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Rezension:Die Illusion der perfekten Kontrolle (Gebundene Ausgabe)

"Kontrollfreaks" haben mich schon immer irritiert. Welches Problem haben solche Menschen? Was treibt sie in ihrem Tun an?

Der Psychotherapeut Dr. med. Bernd Sprenger gibt in diesem Buch detailliert und zufriedenstellend Antworten auf diese Fragen. Der Autor macht gleich zu Beginn deutlich, dass es Menschen gibt, die bereits bei kleinsten Unwägbarkeiten ängstlich reagieren und sich unwohl fühlen. Wenn bei solchen Menschen der Wunsch nach Kontrolle als Folge von Angst geradezu der einzige das Leben noch dominierende Impuls wird, droht eine krankhafte Entwicklung. Es kann zu so genannten Angststörungen mit ständigen Ängsten kommen, die der äußeren Lebensrealität nicht mehr angemessen sind und die Betroffenen im großen Maße im alltäglichen Lebensvollzug behindern können. Bei "Kontrollfreaks" findet ein regelrechter Kampf darum statt, sich selbst zu beweisen, dass man die Kontrolle doch noch hat. Dr. Sprenger mach klar, dass Heilungsprozesse erst dann einsetzen, wenn der Patient akzeptiert, dass er machtlos ist.

Zwanghafte Kontrollrituale können den ganzen Tag ausfüllen und die Quelle großen Leides bei Betroffenen sein, weil sie immer mehr von Angst überschwemmt werden. Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass Angst biologisch verankert ist, besagter Affekt dem Organismus zur Orientierung über drohende Gefahren dient. Allerdings wird Kontrolle ab einem gewissen Punkt kontraproduktiv und verursacht das Gegenteil dessen, was es bewirken sollte: Ein Zuviel an Kontrolle macht lebendige Prozesse zunichte.

Dr. Sprenger hält fest, dass die Krankentage (Krankenmeldungen beim Arbeitgeber) aufgrund psychischer Erkrankungen sich in den letzten 30 Jahren mehr als verdoppelt haben. Die häufigsten dabei festgestellten Diagnosen sind " Depression" und " Angststörung". Menschen, bei denen die Ich-Struktur wenig gefestigt ist, haben das Gefühl zu wenig Kontrolle zu besitzen. Das Fundament zu einer stabilen oder zerbrechlichen Ich-Struktur wird in der frühesten Kindheit gelegt. Wie das funktioniert, erklärt der Autor sehr gut, bevor er sich mit der Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung und Selbststeuerung auseinandersetzt. Hierzu gehört, eigene starke Gefühle aushalten zu können und die Impulse, die von ihnen ausgehen, steuern zu können. Darunter versteht Sprenger, dass eine Person in der Lage ist, den eigenen emotionalen Zustand, die eigenen Bedürfnisse und den Zustand des eigenen Körpers bewusst wahrzunehmen, zu reflektieren und zu steuern. Der Autor nennt hierfür ein Beispiel:"Ich bin wütend und frage mich, warum ich das bin (auf wen bin ich ärgerlich und aus welchem Grund?). Ich kann entscheiden, was ich mit dem Ärger mache, und ich muss den Ärger nicht blind ausagieren...." Er unterstreicht, dass Menschen, die ein starkes Gefühl nicht in sich halten können, beziehungsweise einen aus diesem sich ergebenden Handlungsimpuls nicht steuern können, an diesem Punkt ein ich-strukturelles Problem haben. Personen, die so "gestrickt" sind, haben über einen zentralen Bereich der eigenen psychischen Funktion tatsächlich wenig Kontrolle.

Der Autor thematisiert im weiteren Verlauf die Kontrolle in zwischenmenschlichen Beziehungen. Dabei sind Schuldgefühle ein mächtiges Mittel, andere zu kontrollieren. Die Methode, Kontrolle über Schuldgefühle auszuüben, ist im Geschäfts- wie im Privatleben nicht selten anzutreffen. Vergessen wir niemals, dass "Kontrollfreaks" einfach sehr angstbesetzte Menschen sind und beurteilen wir ihr Verhalten unter diesem Gesichtspunkt.

Spengler lotet das Phänomen der Macht im Hinblick auf Kontrollzwänge aus und fragt nicht grundlos, ob es möglicherweise einen Zusammenhang geben könnte zwischen unserer derzeitigen narzisstischen Kultur und dem Bedürfnis Kontrolle auszuüben. Zitat des Autors: "Die >>narzisstische Gesellschaft<< (.......)ist nicht sehr beziehungsorientiert in dem Sinne, dass verlässliche und nahrhafte Beziehungen die Regel sind. Der Preis für die Flexibilität, Mobilität und Freiheit, die wir heute genießen, ist durchaus sehr hoch: Wir bezahlen mit einem latenten Vertrauensverlust. "Genau hier beginnen dann die Kontrollzwänge bei ich-schwachen Menschen. Glaubt jemand aufgrund seiner Macht auch vollkommen ängstigende Aspekte seines Lebens vollkommen kontrollieren zu können, kann es dazu kommen, dass er tatsächlich meint, allgemeingültige Gesetze gelten für ihn nicht mehr. Auf diese Weise entsteht eine Form des Grandiositätsgefühls, welches die realistische Wahrnehmung der Grenzen des Machbaren und den Grenzen des Anstandes außer Kraft setzt.
Offenbar sind es gerade die Überängstlichen, die der Droge der Macht verfallen, weil sie die Illusion der Kontrolle massiv nährt. Aber man sollte sich bewusst machen, dass letztlich alle Formen der Macht, die das Leben vollständig kontrollieren wollen, früher oder später scheitern. Die Illusion der perfekten Kontrolle macht krank. Alle Versuche perfekte Kontrolle auszuüben, führen früher oder später dazu, dass der Wirklichkeit Gewalt angetan wird. Man sieht dieses Phänomen deutlich in allen Diktaturen.

