Dieses Blog durchsuchen

Rezension: Peter Sloterdijk Zeilen und Tage: Notizen 2008-2011

"Gehirn, freu dich, heute darfst du ein Foto sehen von der Parade der Indischen Kamel-Kavallerie",  (Zitat: Peter Sloterdijk, Seite 555)

Prof. Dr. Peter Sloterdijk hat sich Ende 2011 entschlossen, seine Tagebuchnotizen zu veröffentlichen. Dabei nahm er sich Heft 100 aus dem Jahre 2008 vor und transkribierte seine Niederschriften bis zum Mai 2011.

 Nach einer Vorbemerkung untergliedert er seine Hefte in zwei Bücher. Das erste der Bücher nennt er "Spuren ins Posthumien". Dieser Begriff will zum Ausdruck bringen, dass die eigentliche Endlichkeit nicht alles ist. "Aus der besten Welt" titelt er dann das zweite Buch. Dieser Titel soll an das Leibnizsche Theorem erinnern, wonach die real existierende Welt- unter der Prämisse ihres Hervorgehens aus einem Ursprung, der nicht besser sein könnte- mit unumgänglicher Notwendigkeit als die beste aller möglichen Welten zu begreifen sei, (vgl.: S.9).

 Das Buch enthält Notizen aller Art, zeigt was dem Philosophen wichtig erscheint, worüber er sich Gedanken macht und was er Wert hält, spontan festzuhalten. Nicht jede Notiz outet ihn als Philosophen, viele wohl eher als gedanklichen Spaziergänger und analytischen Beobachter seiner Umwelt.

 Sloterdijk steigt vom Olymp und wird Mensch, wenn er schreibt: "Abends zu einer nachträglichen Geburtstagsfeier mit arabischer Küche bei Uta. Geschenke: Der Graf von Monte Christo mit Depardieu, schon ziemlich übergewichtig, auf DVD und eine Whisky-Rarität aus der Destilliere in Bayern." (Zitat: Seite 59).

 Eine große Anzahl von Aphorismen sind es Wert, dass Sloterdijk ein Bändchen mit diesen für Freunde von Zitaten herausgibt. Sehr bezeichnend finde ich dabei den Gedankensplitter "Wie jede Macht hat auch die Macht der Schwachen ihre Parasiten." (Zitat: S.188). Es wäre interessant, über diese Parasiten ein Buch zu verfassen und deren Tun genau zu beleuchten. Das könnte auch eine Aufgabe für einen Philosophen sein.

 Auf Seite 353 notiert der Autor erneut einen Gedanken zum Thema Macht. Der Gedanke ist nicht von ihm, sondern von Aristoteles:"Wenn sich Mangel an Bildung (apaideusía) zur Macht gesellt, entsteht Größenwahn,"(Aristoteles, Protreptikos). Die Frage, die sich mir stellt ist, wie ein größenwahnsinniger Parasit die Macht der Schwachen im Herbst 2012 in Europa für seine Zwecke benutzen könnte?

 Ich versuche zu verstehen, weshalb Sloterdijk sich notiert, dass er beim Versuch Ursula (wer auch immer das sein mag) anzurufen, nur deren Anrufbeantworter erreicht habe. Am gleichen Tag liest man, was Frank Schirrmacher ihm am Telefon berichtet hat. Er notiert die Essenz des Telefonats, kommentiert aber nicht. Wie ging es Sloterdijk an jenem Tag? War er philosophisch gelassen?

 Er fragt ketzerisch in Interlaken "Wozu eine Seele besitzen, wenn sie ihre Kompetenz als Erlebnisveredlungsanstalt nicht unter Beweis stellt?"

 Auch lässt er nicht unerwähnt, wann Fritz Teufel starb und dass dieser unweit von Herbert Marcus ruht. Welche Gedanken mögen Sloterdijk zu den beiden Personen in den Kopf gekommen sein? Kannte er in jungen Jahren Fritz Teufel?

 Auf Seite 562 fand ich folgenden sarkastischen Gedanken: "Autismus, moraltheoretisch definiert, besteht in der endogenen Unfähigkeit, die Goldene Regel zu befolgen. Wer als Autist beschimpft wird, sollte sich freuen. Man hält ihn nicht für krank, nur für böse."

 Sloterdijk notiert Gedanken und Begebenheiten, mit denen er sich ganz nebenbei vermutlich auseinandersetzt. Mitunter beginnt er beim Notieren schon nachzudenken, so formuliert er dann Fragen wie etwa "Ob es wahr ist, dass die Liebkosung, wie Sartre suggeriert, nicht ohne einen subtilen Anschlag auf die Freiheit des anderen auszuführen sei? Wenn das Gegenteil der Fall wäre- und die Liebkosung würde uns selbst zur Quelle der Freiheit?"

 Ja dann, lieber Herr Sloterdijk, wären wir in einem paradiesischen Zustand, umgeben von friedlichen Menschen, deren Philosophie die Liebe wäre und müssten nicht argwöhnisch auf den bevorstehenden Herbst schielen.

 Sehr neugierig gemacht hat mich Sloterdijks Sentenz "Andere nehmen Tabletten, du lässt das Licht an". Ich gehe mal davon aus, dass es das der Autor hier mit sich selbst spricht und frage mich, was er im Bett Spannendes liest, bis ihm die Augen zufallen. Ob es Dumas ist? Auch ein Philosoph braucht seine 
Auszeiten:-))

 Ein amüsant zu lesendes Buch, streckenweise sehr ironisch. 

 Empfehlenswert.

 Bitte klicken Sie auf den Button, dann gelangen Sie zu Amazon und  
können das Buch bestellen.

