tina Soliman im Anschluss daran interviewt.

In ihrer neuen Publikation befasst sich die Autorin mit den Ursachen für Kontaktabbrüche und berichtet nicht zuletzt über Fallbeispiele. Durch ihr erstes Buch hat Soliman aufgrund von Hunderten von Personen, die ihr nach der Lektüre von "Funkstille" schrieben, weitere Erfahrungen zu dem Thema sammeln können. Diese Gedanken haben zu dem neuen Buch beigetragen. Des Weiteren hat die Autorin eine Fülle von weiterführender Literatur gelesen und diese zur Ursachenforschung zu Rate gezogen, zudem auch zahlreiche Fachleute befragt, um die Thematik wirklich breitgefächert auszuloten.

Nach mehr als 1000 Zuschriften in der Folge des Funkstille-Buches sieht Soliman den  wortlosen Abbruch mehr mit den Augen des Abbrechers, der "am Ende eines schmerzhaften Prozesses" abbricht. Wie sich zeigt, handelt es sich bei Abbrüchen nicht um spontane Entscheidungen, sondern es sind Jahre oder Monate der Vorbereitung voraus gegangen, die sich dann in einem Moment entladen. Die Botschaften der Abbrecher waren  im Vorfeld eher verschlüsselt und auch da schon in eine "Folie des Schweigens" verpackt.

Wichtig sei genau hinzusehen, wo die Funkstille begann, d.h. wo der Riss in der Beziehung eigentlich einsetzte. Offenbar erschließen sich hierbei die relevanten Dinge erst in der Retrospektive. Es scheint so zu sein, dass nach Unstimmigkeiten, kleinen und großen Verletzungen eine gewisse Ruhe eintritt, bevor es zum tatsächlichen Bruch kommt. Der Abbrecher sendet Notsignale "Bitte höre, was ich nicht sage", die vom Gegenüber nicht wahrgenommen werden. Dann erst passiert der wortlose Abbruch.

Viele Verlassene sehen im Rückblick, dass es Vorzeichen gab. Mitunter allerdings hat der Abbruch nicht wirklich etwas mit dem Verhalten des Verlassenen zu tun, sondern es kann sein, dass aufgrund eines banalen Ereignisses alte Wunden aus der Vergangenheit wieder aufbrechen und zu einem stellvertretenden Abbruch führen. Derjenige, der schweigt, entscheidet, wann er sein Schweigen bricht und er ist es auch, der darüber befindet, ob der Kontakt bestehen soll oder nicht. Offensichtlich ist, dass es Abbrecher gibt, die die Funkstille wählen, um zu überleben.

Weil die Trennung nicht angesprochen oder begründet wird, ist es kaum möglich,  die Beziehung abzuschließen. Nicht selten sind deshalb Menschen ein Leben lang oder darüber hinaus miteinander verstrickt. Im Buddhismus würde man  vermutlich von problematischen Anhaftungen sprechen.

Die Autorin hat sich intensiv mit dem Buch "Die Masken der Niedertracht" der französischen Psychologin Marie- France Hirigoyen befasst,  nach deren Auffassung Kontaktverweigerung zum Arsenal der psychischen Techniken narzisstisch geprägter Menschen gehört. Der gezielte Einsatz des Schweigens ist nach ihrer Ansicht eine Waffe und ein Manipulationswerkzeug. Oft findet innerhalb von Beziehungen Kontaktverweigerung statt, es wird nicht geredet, Narzissten verweigern sich. Das kann letztlich zur Funkstille des Abbrechers führen.

Tina Soliman schreibt über Auslöser für den Abbruch anhand zahlreicher Beispiele. Oft ist es die Erfahrung von Abwertung. Nicht selten sind diejenigen, die wortlos eine Beziehung beenden, diejenigen, die in der Beziehung weniger Macht ausgeübt haben, aber permanente Verletzungen erdulden mussten. Durch Kontaktabbruch wird die Hierarchie verändert, der vormals Dominante rutscht in die Position der Ohnmacht. Nicht selten ist Eifersucht Grund für einen Abbruch.

