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Rezension:Funkstille- Tina Soliman

Die Journalistin Tina Soliman stellt im Rahmen von sieben Lebensgeschichten das Phänomen Kontaktabbruch vor und lotet dieses mithilfe von einschlägiger Fachliteratur aus. Ich werde die Geschichten bewusst nicht verkürzt nacherzählen, um die Spannung am Buch nicht zu mindern, wohl aber möchte ich auf die wissenschaftlichen Hintergründe für "Funkstille" eingehen.

"Funkstille" ist eigentlich ein Wort aus der Schifffahrt. Inhaltlich besagt es die Einstellung des Funkverkehrs, um Notsignale - SOS - besser empfangen zu können. Die Funkstille ist also ein Schweigen, in das hinein Notsignale gesendet werden. Dieses verschlüsselte Signal bekundet, dass etwas nicht stimmt. Mittels dieses Signals wird auf eine Störung hingewiesen, hinter der alles zurückstehen muss, damit sie nicht überhört wird. Die Autorin konstatiert, dass "Funkstille" in der menschlichen Kommunikation, ebenfalls als Signal gedeutet werden muss, das besagt: "Bitte höre, was ich nicht sage."(vgl.: S.175.)

Soliman thematisiert in ihrem erhellenden Buch u.a. die Verlassenen, die Abbrecher, das Schweigen, die Motive und die Persönlichkeitsmuster der Betroffenen. In den Gesprächen mit den Verlassenen hatte die Autorin den Eindruck, dass diese Menschen Gefühle schildern, die denen von Hinterbliebenen eines Selbstmörders nicht unähnlich sind. Kontaktbruch muss man als harte Grenze verstehen, die nicht zu durchstoßen ist, (vgl.: S. 30). Das Problem besteht darin, dass die Hinterbliebenen nicht endgültig abschließen können.

Für den Verlassenen bedeutet Schweigen zunächst einmal Ablehnung. Der Verlassene sucht nach Klärung. Er möchte kommunizieren, um den Beziehungsabbruch zu verstehen. Das Schweigen schafft viel Raum für Spekulation, für Missverständnisse und Überlegungen, die letztlich einen möglich bestanden habenden Konflikt weiter befeuern, (vgl.: S.65).

Abbrecher lassen sich gerne ein Hintertürchen offen. Der Psychologe Udo Rauchfleisch, auf den die Autorin immer wieder Bezug nimmt, konstatiert, dass dies alles andere als fair sei, weil auf diese Weise beide nicht abschließen können. Nach seiner Ansicht bedeutet der Abbruch der Kommunikation, dass es innerlich noch nicht vorbei ist. Solange man schweigt, so Rauchfleisch, ist die Beziehung definitiv noch nicht beendet und die vorangegangene Verletzung noch nicht wirklich verarbeitet, (vgl. S.75).

Soliman schreibt, dass beim Thema "Funkstille" stets die gleichen Vokabeln auftauchen. Sie nennt: Schutz, Flucht, Angst, Verzweiflung, Strafe, Manipulation, Kränkung, (vgl.: S.80). Professor Rauchfleisch meint, dass "Funkstille" primär ein Zeichen von Schwäche sei, eine Kommunikationsstörung, bei der die Person, die verlässt, nicht in der Lage ist, den Konflikt vernünftig abzuschließen, (vgl.: S. 92). Die Psychotherapeutin Trin Haland-Wirth meint, dass Funkstille aggressiv und ärmlich sei. Hat jemand es nötig, derartiges zu machen, ist er nicht in der Lage es anders hinzukriegen, (vgl.: S. 95). Professor Teising ist der Ansicht, dass es bei "Funkstille" um Vernichtung geht. Er glaubt, dass das Selbstbild des Abbrechers zerstört sei und dass dieser nicht möchte, dass dieser Tatbestand für den anderen sichtbar wird. Er möchte also demnach nicht, dass das, was er selbst nicht erträgt, für den anderen erkennbar wird. Insofern versinkt er vor Scham in den Boden, (vgl.: S. 102).


Bei "Funkstille" gibt es im Verhalten des Abbrechers Charakteristika, welche offenbar häufig bei narzisstischen und schizoiden Persönlichkeiten zu Tage treten, aber auch bei bipolaren Störungen, sprich bei manisch-depressiven Personen. Soliman hebt hervor, das schizoide Menschen Angst vor Hingabe haben. Wenn solchen Personen ein Mensch zu nahe kommt, stoßen sie ihn schroff weg. Hinter diesem Verhalten stecke der Versuch der Selbstbewahrung und Ich-Abgrenzung, (vgl.: S.149).

Narzisstische Persönlichkeiten neigen eher zum Kontaktabbruch als andere, weil "Funkstille" letztlich auch eine narzisstische Aufwertung ist. Wer den Kontakt abrupt abbricht, gibt den Ton an und setzt den anderen unter Druck. Der Verlassene ist zum Warten verurteilt, ist vermeintlich abhängig davon, dass der Abbrecher der Kontakt wieder aufnimmt. Professor Rauchfleisch verdeutlicht jedoch, dass letztlich der Narzisst der Abhängige ist. Der Abbrecher, der sich in eine extreme Abhängigkeit zu einer anderen Person begeben hat, erträgt diese Abhängigkeit nicht mehr, bricht den Kontakt ab, allerdings in der falschen Hoffnung, dadurch die Abhängigkeit zu überwinden, (vgl.: S.158).

Kontaktabbruch ist letztlich eine Kapitulation, aus der- das hebt die Autorin zum Ende ihres Buches hervor- immer auch ein neues Miteinander erwachsen kann, sobald Abbrecher und Verlassener ihre Irrtümer erkennen und sich die Mühe machen, verstehen zu wollen, was der andere sagen möchte, auch ohne Worte, (vgl.: S. 170).

Ein sehr gutes Buch, das mir einiges klar gemacht hat. Mir wäre nie in den Sinn gekommen, dass Ursache für einen Kontaktabbruch auch Scham sein kann.

Empfehlenswert.

Helga König

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