Rezension: Bärbel Wardetzki- Nimm`s bitte nicht persönlich

Die Diplompsychologin Dr. Bärbel Wardetzki zeigt in diesem Buch, dass es durchaus möglich ist, gelassen mit Kränkungen umzugehen. Gleich zu Beginn weist die Autorin darauf hin, dass man zwischen Kränkungsreaktion und Kränkungshandlung, bzw. zwischen erlittener und erteilter Kränkung differenzieren muss. 

Kränkungsreaktionen erleben Menschen dann, wenn sie sich zurückgewiesen, abgelehnt, ausgeschlossen und verachtet fühlen. 

Unter der Kränkungshandlung oder dem Kränkungsereignis versteht man hingegen die erteilte Kränkung, also das, wodurch sich andere verletzt fühlen. Man muss sich bewusst machen, dass eine Kränkung im Sinne einer Kränkungshandlung nichts Objektives ist. 

Ob man etwas als Kränkung erlebt, ist abhängig davon, ob man sich verletzt oder entwertet fühlt durch eine Kränkungshandlung. Verhindern kann man eine Kränkungsreaktion dadurch, dass man eine Äußerung eines anderen nicht auf sich bezieht, auch wenn diese auf die Entwertung unserer Person abzielt. Man ist Kränkungen keineswegs hilflos ausgeliefert, wie die Psychologin sehr gut verdeutlicht.

 Der springende Punkt am Kränkungskonflikt ist der Angriff auf die Schwächung des Selbstwertgefühls. Das muss man sich bewusst machen. Kränkungen schwächen das Selbstwertgefühl und sind mit Selbstzweifeln sowie der Verunsicherung unserer Person und unseres Identitätsgefühls verbunden. Die Schwächung beruht auf dem Gefühl benachteiligt und weniger wert zu sein und damit letztlich weniger geliebt zu werden, (vgl.: S.20). 

 Menschen mit stabilem Selbstwertgefühl reagiert nicht so rasch gekränkt wie ein Mensch mit minderem Selbstwertgefühl. Dennoch muss uns klar sein, dass jeder Mensch kränkbar ist, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß.

 Dr. Wardetzki erläutert u.a. die Schritte, wie Kränkungen ablaufen. Dabei wird verdeutlicht, dass Reaktionen in der Kränkung Rache, Gewalt gegen sich und andere und auch Beziehungsabbruch bedeuten können.Sofern Kränkungserlebnisse unbearbeitet bleiben, können sie zu psychosomatischen Krankheiten führen. Wenn erlittene Kränkungen nicht verheilt sind, können sie aufgrund neuer Verletzungen ähnlichen Inhalts aktiviert werden. Die Reaktion bei erneuter Kränkung wird dann weitaus heftiger ausfallen und für Dritte kaum nachvollziehbar sein. 


 Man muss sich bewusst darüber werden, welcher wunde Punkt bei einer Kränkung berührt wird, auch dass man mittels Wut, Vorwürfen und Anklagen das eigene Problem nicht lösen kann. Fühlt man sich gekränkt, sollte man einen Tag verstreichen lassen, bevor man reagiert. Fragen stellen ist angesagt und nicht Rache üben.

 Selbstunsichere Menschen sind offenbar leichter kränkbar. Sie fühlen sich pausenlos schuldig, auch dann, wenn sie es nicht sind. Die Autorin zeigt, wie man eine solche Haltung überwindet. Hier sollte man sich besonders bewusst machen, dass ein versöhnlicher Blick auf die anderen uns auch versöhnlicher stimmt.

 Chronische gekränkte Menschen verhindern leider konstruktive Konfliktlösungen. Damit machen sie nicht nur anderen, sondern auch sich selbst das Leben schwer. Wichtig ist, damit aufzuhören anderen die Schuld zuzuschreiben, denn dies führt zu gegenseitigen Kränkungen, die Konflikte zementieren. Stattdessen sollte man sich darüber klar werden, dass der äußere Konflikt auf einen ungelösten inneren Konflikt verweist.

 Nicht wenige Konflikte in Beziehungen entstehen durch Nähe- Distanzprobleme, dem Wunsch nach Nähe und der Angst vor Abhängigkeit, dem Wunsch nach Autonomie und der Angst vor dem Verlassen werden. Zurückweisungen durch geliebte Menschen treffen uns dabei besonders heftig. 


 Wissen sollte man, dass Suchtkrankheiten nicht selten vor dem Hintergrund früher Kränkungserlebnisse entstehen. Zugrunde liegt der Versuch, sich mit Süchten aus der Realität zu stehlen, weil das die Illusion vermittelt, vor neuen Krankheiten gefeit zu sein. Klar muss sein, dass Sucht keine Lösung, sondern eine Krankheit darstellt. 

 Die Psychologin verdeutlicht nicht nur, was geschieht, wenn man gekränkt ist, sondern auch, wenn wir andere kränken. Hier zeigt sie, was hilft, mit dem gekränkten Menschen wieder ins Reine zu kommen. Dr. Wardetzki weist nicht zuletzt auf Kränkungsfallen hin und wie diese zu vermeiden sind. Auch macht sie deutlich, wie man mit Mimosen umgeht. Man muss sich darüber klar werden, dass Gekränktheit auch ein Machtmittel darstellen kann, mit dem wir seitens eines Gekränkten subtil manipuliert werden sollen. Möglicherweise macht man aus Angst vor Konfrontation das Spiel sehr lange mit. 

 Unzufriedene, verbitterte Menschen kränken andere häufiger als zufriedene. Bei den Kränkungen kann es sich um Ironie, Witze, aber auch um offene Entwertungen handeln. Motive können Neid, Eifersucht, Unzufriedenheit, Minderwertigkeitsgefühle, Überheblichkeit, Angst etc. sein. Kränkende Menschen verursachen zumeist eine ungute Stimmung, die die Beziehungen beeinträchtigen. Durch deren Verhalten werden Ja-Sager, Anpasser oder Ablehner produziert. Ehrliche Kommunikation kann nicht zustande kommen, weil immer wieder Streit droht und Menschen sich wegen drohender Verletzungen zurückziehen. 