Das Gegenteil zur Kontrolle stellt Vertrauen dar. Die Fähigkeit Vertrauen zu entwickeln, hängt mit der Bereitschaft zusammen, in einen emotionalen Kontakt mit anderen Menschen zu treten, sich auf Beziehungen einzulassen und sie auch wirklich zu leben. Es ist gar nicht so schwer Dinge geschehen zu lassen. Zwanghafte Kontrolle stiehlt zu viel Lebenszeit und verstärkt bloß die Angst nicht zu genügen. Zwanghafte Kontrolle macht krank.

Dies ist ein sehr gutes Buch, das ich mit großem Interesse gelesen habe. Ich war mir bislang nicht völlig bewusst, wo die Ursachen für zwanghaftes Kontrollverhalten zu suchen sind und ordnete solche Verhaltensmuster ausgeprägten Machtinteressen zu. Ich sah bislang nicht die dahinterstehende Angst der "Kontrollfreaks" und begreife die Ich-Schwäche all dieser Menschen jetzt besser, auch hier im Netz.


Empfehlenswert

Helga König

Onlinebestellung Amazon: Die Illusion der perfekten Kontrolle

Rezension: Mystische Schriften (insel taschenbuch) (Taschenbuch)

Die Schriften des Philosophen Meister Eckhart ( um 1260- 1328) sind von der Intention getragen, die Einheit des Gerechten und der Gerechtigkeit, Gottes und des menschlichen Geistes zu beweisen und als Gottesgeburt im Menschen - die Wahrheit der Inkarnation Gottes in der Seele - philosophisch zu begründen. Für Meister Eckhart ist Gott so extrem der schlechthin Gute, der Eine, der Absolute, der ganz Jenseitige, das es nicht gelingt über ihn etwas in Erfahrung zu bringen. Alles, was wir ihm an Eigenschaften zuschreiben, kommt ihm wohl eher nicht zu. Sofern besteht die Theologie in erster Linie aus negativen Aussagen. Für den Philosophen ist dieser völlig jenseitige Gott eine "ungenaturte Natur". Die Gottheit ist zu unterscheiden von der "ungenaturten Natur". Die urprüngliche Gottheit ist aufgrunddessen, dass ihr auch das Prädikat des Sein an sich nicht beigelegt werden kann, wie der Abgrund des Nichts. Damit die Gottheit sich offenbaren kann, muss sie sich erst bekennen, gewissermaßen das "Wort sprechen". Auf diese Weise wird aus der Gottheit der dreieinige Gott des Christentums. Die Gottheit teilt sich in eine Subjekt und ein Objekt. Das Subjekt ist Gottvater, das Objekt ist der Gottessohn. Der Heilige Geist ist das Band der Liebe, das Vater und Sohn verbindet.

Der zweite große Gedanke reflektiert die mystische Lehre von der Einheit Gottes und der Menschenseele. Die Seele ist nach dem Ebenbild Gottes geschaffen und insofern nach Meister Eckhart ebenfalls dreieinig. Sie begründet sich durch die drei Seelenkräfte des Erkennens, Zürnens und Wollens. Diesen Seelenkräften sind die drei christlichen Haupttugenden Glaube, Liebe und Hoffnung zugeordnet. So wie über dem dreieinigen Gott die ursprüngliche Gottheit steht, thront über den drei Seelenkräften der göttliche Funke. In besagtem Funken wohnt nur Gott mit seiner göttlichen Natur.

Der dritte Grundgedanke von Eckharts Mystik liegt in der Selbstäußerung und dem Aufgehen in Gott begründet. Man kann nur dann mit Gott eins werden, wenn man sich von der Sünde lossagt, weil diese uns generell von Gott trennt. Ziel ist es Gelassenheit, innere Gelöstheit und Abscheiden von allen irdischen Dingen und schließlich vom eigenen Selbst zu erlangen, seinen eigenen Willen aufzugeben und im Willen Gottes aufzugehen. Wenn die Seele diesen Zustand erreicht, dann wird sie Gott gleich.

Die Seele erkennt, dass alles außer Gott nicht bloß wertlos ist, sondern gewissermaßen nichts ist, dass alles nur existieren vermag, wenn es in Gott ist. In diesem Zustand erhebt sich die Seele über Raum und Zeit. Sie erkennt, dass das allem zugrundeliegende Wesen auf keinen Fall zeitliche Vergänglichkeit ist, sondern ewige zeitlose Gegenwart. Jetzt! Aber sie erkennt auch die allem zugrunde liegende ewige Notwendigkeit, selbst im Erlösungsprozess, durch welche die Seele in Gott eingeht.

Die Texte Meister Eckharts sind von großer geistiger und religiöser Tiefe und sprachlich auf höchstem Niveau. Auf jeden Fall lesenswert.

Rezension: Selbstbild- Dweck

»Ruhen Sie sich nicht auf Ihren Lorbeeren aus, lernen Sie stattdessen dazu!«

Carol Dweck ist Professorin für Psychologie an der Stanford University. Sie befasst sich, wie man dem Klappentext des vorliegenden Sachbuchs entnehmen kann, mit Motivations- und Entwicklungspsychologie.