Der Psychologe Wolfgang Hantel-Quitmann, mit dem Soliman gesprochen hat, sagt, dass Eifersucht ein Zeichen massiver Verlustangst sei. Verdrängte Eifersucht über längere Zeit erlitten, kann auch zu Funkstille führen. Offenbar gibt es bei manchen Personen einen Zusammenhang zwischen dem Anstieg an Liebesgefühlen und Verlustängsten. Männliche Abbrecher scheinen häufiger ein solches Problem zu haben.

Weil ich die Spannung auf das Buch nicht mindern will, werde ich ganz bewusst nicht auf einzelne Beispiele eingehen. Nicht selten sind Abbrecher übrigens Wiederholungstäter, weil ein Thema in ihnen wirkt, das sie nicht verarbeitet haben.

In zerstörerischen Beziehungen spielen Missgunst und Neid oftmals eine Rolle, die irgendwann in Hass umschlagen. Der eine will den anderen schließlich zerstören, weil dieser ihm nicht geben kann, was er braucht. Narzisstisch Perverse zerstören u.a. mittels Kommunikationsverweigerung. Diese ist dann Anlass für den Abbrecher irgendwann den Spieß herumzudrehen und schweigend zu gehen, wie weiter oben schonmals angedeutet.

Der Psychologe Wolfgang Schmidbauer meint lt. Frau Soliman, dass der Verlassene und auch der Abbrecher beide etwas gegen Kontakt und Nähe unternehmen, weil der Gesunde irgendwann nach vielen Kränkungen die Kampftechniken desjenigen mit den narzisstischen Störungen übernimmt und auf gleiche Weise zurückschlägt. Man erfährt Wissenswertes darüber, wie die Kindheit und Machtkämpfe damals und Abhängigkeiten und Manipulationen später auf Beziehungen wirken. Wenn Menschen nicht so angenommen werden, wie sie sein wollen, kann dies zum Abbruch in späteren Beziehungen führen.

Das Schweigen des Abbrechers kostet Energie und muss insgesamt als Ausdruck von Müdigkeit gewertet werden. Soliman schreibt Wissenswertes zum Narzissmus und hier auch, dass Narzissten durch ihr Verhalten Kontaktabbrüche provozieren, aber auch selbst zum Abbruch von Beziehungen neigen.

Man liest über prägende Ereignisse in der Biografie von Abbrechern, über all die Verletzungen seelischer Art, die Abbrüchen vorausgehen. Heutzutage, wo kaum noch offene Gespräche zustande kommen, erhöht sich die Anzahl der Kontaktabbrüche deutlich. Soliman zitiert in diesem Zusammenhang Soren Kierkegaard, von dem nachstehende Sentenz stammt:  "Wer sich aber nicht offenbaren kann, der kann auch nicht lieben, und wer nicht lieben kann, ist der unglücklichste von der Welt."

Das sollte man sich bewusst machen und  sich auch verdeutlichen, dass es wenig Sinn macht, sich gegen Funkstille aufzulehnen. Loslassen ist wohl das Beste, was man tun kann und das Wichtigstste ist,  dass man im Jahr der "Verständigung im Turm zu Babel" lernt, in Beziehungen jedweder Art offen zu kommunizieren, denn dann erübrigt sich das leidvolle Thema “Der Sturm vor der Stille“ das Tina Soliman brillant bearbeitet hat und  damit gewiss vielen Lesern zu guten Erkenntnissen verhilft.

Sehr empfehlenswert


Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie zum Klett-Cotta-Verlag und können das Buch bestellen http://www.klett-cotta.de/buch/Gesellschaft/Der_Sturm_vor_der_Stille/48970:  Alternativ dazu empfehle ich Ihnen Ihren Buchhändler um die Ecke, denn dort ist es auch erhältlich.

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