Wenn über Probleme nicht offen geredet werden kann, so die Psychologin, leiden die Beziehungen erheblich oder zerbrechen. Die Autorin bringt dem Leser nahe, wie man sich am besten gegenüber uns kränkenden Menschen verhält. Man muss vorsichtig sein im Hinblick auf Menschen, die ein minderes Selbstbewusstsein haben, denn es besteht die Gefahr, dass man sie kränkt, ohne es zu wollen, einfach nur deshalb, weil man selbstbewusster oder erfolgreicher erscheint. 

 Gekränkte reagieren mitunter auch passiv-aggressiv. Dabei erfüllt sie die Vorstellung andere müssen ebenso leiden, wie sie mit Genugtuung. In der Rache verletzen sie andere dann so, wie sie sich selbst verletzt fühlen. Um Versöhnung herbeizuführen, hilft Verständnis am meisten. 


 Dr. Wardetzki zeigt auf den letzten Seiten, wie man gelassener mit Kränkungen umgeht und hier auch wie man Kränkungsleichen birgt. Zum Schluss dann hat man Gelegenheit an einem Test teilzunehmen. Hier erfährt man, welcher Kränkungstyp man ist. 

 Dieses Buch empfehle jedem, der an einem positiveren Miteinander interessiert ist.

 Bitte klicken Sie auf den Button, dann gelangen Sie zu Amazon und können das Buch bestellen.

Rezension: Bas Kast: Ich weiß nicht, was ich wollen soll: Warum wir uns so schwer entscheiden können und wo das Glück zu finden ist

Das Buch von Bas Kast habe ich in Etappen gelesen, weil mich der Inhalt sehr interessiert hat und ich einzelne Kapitel immer wieder mit Freunden diskutierte. Der Untertitel lautet "Warum wir uns so schwer entscheiden können und wo das Glück zu finden ist". Aha, dachte ich, wieder ein Glücksratgeber mehr auf dem Buchmarkt und las erst mal das Inhaltsverzeichnis, bevor ich mich dann doch entschied, mich auf dieses Buch einzulassen. Wieso sind in den reichsten Ländern der Erde Angsterkrankungen, Depressionen, Stress und Burnout auf dem Vormarsch? Wieso sind nicht alle glücklich, denen es materiell gut geht?


 Kast analysiert ausführlich von dem "Freiheitsparadox", wonach wir immer unzufriedener werden, je größer unsere Wahlfreiheit bei den vielen angebotenen Alternativen ist. Mit der Zahl der Alternativen steigen beispielsweise nicht nur die Alternativkosten, sondern auch die Erwartungen an die gewählte Alternative. Je mehr Optionen uns zur Verfügung stehen, desto mehr "Hätte-ich-dochs" lassen sich auftun. Und je mehr dieser "Hätte ich dochs" sich finden lassen, desto größer wird die Reue und die Zufriedenheit mit der tatsächlich getroffenen Wahl sinkt, (vgl.: S.45).


 Bei allem wird klar, dass mit der gestiegenen Freiheit der Druck auf die Psyche nicht geringer wird, sondern stattdessen das Gegenteil der Fall ist. So wundert es nicht, dass je stärker das Gefühl von Freiheit und Kontrolle unter den Jugendlichen dieses Landes vorherrscht, desto häufiger diese jungen Menschen Selbstmord betreiben, (vgl.: S.52).

 Neben dem Freiheitsparadox handelt der Autor des Weiteren das "Wohlstandsparadox" ab, wonach zwar der Lebensstandard gestiegen ist in unserem Land, aber die Menschen immer häufiger an Angstpsychosen und anderen psychischen Krankheiten leiden.

Interessant auch wie das Geld unsere Psyche verändert. Geld distanziert und zwar nicht nur physisch. "Geld kapselt ab, macht autonom, ja Geld macht tendenziell asozial." (Zitat: S. 127)

 Wie Kast sehr gut verdeutlicht, zeichnet sich die Welt, in der das Geld regiert, im Vergleich zur Freundes- und Intimwelt durch eine im Wortsinn absolute Charakterlosigkeit aus. Warum das so ist, erklärt der Autor sehr gut nachvollziehbar und so lernt man zu begreifen, weshalb wir uns noch so erfolgreich in der Geldwelt bewegen und durchschlagen können und dennoch dort kaum Feedback über uns als Mensch erhalten.

 Der dritte Teil des Buches gilt den rastlosen Stadtneurotikern, die pausenlos unruhig und dadurch gestresst sind. Kast spricht vom zwischenmenschlichen Wettrüsten. Wer es wagt einen Gang herunterzuschalten, fällt in der Hierarchie der Gesellschaft zurück. Alle werden zum Maus im Rad und das Glück bleibt auf der Strecke. Wer in der modernen, namenlosen Massengesellschaft in seiner sozialen Umwelt einigermaßen erträglich behandelt werden möchte, muss hart arbeiten und chronisch rastlos sein, so Bastian Kast.


 Auf den Seiten 240/241 wartet der Autor mit eindringlichen Fragen auf, die sich nicht nur Rastlose ehrlich beantworten sollten. Eine dieser Fragen lautet "Was verliere ich, wenn ich die nächsten zehn, zwanzig Jahre so weitermache wie bisher?" Was verliert man, was gewinnt man, wenn man sein Verhalten ändert, sich beschränkt, weniger rastlos ist, beispielsweise zu bewusstem Singletasting übergeht und andere Maus im Rad sein lässt? Bastian Kast gibt gute Antworten auf diese Frage.

Ein gutes Buch.Empfehlenswert.

Bitte klicken Sie auf den Button, dann gelangen Sie zu Amazon und können das Buch bestellen.
 

Rezension: Die seelenlose Gesellschaft: Wie unser Ich verloren geht.