Das Buch erhebt nicht den Anspruch ein wissenschaftliches Werk zu sein, das an der Uni als einschlägige, weiterführende Lektüre angeboten werden soll, sondern es wendet sich an eine breite Leserschaft. Deshalb gibt es keine Fußnoten, deshalb gibt es keine empirischen Erhebungen, die in epischer Breite ausgewertet werden. In dieser Gegebenheit einen kritikwürdigen Mangel zu sehen, ist für mich nicht nachvollziehbar.

Wer sich weiterführend informieren will, kann sich wissenschaftliche Publikationen der Professorin zu Gemüte führen. Keiner wird ihn daran hindern.

Habe Dweck mit großem Interesse und dabei bewusst langsam gelesen, nachdem zwei konträre Rezensionen bei Amazon meine Neugierde auf den Text geweckt hatten.

Die Psychologin befasst sich in diesem Buch mit so genannten Selbstbildern und deren Auswirkung auf diejenigen , die sie besitzen, aber auch deren Umfeld.

Dweck unterscheidet zwischen einem statischen und einem dynamischen Selbstbild. Dabei zeigt sich , dass die Personen mit dynamischem Selbstbild eine größere Bereitschaft zeigen dazuzulernen und sich zu verändern. Sie halten selbst Intelligenzwerte für variable Größen und sind grundsätzlich offener, Grenzen zu überwinden und das eigene Potential auszuschöpfen.

Der Erfolgsbegriff wird anders definiert als bei Menschen mit statischem Selbstbild. Man möchte dazu lernen, sich verbessern und sich auf Neues einlassen. Es geht nicht darum perfekt zu sein, sondern darum Herausforderungen anzunehmen und Fortschritte zu erzielen.

Weil man keine Probleme hat, zu seinen Fehlern zu stehen, da man stets hofft sie beheben zu können, also besser zu werden, kann man auch gelassener mit Niederlagen umgehen. Das Selbstwertgefühl wird dadurch nicht beeinträchtigt , während Menschen mit statischem Persönlichkeitsbild immer nach Personen Aussschau halten, die vermeintlich schwächer sind als sie selbst, um sich nicht unterlegen fühlen zu müssen. Treten Fehler bzw. Niederlagen bei diesen Menschen auf, suchen sie sogleich nach Entschuldigungen oder einem Schuldigen um ihr Selbstwertgefühl wieder herzustellen.Die Vorstellung alles zu geben und trotzdem zu scheitern löst bei solchen Menschen Angst und Lähmung aus, wie die Autorin anhand vieler Beispiele nachweist.

Dweck zieht bekannte Persönlichkeiten heran, um durch deren Viten ihre Erkenntnisse zu verdeutlichen. Eine solche Vorgehensweise halte ich in einem Sachbuch für legitim, zudem lockert es den Text ein wenig auf.

Es soll an dieser Stelle abermals darauf hingewiesen werden, dass die Professorin keine wissenschaftliche Abhandlung vorgelegt hat.

Bereits in der Kindheit werden die Weichen dafür gestellt, welches Selbstbild sich beim Einzelnen manifestiert, aber auch darauf, dass diese Selbstbilder veränderbar sind. Die Autorin betont immer wieder und begründet auch, weshalb die statische Denkweise Leistung verhindert und schlechte Lernstrategien fördert. Sie ist skeptisch gegenüber zu viel Lob bei Kindern und glaubt, dass dies statisches Denken fördere, weil man dadurch den Hunger nach Herausforderung unterminiere.

Der statisch denkende Mensch werde leichter zum Opfer von positiven und negativen Vorurteilen, was sich speziell bei Mädchen nachweisen lässt. Diese seien um so verunsicherter hinsichtlich ihrer Mathematikkenntnisse, je statischer ihr Selbstbild sei.

Dem Begriff des Naturtalentes gegenüber hat Dweck Vorbehalte. Naturtalente lernen offenbar nie hart zu arbeiten oder mit Rückschlägen umzugehen, so Dwecks Beobachtung.

Die Psychologin beleuchet ausgiebig so genannte Siegermentalitäten . Diese haben, wie sie herausgefunden hat, stets einen Antrieb, der zum Üben motiviert und ermöglicht tief in sich eine Kraft zu finden, wenn sie erforderlich ist.

Die Autorin konstatiert, dass Menschen mit dynamischem Selbstbild sich dann für erfolgreich halten, wenn sie ihr Bestes geben , wenn sie lernen und ihre Leistungen steigern. Rückschläge empfinden diese Menschen als motivierend, weil sie eine Art Weckruf für sie sind.

Stattdessen empfinden Menschen mit statischem Selbstbild Niederlagen immer als Stigma. Dies macht Dweck an Verhaltensweisen einiger bekannter Sportlern begreifbar.

Personen mit statischem Selbstbild nehmen ihr Leben nicht selbst in die Hand. Sie bauen immer nur auf ihre Talente, doch wenn diese versagen, stehen ihnen keine anderen Möglichkeiten offen. Ursache dafür sei, dass diese Menschen sich nicht als Prozess, sondern als Produkt empfinden. Personen mit statischem Selbstbild übernehmen keine Verantwortung. Sie geben anderen die Schuld für ihre Niederlagen.

Dweck hält fest, dass man in Unternehmen bei Misserfolgen stets genau analysieren muss, ob Inkompetenz oder Korruption diese ausgelöst haben.

Die Autorin zeigt, dass Personen , die ihren Misserfolgen ins Auge sehen können, am Ende doch wieder Erfolg haben.

