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Rezension: Das Haus der Gefühle- Harald Welzer, S. Fischer




Der Sozialpsychologe Harald Welzer zeigt in diesem Buch, woraus unsere Weltbeziehungen gemacht sind. Der Autor zitiert eingangs den jüngst verstorbenen Intellektuellen Alexander Kluge, der konstatierte, dass wir in unseren Gefühlen wie in Häusern wohnen. Sie hätten eine Architektur, in der wir lebten. 

Dennoch spiele, so Welzer, in der Geschichts-und Politikwissenschaft das Themenspektrum Affekt, Emotion und Gefühl eine Nebenrolle, obgleich die Neurowissenschaft uns nicht im Ungewissen lasse, dass wir ohne Gefühle weder entscheidungs- noch handlungsfähig seien. Der Versuch Geschichte und Gesellschaft ohne Berücksichtigung der Gefühle zu verstehen, sei ungefähr so schlau, als würde man sagen, dass Raupen in der Schmetterlingsforschung nichts verloren hätten. 

Machtpolitiker wüssten, dass der Wunsch nach Freiheit ein Gefühl sei, dass dem Wunsch nach Macht entgegenstehe und betrieben von daher eine Politik der Affekte, erzeugten Angst und versprächen Erlösung. Dem kann ich nicht widersprechen, auch der Tatsache nicht, dass, sobald Angst ins Spiel kommt, die Vernunft stets unterlegen ist. 

Wer etwas verändern und loslassen möchte, benötige Zutrauen, Vertrauen, Sicherheit und Zuversicht, Gefühlsdimensionen, die erlernt werden müssen, denn wer sie nicht hat, bewege sich in den Krisensituationen rückwärts. Wut, Misstrauen und Retropolitik seien die Folge. Das erleben wir derzeit politisch allerorten. 

Welzer schreibt über die Notwendigkeit der Gegenwart, die Tolle in seinem Werk "Jetzt" bereits beschwor und empfiehlt das Überstreben abzutrainieren, weil es dem Innehalten und damit im Jetzt zu sein, widerspricht.

Des Weiteren fokussiert der Autor die Grundlagen für Weltvertrauen und erläutert deshalb auch frühkindliche Bindungsformen und deren Folgen. Die sichere Bindung sei der zentrale Raum der Gefühle. Diese Bindungsform benötigten wir alle, um uns proaktiv auf Zukünftiges hinzubewegen und Neues beginnen zu wollen und auch zu können. Aufbruch setze Bindung voraus. Das Haus der Gefühle mit stabiler Statik sei die notwendige Basis für Veränderungsbereitschaft, für den Willen aufzubrechen und mithin JA zur Transformation zu sagen. 

Welzer schreibt, dass seit der Einführung des Smartphones psychische Krankheiten signifikant zugenommen hätten, gleichfalls die Gefühle von Einsamkeit und Verlassenheit. Gemeinsamkeit gehöre im existentiellen Sinne zum Haus der Gefühle und hier scheint durch das Smartphone ein Mangel entstanden zu sein, der sich negativ auf Kooperation, Empathie, Fairness etc. auswirke. Seit es die Welt des Smartphones und sozialen Netzwerke gebe, werde nicht nur die äußere Welt verstärkt kolonisiert und zerstört, sondern auch die Innenwelt der Menschen ausgebeutet. Dies alles geschehe im Zeichen der Optimierung, die nicht wirklich in Frage gestellt werde. Resonanz finde immer weniger statt, doch ohne diese sei das Haus der Gefühle leer. 

Es führt zu weit auf die vielen interessanten Geschichten des Buches einzugehen, was allen zu entnehmen ist, ist die Tatsache, dass ein Ruck durch die Gesellschaft gehen muss. Ein starkes Wir- Bewusstsein, das Vertrauen voraussetzt, kann durchaus wieder kultiviert werden. Nur so kann man dem Rückwärtsgewandtsein positiv entgegenwirken und das müssen wir m.E. auch dringend, um dem Wahnsinn, der derzeit auf dieser Welt herrscht, ein friedliches Ende zu setzen. 

Worauf es ankommt? Das kann man in diesem wirklich guten Buch lesen.

Helga König

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