Auf Seite 74 dieses lesenswerten Büchleins findet man ein Zitat von Marie Luise-Ebner Eschenbach. Dieses lautet "Die größten Feinde der Freiheit sind die glücklichen Sklaven". Der Autor Dr. med. Till Bastian kommentiert im Anschluss daran: "Diese glücklichen Sklaven der modernen Erlebnisgesellschaft und ihrer glitzergrellen Konsumwelt registrieren kaum noch, wie sehr ihnen das eigene Ich verloren geht, wie es ihnen aus der Seele gesaugt wird durch die beständig ihr Zerstörungswerk verrichtenden Vakuumpumpen des "sekundären Systems", die an Stelle seelischer Strukturen innere Leere zurücklassen und uns damit immer wirkungsvoller der "Außenleitung" überantworten." (Zitat: S.74).

Bastian zeigt in einem ersten Überblick, was unsere Seele bedroht und verdeutlicht, dass die mangelnde Übereinstimmung unserer Lebensrealität mit dem von uns selbst entworfenen Ideal-Bild, dem "Selbst-Ideal", mit seinen immanenten Wunschvorstellungen und Größenphantasien es in erster Linie ist, das uns peinigt, weitaus mehr quält als unser Gewissen, sprich das schmerzliche Gefühl gegen moralische Normen zu verstoßen. Die Kluft zwischen dem Wunschbild von sich selbst und der nicht selten als unerfreulich erfahrenen Wirklichkeit der tatsächlich eigenen Person hat zur Folge, dass die Herausbildung einer stabilen Ich-Identität erschwert wird. Im Ergebnis ziehen sich Menschen in die Passivität oder in virtuelle Welten zurück, wo sie sich nicht selten Wunschidentität schaffen, (vgl.: S.23).

Vormals innere Konflikte, die sich aufgrund von seelischer und sozialer Einschränkung ergaben, gibt es heute nicht mehr in diesem Maße, stattdessen werden lt. Dr.Bastian die Bürden neuerdings von außen auferlegt. Es sind, wie er festhält, die vielen alltäglichen Gebote, die erfüllt werden müssen, um sich alltagspraktisch zu verhalten, die Forderungen, die wir erfüllen müssen, um einer bestimmten Kultur oder Subkultur anzugehören, das pausenlose Konkurrieren, dass unsere Seele aus Dauer zerstört. Überanstrengung, Erschöpfung, Überdruss, Frustration und innere Leere kennen wir alle und keiner ist damit glücklich.

Der Autor möchte mit seinem Buch Verschüttetes, Überschriebenes und Übertünchtes freilegen, um auf diese Weise seinen Lesern neuen inneren Halt zu geben. Er bemüht in seinem Text viele kluge Leute, wie etwa den Soziologen Norbert Elias, schreibt u.a. davon, dass der Zwang zur Selbstdisziplin und Selbstkontrolle, unter dem wir dauern stehen, unser Nervensystem überaus beansprucht und wir ständig Entscheidungen treffen müssen, zu denen wir gar nicht in der Lage sind. Bas Kast, dessen Buch "Ich weiß nicht, was ich wollen soll", ich gerade zu lesen begonnen habe, bestätigt anhand von Fakten die von Dr. Bastian getroffene Aussage.

Das Ringen um Identität wird immer schwieriger. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass es mittlerweile zum modernen Einsiedlertum kommt. Die Japaner nennen dieses Phänomen "Hikkikomorie". Bei uns spricht man bei einem solchen Verhalten von "sozialer Phobie", neben "Nesthockerei" ist das ein weiteres Verhaltensmuster, um sich den pervertierten Anforderungen unserer Gesellschaft nicht zu stellen.

Dr. Bastian skizziert die Merkmale seelischer Stagnation. Dazu gehört u.a. eine oft sehr weitgehende Abkoppelung vom Tag-Nacht-Rhythmus, exzessiver Aufenthalt in virtuellen Welten, um dort beispielsweise an Computerspielen teilzunehmen, die Unfähigkeit sein Leben angemessen zu organisieren, bei einer mehr oder minder deutlichen Tendenz zur Verwahrlosung, (vgl.: S.50).

Der Autor schreibt u.a. über moralische Verwahrlosung und steigende Gewaltbereitschaft, auch über das Verschwinden von körperlicher Fitness, um sich dann mit der sogenannten Mobilitätsmaschine, Datenmaschine, Bedeutungsmaschine und der Geldmaschine, dem so genannten Sekundären System, das ich eingangs erwähnte, auseinanderzusetzen und deren systematisches Zusammenwirken aufzuzeigen. Dieses Wirkungsgefüge scheint sich in der Wechselwirkung sehr negativ auf unsere Seele auszuwirken, sodass man klug daran tut Außenreize zu reduzieren, sein Leben zu vereinfachen, sich Zeit zur Muse, Besinnlichkeit und Selbstreflexion zu gönnen und sich den nötigen Respekt für die eigene innere Ambivalenz, für die Vielschichtigkeit und Mehrdimensionalität des zu erforschenden eigenen Seelenlebens einzuräumen, (vgl: S.143.)
Sehr empfehlenswert.
  

Rezension: Umarme deine Angst und verwandle sie in positive Lebenskräfte: Ein Selbsthilfeprogramm (Gebundene Ausgabe)

Autorin dieses Selbsthilfeprogramms gegen überbordende Ängste ist die Diplompsychologin Prof. Dr. Gina Kästele. Sie erläutert zunächst das Wesen von Angst- und Hilflosigkeitsgefühlen und macht begreifbar, dass Angst völlig normal ist und als Reaktion auf bestimmte Lebensumstände ausgelöst wird, aber auch auftreten kann, obschon es objektiv keine Gefahrensituation gibt. 