Wenn Firmenführer sich wie Könige gebärden, umgeben sie sich gerne mit Schmeichlern. Ihr Ziel ist es sich unbesiegbar zu fühlen, aber diese Wünsche scheitern oft an der Wirklichkeit. Statisch denkende Führungskräfte sonnen sich in ihrer Macht und verhalten sich in der Regel kontraproduktiv gegenüber ihren Mitarbeitern. Im Gegensatz zu dynamisch ausgerichteten Führungskräften scharen sie Mitarbeiter um sich, die ihnen geistig unterlegen sind, weil sie fähige Menschen in ihrem Dunstkreis nur schwer ertragen können.

Immer wieder erwähnt die Autorin Jack Welch , der für sie der Inbegriff eines erfolgreichen, dynamischen Zeitgenossen ist . Dieser Mann stellte seine Fähigkeiten in den Dienst von General Electric und machte den Konzern zu dem , was er heute ist. Jack Welch steht für Erfolg auf der ganzen Linie.

Die Psychologin hinterfragt weiterhin die so genannte " Wir-Denke" und beleuchtet ab welchem Zeitpunkt sie zu statischen Selbstbildern führt.

Sie zeigt außerdem , wie sich diese unterschiedlichen Denkweisen auf Partnerschaft und Liebe auswirken. Dabei analysiert sie, dass es notwendig sei Schüchternheit zu überwinden, weil diese daran hindere soziale Kompetenz aufzubauen.

Dweck zeigt, wie statisch denkende Menschen mit emotionaler Ablehnung umgehen und weshalb Mobber stets Personen mit statischem Selbstbild sind. Zudem verdeutlicht die Psychologin , weshalb es in zwischenmenschlichen Beziehungen immer um Spaß und Lernen und nie um urteilen geht.

Dweck kommt zu dem Ergebnis, dass die einzelnen Selbstbilder erlernbar sind und widmet diesem Gedanken ein ganzes Kapitel in ihrem Buch. Sie zeigt das Verhalten von Kindern und Eltern, von Lehrern und Schülern und lässt das Buch mit einem Workshop enden, wo sie ihre umfangreichen Erkenntnisse abermals durch viele Beispiel illustriert.

Die Professorin versucht dem geneigten Leser zu einem besseren Selbstvertrauen zu verhelfen, indem sie klar macht, dass derjenige der bereit ist wirklich dazuzulernen, im Leben letztlich niemals entgültig scheitern kann.

Ein tolles Buch! Beeindruckend! Warum gibt es an dieser Stelle keine Buttons zum Abstimmen? Kunden können nur über die Rezensionen anderer, aber nicht über ihre eigenen Rezensionen abstimmen. Aus diesem Grund erscheinen die Buttons für eine Abstimmung nur, wenn Sie die von anderen verfassten Rezensionen ansehen.

Rezension: Unsere inneren Konflikte (Broschiert)

Karen Horney( 1885-1952) war Ärztin und Psychoanalytikerin. Sie emigrierte 1932 von Hamburg in die USA und leitete dort das "American Institut of Psychoanalysis". Horney war einer der Hauptvertreter der Psychoanalyse und setzte sich intensiv mit den Erkenntnissen Freuds auseinander.

In ihrem Buch "Neurose und menschliches Wachstum" erweitert die Autorin ihre Theorie von der Entstehung von Neurosen in der Weise, dass sie den neurotischen Prozess als eine spezifische Form der menschlichen Entwicklung betrachtet. Die Analytikerin zeigt die inneren Konflikte, die diesen Prozess auslösen und seine einzelnen Stadien auf. Vor allem zeigt sie auch wie dieser Prozess die Selbstverwirklichung positiv beeinflussen kann.

Horney macht gleich zu Anfang ihres Buches klar, dass neurotische Prozesse konstruktive Kräfte vergeuden und es von daher sinnvoll ist, sich solcher Prozesse mittels geeigneter psychologischer Hilfe zu entledigen.In ihrem Buch reflektiert sie u.a. neurotische Ansprüche.Neurotiker glauben einen Anspruch auf besondere Aufmerksamkeit, Rücksichtsnahme und Ehrerbietung seitens ihrer Mitmenschen zu haben.

Diesem augenfälligen Anspruch liegt ein umfassenderer Anspruch zugrunde, dass alle seine Bedürfnisse, die ja aus seinen Hemmungen, Ängsten, Konflikten und deren Lösungen entstehen, befriedigt und mit dem notwendigen Respekt behandelt werden müssen. Zudem sollte das, was er fühlt, denkt oder tut, keine ungünstigen Auswirkungen nach sich ziehen. Das heißt, er glaubt tatsächlich einen Anspruch darauf zu haben, dass psychische Gesetze für ihn keine Gültigkeit haben dürfen. Von daher braucht er seine Schwierigkeiten nicht zu erkennen - oder jedenfalls nicht zu beheben. Es ist nicht seine Sache etwas zu beheben, sondern die Sache der anderen, dafür zu sorgen, dass sie ihn nicht stören.

Menschen, deren Bedürfnis es ist immer recht zu haben, nehmen für sich in Anspruch, dass man sie niemals kritisiert, oder ihre Behauptungen in Frage stellt. Diejenigen, die machtbesessen sind, meinen einen Anspruch auf Gehorsam zu haben. Andere, für die das Leben zu einem Spiel mutiert ist, in dem man Mitmenschen geschickt manipuliert, fühlen sich berechtigt, jeden zum Narren zu halten. Nur sie selbst dürfen nicht hereingelegt werden. All diese Personen sind neurotisch.

Der arrogante rachsüchtige Mensch, so Horney, der dazu getrieben wird, andere zu beleidigen und dennoch ihre Anerkennung benötigt, meint einen Anspruch auf Immunität zu haben. Der egozentrische Charakter neurotischer Ansprüche glaubt seine persönlichen Bedürfnisse hätten stets Vorrang vor allem anderen.