 Die Psychologin macht den Leser mit den Gefühlen von Angst und Hilflosigkeit vertraut und erläutert in der Folge realistische Lebensängste, Handlungsängste, Hilflosigkeitsängste sowie phobische Ängste und verdeutlicht, dass bei aller Unterschiedlichkeit der Ängste es auch gewisse Gemeinsamkeiten gibt. Diese bestehen in einem unangenehmen, spannungsreichen emotionalen Zustand. 

Dabei wird stets erläutert, worin die Angst besteht und es wird geschildert, was es zu begreifen gilt und wie die Heilung ausschaut. Die Autorin empfiehlt immer wieder gewisse Sachverhalte und Beobachtungen aufzuschreiben, um sie sich auf diese Weise bewusst zu machen. Sie thematisiert die körperlichen Auswirkungen von Angst und zeigt dabei wie der Herz-Kreislauf-Typ, der Magen-Darm-Typ und der diffuse Erregungstyp auf Angst reagieren. 

 Man erfährt wie sich Angstgefühle im Verhaltensbereich auswirken. Zumeist wird versucht angstauslösende Situationen zu vermeiden. Allerdings hemmt Ausweichen die persönliche Entwicklung, was zur Folge hat, dass man das Selbstvertrauen verliert und mit erhöhter Hilflosigkeit und Unsicherheitsgefühlen konfrontiert wird. 

 Kästele bringt die Auswirkungen der Gedanken und das Angsterleben zur Sprache und zeigt verschiedene Gedankenfehler auf. Zu diesen Fehlern zählt das Alles-Oder-Nichts 'Denken, das Katastrophendenken, die Selbstabwertung und handlungsblockierende Einstellungen sowie anderes mehr. Dabei zeigt die Psychologin, was man im Einzelnen begreifen muss und wie es zur Heilung kommen kann. 

 In der Folge lernt man den Angstkreislauf kennen und diesen zu verändern. Aufgeklärt wird man über unsere Angst- und Hilflosigkeitsdämonen. Hier werden die körperlichen Ursachen von Angst erläutert, traumatische Ereignisse im Erwachsenenalter lernt man kennen und begreift, dass Angst stets das Ergebnis eines Lernprozesses ist, der unter bestimmten Umständen stattgefunden hat, in denen Einsichten und Erfahrungen gemacht wurden, die Angstentwicklung begünstigen. 

 Ausführlich wird man über die in der Kindheit entstandenen Ängste unterrichtet. Hier lernt man auch den Begriff des "inneren Kindes" kennen und erfährt, dass besagtes Kind in uns zahllose Angstprogramme verinnerlicht hat und in Situationen, die das alte Programm auslösen, die damit verbundenen Gefühle gesetzt werden. 

Die Autorin zeigt, wann Eltern ungünstige Erziehungsmodelle darstellen und weshalb eine hohe Erwartungshaltung Angstgefühle begünstigt. Die Psychologin unterstreicht, dass Medikamente und Alkohol Angstgefühle nicht auflösen, sondern der beste Weg, Angst und Angstgefühle zu überwinden, darin besteht, diese "negativen" Gefühle bewusst anzunehmen. Ein Ausweg aus der Angst findet man in einer neuen Lebensphilosophie. Wie diese aussehen kann, erläutert die Autorin gut nachvollziehbar und zeigt an einem Schema wie aus der Position der Hilfslosigkeit eine Position der Handlungsfähigkeit wird. 

 Im praktischen Übungsprogramm lernt man zunächst unterschiedliche Wahrnehmungs- und Bewältigungstypen kennen und hat Gelegenheit sich Gedanken zu machen, wie man selbst tickt. Anschließend werden Veränderungstechniken erklärt und der Zweifler in uns wird ausgelotet. Man lernt einen Dialog mit dem inneren Dialog zu führen, sich durch kreatives Schreiben von der Angst zu befreien, die Sprache als Helfer zu begreifen und sich mit Bejahungstechniken vertraut zu machen. Die Psychologin wartet mit vielen hilfreichen Wahrnehmungsübungen gegen Angst auf, die man dann, wenn man sich bedroht fühlt, anwenden kann. Weitere Helfer sind innere Bilder, der Atmen und die Haltung. Dahingehend wird man auch bestens informiert. 

 Man muss lernen mit seinen Ängsten umzugehen, denn nur so gelingt es keinem, uns einzuschüchtern. Nur auf diese Weise wird man frei und handlungsaktiv. 

 Empfehlenswert.

Bitte klicken Sie auf den Button, dann gelangen Sie zu Amazon und können das Buch bestellen.

Rezension:Auf einen Wein mit Seneca: Gespräche über Gott und die Welt (Gebundene Ausgabe)


Dieses Buch habe ich heute Vormittag mit allergrößtem Vergnügen gelesen. Die Idee, die den fiktiven Interviews Karl-Wilhelm Weebers mit Seneca zugrunde liegt, finde ich sehr originell. Weber bringt in seinen Dialogen mit dem römischen Philosophen dem Leser diesen auf geschickte Art näher. Plötzlich lebt Seneca wieder auf und plaudert fast ein wenig amüsiert mit Weeber über Gott und die Welt.

Als Leser von Texten längst verstorbener Menschen steht man mit diesen während des Lesens ja immer in einem fiktiven Dialog, zumindest dann, wenn man sich ernsthaft mit deren Denken auseinandersetzt. Hier im Buch ist das, was ansonsten in unseren Köpfen stattfindet, für jeden nachlesbar dokumentiert.

Weeber beginnt den Dialog zu einem Thema stets mit einer Frage und Seneca antwortet. Die Antwort ist in lateinischer und in deutscher Sprache abgedruckt. Erwähnt wird auch immer, aus welchem Text die einzelnen Sentenzen Senecas sind. Die einzelnen Dialoge erstrecken sich dann zumeist auf 3-4 Seiten. Weeber entwickelt geschickt passende Fragen zu den Sentenzen zu einem Thema, die aus unterschiedlichen Texten des Philosophen stammen und erweist sich als Kenner der Gedankenwelt des alten Römers.

Gespräche über Zeitverschwendung, über die Frage, ob Geld glücklich macht, über den Sex, die Frau und die Unmoral, über Mobbing, über Solidarität, Freizeitstress, Freundschaft u.a. mehr, werden hier dem Leser präsentiert und verdeutlichen, dass sich zwar die Zeiten, aber die Menschen nicht geändert haben.

Irgendwann zum Schluss fragt Weeber Seneca: "Wie eng verbindet echte Freundschaft zwei Menschen? Seneca antwortet (ich zitiere an dieser Stelle nur die ins Deutsche übersetzte Sentenz): "Ich bin kein echter Freund, wenn nicht alles, was dich betreffend geschieht, auch meine Sache ist. Die Freundschaft stiftet eine Gemeinschaft aller Dinge zwischen uns, und weder ein Glück noch ein Unglück gibt es nur für den einen von uns: Man lebt gemeinsam: Keiner Kann glücklich leben, der nur auf sich schaut, der alles nur auf seinen eigenen Nutzen bezieht. Du musst für den anderen leben, wenn Du für dich leben willst." (Zitat: S. 166)

Empfehlenswert.

Bitte klicken Sie auf den Button, dann gelangen Sie zu
Zu Amazon und können das Buch bestellen.
   

Rezensionen: Schriften zur Politik (Gebundene Ausgabe)

Der ungarische Theaterwissenschaftler, Kritiker, Publizist und Theaterintendant Ivan Nagel (geb. 1931) ist der Autor der vorliegenden Schriften zur Politik, die er in drei große Kapitel untergliedert hat und zwar in:

Die geteilte WeltLust und Last der Vereinigung
Das Falschwörterbuch

Wie man der Einleitung entnehmen kann, entstand der erste Teil des Buches in fünfunddreißig Jahren, der zweite Teil in zehn und der dritte Teil in zwei Jahren. Nagel hat beim Verfassen der einzelnen Texte nicht an ein Buch gedacht.

Den Kapiteln vorangestellt ist seine Dankrede für den Moses-Mendelsohn-Preis, die er am 6.9. 2000 im Konzerthaus Berlin hielt. Diese Rede trägt den Titel "Toleranz und Intoleranz: Erfahrungen" und lässt den Leser hier wissen, was die Demokratie von zwei Seiten auszehrt. Als Gründe nennt er die Geringschätzung des Volkes durch die Politiker und das Misstrauen gegen Politiker im Volk. Dabei würden Politiker nicht aufhören, ihre Glaubwürdigkeit abzubauen, nicht zuletzt durch das Hersagen von Parolen, Winken mit Hintergedanken und Widersprüchen. Toleranz und Intoleranz im Volk werden von eben diesen Parolen, Winken mit Hintergedanken und Widersprüchen beeinflusst. Ivan Nagel verabsäumt es nicht, seine eigenen Erfahrungen von bald 70 Jahren mit Toleranz und Intoleranz näher zu beschreiben, bevor man dann Gelegenheit hat, sich mit seinen Texten näher zu auseianderzusetzen.

Der erste Text stammt übrigens aus dem Jahre 1957 und trägt den Titel "Wege nach der Kollaboration- Nach dem Ungarn-Aufstand" und der letzte wurde 2011 verfasst. Er beinhaltet Überlegungen zum Libyenkrieg.

Im Rahmen seiner Texte, in denen er sich gegen Unfreiheit, Unwahrheit und Zensur äußert, haben mich zwei Texte besonders beeindruckt. Die Laudatio zum Friedenspreis für Susan Sontag mit dem Titel "Töten ist konkret" hörte ich mir bereits 2003 im Fernsehen an und war als ich sie nun las, erneut sehr berührt von den eloquenten, hochsensiblen Worten dieses wirklich klugen Mannes. Im gleichen Jahr hielt Nagel eine Dankrede für den Ernst-Bloch-Preis zur doppelten Geschichte des Selbstmordes. Hier fand ich zwei Fragen, die sich beim Selbstmord stellen: "Wer ist der Mensch?" und "Wem gehört der Mensch"? Je nach dem, zu welchen Ergebnissen man gelangt, ergeben sich unterschiedliche Beurteilungen und Konsequenzen. Sind Selbstmörder feige? Meines Erachtens sind sie nicht selten sehr mutig. Doch diesbezüglich widersprechen natürlich die Pastoren seit Jahrhunderten. Das auch verschweigt Nagel nicht. Wer Verantwortung für sein Leben übernimmt, wird ebenso verantwortlich mit seinem Tod umgehen. Es ist schon interessant, dass gerade dort, wo die Freiheit des Menschen sehr beschnitten wird, die Selbstmordrate besonders hoch ist, siehe:Selbstmord im Dritten Reich
Empfehlenswert.

Rezension:Philosophische und theologische Schriften (Gebundene Ausgabe)

"Die Liebe ist das belebende Prinzip aller Tugenden. Wer die wahre Liebe haben will, muss alle Furcht und unvollkommene Liebe aus sich verbannen, denn wer fürchtet, liebt noch nicht vollkommen; denn die Furcht sagt, dass der Liebende noch nicht um den Geliebten willen etwas zu verlieren bereit ist, nämlich die Anhänglichkeit an das, was er nicht gerne verlöre." (Zitat, S. 612). (Eine so präzise Beschreibung der vollkommenen Liebe habe ich noch nie zuvor gelesen. Meines Erachtens trifft Cusanus genau den Punkt, indem er den letzendlichen Liebesbeweis genau definiert.)

Dieses Buch enthält philosophische und theologische Schriften des Renaissance-Philosophen Nicolas Cusanus (1401-1464). Seine Schriften basieren auf einem gedanklichen Konzept, das die Auflösung und Verschmelzung der zwischen Immanenz und Transzendenz, zwischen Verstand und Vernunft gewährt.