Der Neurotiker hat eine rachsüchtige Natur. Er glaubt ihm sei Unrecht geschehen und beharrt auf Vergeltung. In den meisten Neurosen, so Horney ist Rachsucht ziemlich groß. Die Basis neurotischer Ansprüche ist stets das Gefühl von Überlegenheit. Der allgemeine Nenner heißt:"Weil ich etwas ganz Besonderes bin, habe ich ein Anrecht auf..."Neurotiker sind so unsicher in der Einschätzung anderer Menschen, dass sie leicht aus einer positiven, freundlichen Haltung in die totale Verdammung verfallen.

Horney schreibt in der Folge vom Selbsthass und der Selbstverachtung des Neurotikers, von seinen morbiden krankhaften Abhängigkeiten und seinen neurotischen Störungen in mitmenschlichen Beziehungen. Es besteht sowohl in der Liebe als auch bei Freundschaften ein verstärktes Bedürfnis bei verminderten Fähigkeiten.

Neurotischen Menschen wird dringend geraten einen Therapeuten aufzusuchen.

Rezension: Neidisch sind immer nur die anderen: Über die Unfähigkeit, zufrieden zu sein (Taschenbuch)


Rolf Haubl ist Professor für Psychologie an der Universität Augsburg. Im vorliegenden Buch befasst er sich mit den Ursachen und Auswirkungen des Neidgefühls und der Unfähigkeit vieler Menschen zufrieden zu sein.

Haubl reflektiert eingangs die Bestimmungsmerkmale und Erscheinungsformen von Neid. Der Psychologe verdeutlicht, dass das hauptsächliche Bestimmungsmerkmal des Neides Feindseligkeit ist. Er konstatiert, dass Neid vorliegt, wenn jemand feindselig darauf reagiert, dass ein anderer ein Gut besitzt, das er selbst begehrt, sich dieses aber selbst nicht aneignen kann.

Eine psychosoziale Bewältigung von Neid ist durch Depression, Ehrgeiz und Empörung möglich. Der Autor weist auf die Verwandtschaft von Eifersucht und Neid hin. Während Neid eine Beziehung zwischen zwei Personen, der neidischen und der beneideten voraussetzt, umfasst Eifersucht offenbar ein Beziehungsdreieck, ( beispielsweise eifersüchtiger Mann, geliebte Frau und Rivale). Neid als auch Eifersucht sind mit Feindseligkeit verbunden. Wenn Eifersucht und Neid zusammenkommen, so entzünden sie sich aneinander, da beide leicht entflammbar sind.


Ein christliches Ideal ist die Neidfreiheit. Neid gilt in der Bibel als Todsünde. Der Autor setzt sich mit dieser Gegebenheit detailliert auseinander und lotet in diesem Zusammenhang den Kain-Komplex aus. Dabei zeigt sich , dass Neidbewältigung der eigentliche Ursprung der Zivilisation ist. Des weiteren spricht Professor Haubl von den Ausdrucksformen des Neides und hier vor allem von den neidischen Gesichtszügen, die sich mit den Jahren bei neidischen Menschen eingraben. Diese Personen gelten allgemein als verbissen und unsympathisch. Der Begriff " Scheelsucht" kommt nicht von ungefähr, wie der Psychologe klarmacht. Der schiefe Blick ist nach seiner Ansicht deshalb sehr schlimm, weil er täuscht. Der Kopf weist in eine andere Richtung als die Augen. Das Phänomen des bösen Blickes ist mit dem des scheelen Blickes eng verwandt und geistert nicht ganz grundlos durch die Jahrhunderte, wie Prof. Haubl verdeutlicht.


Neid und Schadenfreude sind ein Begriffspaar, das zusammengehört. Dabei ist Schadenfreude eng mit Grausamkeit verwandt. Schadenfreude gibt dem Neidischen psychische Entlastung.
Wenn Schadenfreude nicht genügt um den Neid zu besänftigen, versucht der neidische Mensch sich zu rächen. Sofern der neidische Mensch seinen beneideten Mitmenschen in der Phantasie oder gar real schädigt bzw. vernichtet, hat er dessen vermeintlichen Angriff " auf magische Weise ungeschehen gemacht."( vgl. S. 82) Treffend spricht man in diesem Zusammenhang von kalter Rache.


Ressentiment ist eine neidisch-rachsüchtige Haltung. Wer Groll wider einen beneideten Menschen hegt, erlebt sich in mehrfacher Hinsicht als ohnmächtig. Zum einem glaubt er nicht daran das begehrte Gut aus eigener Anstrengung erlangen zu können, zum anderen fürchtet er , dass er unterliegt, wenn er es versuchen würde, sich gegen den anderen offen feindselig zu verhalten, ferner wagt er es sich nicht Neid einzugestehen, weil er gelernt hat, dass nur böse Menschen neidisch sind. Das bedingt , dass Neid und Feindseligkeit verdrängt werden und sich nur maskiert zeigen können. Ergebnis sind ressentimentgeladene Menschen, die nach risikolosen Möglichkeiten suchen, ihre neidische Feindseligkeit zu befriedigen. Bemerkenswert ist, dass Neid Mitleid verhindert. Der Neider kann sich nur durch Schadenfreude und Rache psychisch entlasten, sofern er den Beneideten nicht bemitleidet. Nur wer ohne Empathie ist, kann sich feindselig verhalten. Deshalb, so Haubl, führt Neid nicht selten zu einer generellen Empathieverweigerung.