Herausgeber dieses umfangreichen Werks ist Eberhard Döring. Er auch hat das Vorwort und die Einleitung verfasst. Das vorliegende Buch ist eine Übersetzung aus dem Jahre 1865.

Cusanus war ein Universalgelehrter, der sich nirgendwo fest einbinden ließ. Er hat sich als Jurist aber auch als Fürst und insofern als Politiker synergetisch auf unterschiedlichen Terrains bewegt, dennoch überwiegen in seinem Gesamtwerk die theologischen Schriften, aber der intellektuelle Gehalt seines revolutionären Denkens geht aus seinen philosophischen Schriften hervor. Diese Schriften werden im vorliegenden Werk vorgestellt und kommentiert. Als Begründung für diese Auswahl führt, Döring das Argument an, dass aufgrund der philosophischen Schriften auch andere Texte von Cusanus leichter zu verstehen sind.

Das Buch ist untergliedert in die Abschnitte: Spekulative Schriften; Speziell Dogmatisch-Ethisches; Religiose Dialoge; Predigten.

Der Philosoph stellt u.a. Betrachtungen an über den Wert der Literatur, auch über den Ursprung der Seele, über Glaube, Gnade, die Sünde, über Wissen, über die Liebe im Verhältnis zu Erkennen und Freiheit, über die Kraft der Liebe und deren Wirksamkeit, um nur einige Themen zu nennen.

Vielleicht ist einer der wichtigsten Gedanken im Buch nachstehender: "Die Liebe ist stark wie der Tod. Wie dem Tode alles unter dem Himmel unterworfen ist, so auch die Liebe. Unauflösliche Bindungen knüpfen sich durch die Liebe. So lobenswert daher die rechte Liebe ist, so tadelnswert ist die verkehrte Liebe. Begehrlichkeit, Zorn und alle Leidenschaften entstehen aus dem Mangel der wahren Liebe." (Zitat. S. 615). Diesem Gedanken kann man nicht widersprechen.

Empfehlenswert.

Bitte klicken Sie auf den Button, Dann gelangen Sie zu Amazon und können das Buch bestellen.

Rezension: Die Kunst nicht abzustumpfen- Dr. Stephan Marks

Autor dieses Buches ist der Sozialwissenschaftler Dr. Stephan Marks, der sich seit Jahrzehnten für Frieden, Gerechtigkeit und Naturbewahrung engagiert. Sein Thema ist die Hoffnung, ohne die die Zukunft keine Chance hat. Diese Hoffnung ist das Ergebnis eines Prozesses, durch den sie geschöpft werden kann, wie dies im ersten Teil des Buches herausgearbeitet wird.

Der Autor verdeutlicht, dass Optimisten und Pessimisten leider beide zur Konsequenz haben, dass die Betreffenden sich wenig engagieren und ihre Fähigkeit zur Lösung der gesellschaftlichen und globalen Probleme nur geringfügig in die Gesellschaft einbringen, (vgl.: S. 16). Weshalb das so ist, erläutert der Autor sehr gut nachvollziehbar und zeigt als Alternative einen dritten Weg auf, nämlich den der Hoffnung. Den Unterschied macht er anhand eines Wortspiels deutlich: "wonach die Optimisten ein halbvolles Wasserglas sehen, Pessimisten ein halbleeres. Demgegenüber bedeutet Hoffnung die Bereitschaft, nach seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten beizutragen, dass das Glas voller wird- ganz unabhängig davon, wie voll oder leer es jeweils sein mag. Weil diese Frage im Grunde irrelevant ist." (Zitat: S. 16).

Der Autor zitiert Lazarus, der in einer knappen Sentenz verdeutlicht, dass Hoffnung über Zuversicht oder Optimismus hinausgeht und wichtiger als diese sei. Dem kann ich nur zustimmen. Dr. Marks stellt zunächst den Prozess der Hoffnung am Beispiel der alttestamentarischen Propheten Moses, Jeremia und Jesaja II als auch Martin Luther King jr. vor, um sich anschließend mit Trauerarbeit näher zu befassen. Hier erwähnt er eingangs den Tiefenpsychologen Carl Gustav Jung, der in seinen psychotherapeutischen Beobachtungen konstatierte, dass die menschliche Psyche die Fähigkeit besitzt, leidvolle und furchtbare Erfahrungen in Positives zu transformieren und zwar in neue Lebendigkeit, Lebensenergie und in Aufgeschlossenheit für Neues, sprich für Hoffnung. Diese Beobachtungen hat man auch in der Trauerarbeit gemacht. Hier hat man verschiedene Phasen ermitteln können, von anfänglichen nicht Wahrhaben-Wollen über Zorn und Depression bis hin zu Akzeptanz und neuer Lebendigkeit, (vgl.: S. 33).

Offenbar kann es ohne den Prozess der Trauerarbeit keine Hoffnung auf Neues geben, weil Hoffnung die Annahme und das Empfinden von Krisen auch in ihrer leidvollen Qualität mit einschließt. Erst dann, wenn man Krisen annimmt, kann es zu Veränderungen kommen, insofern setzt Hoffnung das Wahrnehmen von Leiden voraus. Die Zerstörung der Empfindungsfähigkeit kommt der Zerstörung von Hoffnung gleich, (vgl.: S. 34).

Schmerzhafte Emotionen allerdings treten nicht nur beim Tod nahestehender Menschen oder bei ungewollter Trennung von diesen auf, sondern auch dann, wenn man erschütternde Nachrichten über der Welt erfährt. Der Schmerz über die Welt ist ein Alarmsignal, das uns sagen möchte, dass etwas verändert werden muss. Leider werden solche Schmerzen verdrängt oder geleugnet. Dies führt zur Entfremdung und Vereinzelung, mit der Konsequenz, dass wir eine Art Doppelleben führen. Dies hat zur Folge, dass wir uns die inneren Quellen unserer Kreativität abschneiden.