Ohne Empathie allerdings ist Fremdverstehen unmöglich. Der Neider lässt sich nicht auf die Erlebniswelt des Beneideten ein, weil er ihn sonst nicht mehr länger entwerten kann. Er möchte seine Vorurteile bestätigen, sonst nichts. Besonders gerne blenden Neider , wie der Autor festhält, Anstrengungen aus, die sie selbst nicht auf sich nehmen möchten, sowie beschwerliche Folgen , die der Besitz des begehrten Gutes mit sich bringt.
Auch zwischen Neid und Zynismus gibt es Zusammenhänge. Ein Zyniker wertet ab, was ihm selbst etwas wert ist. Der feindselig -schädigende Neid richtet sich nicht nur gegen den beneideten Mitmenschen, sondern auch gegen den Neider selbst. Auch wenn sich der neidische Mensch durch das Ausleben von Ärger, Wut und Hass psychisch entlasten kann, hilft es ihm letztlich nichts, weil sein Begehren ungestillt bleibt . Alles, was er der beneideten Person antut, fällt auf ihn selbst zurück. Auch wenn er das Gut und den Menschen, dem es gehört zerstört hat, behält er das Gut vor Augen, das er nicht besitzt. Er wird weiter leiden. Der Neid wird ihn vergiften und ihn verzehren.


Eine der Auswirkungen von Neid ist Rivalität. Hier unterscheidet Haubl zwischen ehrgeizig -stimulierender und feindselig schädigender Rivalität. Während man bei der ehrgeizig -stimulierenden Rivalität bestrebt ist sich im Vergleich mit anderen ständig zu verbessern und damit die Möglichkeiten der Verbesserung und nicht die Rivalität im Vordergrund steht, verhält ist es bei der feindselig- schädigenden Rivalität so , dass diese sich ausschließlich auf die Rivalität konzentriert. Es geht darum die Rivalen aus dem Feld zu schlagen. Deshalb sehen Personen, die so gestrickt sind, ihre Rivalen als Gegner bzw. Feinde. Wer durch krankhaften Ehrgeiz in seinem Tun angetrieben wird, gelangt früher oder später in feindselig -schädigender Rivalität zu seinen Mitmenschen. Personen dieser Art verfügen über ein hohes Aggressionspotential, unabhängig davon, wie erfolgreich sie sind. Zudem sind sie in der Regel nicht kreativ. Der Psychologe nennt die Gründe für dieses bemerkenswerte Phänomen. Neidische Menschen ertragen offenbar vor allem eines nicht: soziale Unterstützung von einer Person zu erhalten , die sie um das begehrte Gut beneiden, nicht zuletzt weil die Person zu dem primär beneideten Gut auch noch das beneidenswerte Gut der Hilfsbereitschaft besitzt. Der Psychologe beleuchet im Buch auch den so genannten Geschlechterneid, er diskutiert Penisneid, Vaginalneid, Brust- und Gebärneid . Auch ist für ihn der Neid unter Geschwistern und der Neid als Generationenkonflikt ein Thema.


Neid am Arbeitsplatz führt zu vergiftetem Betriebsklima. Gerüchte und Klatsch sind die Mittel um einer beneideten Person zu schaden. Dort wo Neid und Missgunst herrschen ist Mobbing nicht weit. Unter Mobbing versteht man, so Haubl, die zielstrebige Entwertung eines Mitarbeiters durch Kollegen mit dem Ziel diese Person auszugrenzen. Infolge der aggressiven Gruppendynamik wird in der Regel die Arbeitsfähigkeit aller untergraben. Strategien des Mobbing sind u.a. den anderen des geistigen Diebstahls zu bezichtigen ( vgl. S. 230) , ihn zu terrorisieren und vieles andere mehr. Wehrt sich der Gemobbte, bestätigt er die in ihrer Wahrnehmung eingeschränkte Gruppe in der Meinung, dass er nur Scherereien macht. Nicht selten gilt der gemobbte Mitarbeiter als Sündenbock. Die Arbeitsgruppe versucht sich auf seine Kosten zu stabilisieren. Der Versuch allerdings stellt sich als Illusion heraus, wie der Psychologe festhält, weil alsbald ein anderer Mitarbeiter in die Rolle des Sündenbocks gedrängt wird. Im letzten Teil des Buchs hinterfragt Haubl, ob es auch gerechtfertigten Neid gibt. Hier thematisiert er Rawls Verteilungsgerechtigkeit und den Begriff der Gerechtigkeit im allgemeinen.


Der Psychologe lässt nicht unerwähnt, dass Menschen immer dann eine große Neidbereitschaft an den Tag legen, wenn sie im Laufe ihres Lebens ein falsches Selbst entwickelt und nie gelernt haben, was sie am besten können. Menschen , die ihre Lebensenergie in die falschen Ziele investieren, haben das Gefühl das Leben verfehlt zu haben. Sie neiden ihren Mitmenschen letztlich das vitale Lebensgefühl , das sie nicht haben. Weil sie es nicht besitzen, müssen sie es bei anderen verderben. Ein Lesemuss für alle , die sich und andere verstehen möchten!

Haben oder Sein. Großdruck: Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft (Gebundene Ausgabe

Der Psychoanalytiker Erich Fromm macht in diesem Buch deutlich, dass die Existenzweise des Habens für die Übel der Zivilisation verantwortlich sind, die des Seins jedoch für die die Möglichkeit eines erfüllten Lebens steht. Fromm analysiert 1976, dass die Gesellschaft zu diesem Zeitpunkt bereits vom Modus des Habens und Habenwollens bestimmt war.