Der Autor macht klar, dass wir alle durch die Abschaffung des Schmerzes das Bewusstsein für unsere Grenzen verlieren. Der Schmerz, so der Philosoph Volker Caysa, den Dr. Marks zitiert, zeige die Würde des Körpers. Er verdeutliche, wenn wir uns zu überfordern beginnen, möglicherweise gar zerstören. Nur wer den Schmerz ernst nehme, nehme auch sich selbst ernst- und seine Mitmenschen,(vgl.: S.45). Der Mensch, dem Schmerzen fremd sind, bleibe sich selbst der Nächste, er werde mitleidlos, weil ihm auch der Schmerz des Anderen fremd sei. Die meisten Menschen verdrängen die Emotionen über die Welt, weil sie befürchten, davon überwältigt und gelähmt zu werden, aber mehr noch, weil sie der Meinung sind, Gefühle seien Privatsache.

Privatsache sollten Gefühle nach Meinung des Autors nicht sein, wenn ihre Ursache in einer gewalttätigen, ungerechten und ökologisch gefährdeten Welt zu finden sei. Leider verhalte es sich so, dass eine falsche Privatisierung von gesellschaftlich bedeutsamen Emotionen durch unsere Wissenssysteme gefördert werden, welche die Psyche und die Gesellschaft als getrennte Phänomene betrachten.

Erste Schritte zur Hoffnung sind dadurch gehbar, indem man den Umgang mit Nachrichten verändert und begreifen lernt, dass ein Mehr an Information keineswegs eine größere Vorhersehbarkeit bedingt. Es geht um die Qualität mit dem Umgang mit Informationen, um den Prozess, den Al Góre mit einer Gärung vergleicht. Diese bedingt Zeit und zudem andere Formen der Vermittlung von Information.

Dr. Marks zeigt, wie man mit schmerzhaften Nachrichten umgehen sollte und dass es der Stille bedarf, um Nachrichten zu verarbeiten. Die Überreizung und Beschädigung des Hör-Sinnes sei mitverursachend, dass unsere Beschäftigung mit den Nachrichten über die Welt in erster Linie kognitiv geschehe, während die emotionale Bedeutung weitgehend verdrängt werde, (vgl.: S.60).

Ausführlich schreibt der Autor über Hoffnungsarbeit und in der Folge auch davon, dass Angst vor Ausgrenzung, daran hindert sich mit dem Schmerz auseinanderzusetzen und darüber auch mit anderen zu sprechen. Gewissenscham ist ein weiteres Thema in diesem erhellenden Buch, in welchem hervorgehoben wird, dass das persönliche Engagement für Frieden, Gerechtigkeit und Naturbewahrung dazu beträgt, die eigene Integrität und damit Würde zu retten.

Dr. Marks erwähnt den Begründer der Logotherapie Dr. Victor Frankl, der die Beobachtung machte, dass der Verlust von Hoffnung sich negativ auf das Immunsystem auswirkt und sogar zum Tode führen kann. Darüber schreibt auch Overbeck, den der Autor ebenfalls ins Feld führt. Hoffnungslosigkeit verschlechtert nicht selten bei Witwern und Witwen deren Gesundheit, was zu Infarktkrankheiten, Rheuma, Asthma, etc., ja sogar zur erhöhten Sterblichkeitswahrscheinlichkeit führen kann.

Was es bedeutet guter Hoffnung zu sein, erläutert Dr. Marks dann im dritten Teil seines Buches und geht hier auf die drei Denkblockaden ein, die er die Kausalitäts-Brille, die mathematische Brille und die Brille des linearen Denkens nennt. Um guter Hoffnung zu sein, ist es notwendig sich in nicht zynisch-ausgerichteten Nachrichten-Magazinen zu informieren, sondern sich dort Informationen zu holen, wo man sachlich und positiv mit gesellschaftlichem Wandel hin zu Frieden, Gerechtigkeit und Naturbewahrung informiert, ohne dabei die rosa Brille vor Augen zu haben. Das dies möglich ist und uns gesunden lässt, das macht Dr. Stephan Marks deutlich.

Empfehlenswert.
 Bitte klicken Sie auf den Button, dann gelangen Sie zu Amazon und können das Buch bestellen.

Rezension:Tao-Te-King. Das Buch vom Sinn und Leben (Gebundene Ausgabe)


Der Verfasser des vorliegenden Buches, Laotse (ca 570- 490 v. Chr.), ist der wohl berühmteste Philosoph des Taoismus. In der Einleitung hat man Gelegenheit Wissenswertes über dessen Persönlichkeit in Erfahrung zu bringen und sich allgemeine Kenntnisse über das Werk, die historische Stellung Laotses und den Inhalt des Taoteking anzueignen. Anschließend erfährt man von Dr. jur. Harald Gutherz Aufschlussreiches im Hinblick auf Laotses Gedanken zur menschlichen Gesellschaft.

Das Buch ist in zwei Teile untergliedert. Der erste Teil trägt den Titel Sinn, der zweite den Titel Leben.

Laotse zeigt im Rahmen seiner Sprüche, die den beiden Teilen untergeordnet sind, auf, dass die Menschen und die Welt eine natürliche Einheit bilden. Diese harmonische Geschlossenheit zerbricht dann, wenn Wettstreit, Gier und Selbstsucht ihr Tun bestimmt. Die philosophischen Überlegungen Laotses verhelfen dem Leser, auf den Weg zur harmonischen Geschlossenheit zurückzufinden, der sich dem öffnet, der einem genügsamen, gewaltlosen und nachsichtigen Leben zustimmen kann.

Das Buch ist heute so aktuell wie zu dem Zeitpunkt als es geschrieben wurde.

Empfehlenswert. 

Bitte klicken Sie auf den Button, dann gelangen Sie zu Amazon und können das Buch bestellen.