Anstelle sich zu freuen sucht der Mensch den Kitzel, anstelle das Leben zu lieben sei er in die Welt der Apparate vernarrt, anstelle inneres Wachstum suche er äußeren Reichtum, anstelle zu sein, interessiere ihn nur Haben und Benutzen.
Heute, 33 Jahre danach, sehen wir, wohin diese Denke geführt hat: in die größte Weltwirtschaftkrise nach dem 2. Weltkrieg und in die innere Leere.

Im Menschen sind immer beide Tendenzen erhalten: die eine, zu haben, zu besitzen, eine Kraft, die ihre Stärke dem biologisch gegebenen Wunsch nach Überleben verdankt. Die andere Tendenz ist in der Bereitschaft zu teilen und zu geben begründet. Diese Bereitschaft beruht auf dem Bedürfnis, durch Einssein mit anderen die eigene Isolierung zu überwinden.

Fromm verdeutlicht, dass in der Existenzweise des Habens stets das tote Wort herrsche, in der des Seins jedoch die lebendige Erfahrung, für die es keinen Audruck gäbe. Der Psychoanalytiker macht klar, dass besitzorientiertes Haben auf einer verminderten Fähigkeit zu produktivem Tätigsein begründet ist. Je weniger kreativ demnach ein Mensch ist, desto größer sind offenbar seine besitzorientierten Begehrlichkeiten.

In der Existenzweise des Habens ist der Mensch an all das gebunden, das er in der Vergangenheit angehäuft hat: Geld ,Land, Ruhm, sozialer Status, Wissen, Kinder, aber auch Erinnerungen. Fromm fragt: "Wer bin ich, wenn ich bin, was ich habe und dann verliere, was ich habe?" Und er antwortet: " Nichts als ein besiegter, gebrochener, erbarmenswerter Mensch, Zeugnis einer falschen Lebensweise."

Wer sich über sein Sein und nicht über sein Haben definiert, wird in solche Schwierigkeiten niemals geraten, seine Identitätsgefühl wird durch materielle Verluste nicht geschwächt. Man muss sich klar machen, dass die Konsumhaltung eine entfremdete Weise ist mit der Welt in Kontakt zu sein. Auf diese Weise wird die Welt zu einem Gegenstand der Gier, anstelle, dass der Mensch interessiert auf sie bezogen ist.

Irrationale Wünsche sind unersättlich. Fromm unterstreicht, dass das Bedürfnis des neidischen, habgierigen oder sadistischen Menschen auch dann nicht verschwindet, wenn es befriedigt ist. In der Folge zeigt er Wege auf, die die Bereitschaft fördern alle Formen des Habens aufzugeben, um auf diese Weise ganz zu sein. Dabei geht es ihm u.a. darum, Gier, Haß und Illusion weitgehend zu reduzieren, ein Leben zu führen ohne Verehrung von Idolen, weil eine Entwicklungsstufe des Menschen angestrebt wird, auf der Menschen keiner Illusionen mehr bedürfen.

Man muss bestrebt, sein die eigene Liebesfähigkeit sowie die Fähigkeit zu kritischem, unsentimentalen Denken zu kultivieren und bereit sein, seinen Narzißmus zu überwinden und sich bemühen, sich selbst zu erkennen, keineswegs nur sein bewusstes, sondern auch sein unbewusstes Selbst. Man muss sich bewusst werden, dass die volle Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und der des Mitmenschen das höchste Ziel des menschlichen Lebens ist und, dass das Böse und die Destruktivität immer die Folge von verhindertem inneren Wachstum sind.

Ohne Anstrengung und ohne Bereitschaft, Schmerz und Angst zu durchleben, so Fromm, kann man nicht wachsen." Dass jemand zu wachsen beginnt, ist der Tatsache zuzuschreiben, dass er sich befreit." Man ist nur in dem Maße "ich", indem man sich als lebendig, interessiert und tätig erlebt und mit anderen in Beziehung steht.

Eine Lektüre, die so aktuell ist, wie vor 33 Jahren, deshalb möchte ich sie jetzt zum Jahresende abermals hervorheben.

Rezension:Der Wahnsinn der Normalität: Realismus als Krankheit. Eine Theorie der menschlichen Destruktivität: Realismus als Krankheit: eine grundlegende Theorie zur menschlichen Destruktivität (Taschenbuch)

Wenn man so will, wurden in dem Buch "Irre" die Gedanken von Arno Gruen aufgegriffen und in das Heute übersetzt. Die Quellen menschlicher Destruktivität liegen - und hier kann man eine bemerkenswerten Gleichklang in den meisten aktuellen psychologischen Büchern feststellen - in der Kindheit. Wenn dort das Selbst nicht liebevoll entdeckt wird und gelebt werden kann, entstehen destruktive Verhaltensweisen, die sich in kleinen und großen Grausamkeiten ausdrücken.

In der psychologischen oder soziologischen Analyse kann man diese Grundtatsachen des Menschseins anhand vieler Beispiele mit diesem Buch besser nachvollziehen, ja, die Erkenntnisse auch auf den privaten Bereich übertragen. Auch heute noch sind Autoritätsgläubigkeit und blinder Hierarchiegehorsam die direkte Weiterführung gelernter (autoritärer) Verhaltensweisen in der Kindheit. Nachdem im 3. Reich die offenen faschistischen Strukturen über uns hereinbrachen, leben wir heute in demokratischen Verhältnissen, die aber trotzdem in vielen Umständen noch hierarchiegebunden sind. Einfach anpassen und gut ist, so agieren viele heute, um sich dem Wahnsinn der Normalität zu entziehen.

Ich kann allen Rezensionen hier nur zustimmen und sagen, dass mich die Besprechung von Erasmus von Rotterdam sehr beeindruckt hat. Die Ursache von Grausamkeiten im menschlichen Umgang liegen offen zutage und jeder, der immer und immer wieder gegen die Wand läuft, tut dies nur, um von seinem unerlösten Kindsein abzulenken. Es sind nichts anderes als Hilfeschreie, die solange andauern, bis eine Katharsis eintritt.

Rezension: Das Sein und das Nichts (Taschenbuch)

Jean -Paul Sartre (1905- 1980) ist der Exponent des französischen Existentialismus. In seinem Werk das "Sein und das Nichts" legte er die Freiheit des Menschen, aber auch seine Verlorenheit in einem sinnlosen Universum offen. Sein Appell an die Menschen lautete, die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen und die Sinnlosigkeit durch den eigenen Sinnentwurf zu überwinden. Der Philosoph entwickelte die Idee eines leeren Bewusstseins, eines "Ur-Bewusstseins", welches sich noch kein bestimmtes Bewusstsein vergegenwärtigen vermag. In diesem "Ur-Bewusstsein" ist weder die Vorstellung eines Ich noch der Unterschied zwischen Subjekt und Objekt enthalten. Es ist leer, spontan und unpersönlich. Es weiß nur, dass es existiert. Im vorliegenden Text bezeichnet Sartre dieses "Ur-Bewusstsein" als eine "Existenzfülle", als ein Feld von Möglichkeiten, das sich die Vorstellungen eines Ich erst noch aneignen muss.

In der Leere und Unausgefülltheit des ursprünglichen Bewusstseins liegt der Keim für die Idee von Freiheit. Gemeint ist dabei jene, welche der des Künstlers ähnlich ist, der seine Figuren frei erschaffen kann. Konkret ist Sartres Freiheit die schöpferische Freiheit des Menschen, sich selbst zur eigenständig handelnden Gestalt in der Welt zu bilden.

Mit seinem Titel" Das Seinn und das Nichts" lehnt sich der Philosoph an die schwierige Rhethorik der deutschen Philosophie in der Tradition Hegels, Husserls und Heiddegers an. "Sein" ist ein Begriff, welcher als der allgemeinste und grundlegendste Begriff der Metaphysik schon in der Antike eine herausragende Rolle spielte und später besonders von Hegel und Heidegger aufgegriffen wurden. Sartre meint mit Sein den gesamten Bereich der Wirklichkeit einschließlich des Menschen. Er unterscheidet dabei zwei grundsätzliche Arten von Sein : das "An- sich- sein" und das " Für-sich-sein". Mit erstem meint er die Welt der Dinge, die kein Bewusstsein haben und in ihren wesentlichen Eigenschaften festgelegt sind, mit letztem dasjenige Sein, dass Bewusstsein hat und zur Wirklichkeit eine eigenständige Beziehung herstellen kann.

Sartre enthüllt in seinem Buch wie aus der Ordnung des "An-sich-seins" ein zunächst unbekanntes Wesen, das "Für-sich Sein" auftaucht und sich schließlich in der Ordnung der Wirklichkeit einen Platz schafft. Das "Für- sich- sein" realisiert in der Welt des Sein auch das Nichts, das mit dem menschlichen Sein verbunden ist. Dieses Sein hat sich nicht in allen Eigenschaften festgelegt. In ihm zeigt sich etwas Offenes, von dem man noch nicht weiß, was aus ihm wird. Sartre glaubt, dass man sich als Mensch bewusst zu seinem eigenen Sein verhalten kann, sprich sich für etwas entscheiden und sein Sein selbst gestalten kann. Wir können, so Sartre, auch immer Nein sagen.

Wir können uns aber nicht bloß negativ zur Welt, sondern auch gegenüber uns selbst verhalten, indem wir die Möglichkeit, auch anders zu sein, die uns von Dingen unterscheidet, übersehen oder gar leugnen. Für ihn ist dies der Zustand der "Uneigentlichkeit", in dem der Mensch sich weigert, die in ihm angelegten Möglichkeiten zu realisieren. Die Art und Weise wie Sein und Nichts für das Bewusstsein zusammenspielen, formuliert der Philosoph wie folgt: "Das Bewusstsein ist nicht, was es ist und es ist, was es nicht ist." Das Bewusstsein lässt sich demnach nicht auf seinen gegenwärtigen Zustand festlegen, vielmehr geht es immer wieder über sich hinaus und verleiht uns damit die Chance etwas anderes aus uns zu machen als wir sind.

Durch das Für-sich-Sein kann der Mensch die Dinge um ihn herum auf sich beziehen. Da man jedoch nicht allein auf dieser Welt lebt, stellt der Andere die eigene Freiheit, die Möglichkeit einen bestimmten Platz in der Welt zu wählen in Frage und zwar, weil er mich wie ein Objekt, wie ein "An-sich sein", anblickt. Das Objektsein löst Scham aus, aber auch das Bewusstsein ein Ich zu sein. In der Konfrontation mit dem Anderen, entsteht aus dem ursprünglich leeren Bewusstsein vom eigenen Ich das Bewusstsein von der Existenz des Anderen.Dies geschieht dadurch dadurch, dass man ein Ich-Bewusstsein entwickelt die Entfremdung als Objekt zu überwinden und den Anderen als Objekt zu konstituieren.

Für Sartre bleibt der Mensch gegenüber dem anderen Menschen in einem Konflikt und in der Abgrenzung. Bei ihm gibt es kein gleichberechtigtes Verhältnis von Subjekt zu Subjekt. "Das Sein und das Nichts" hat den einzelnen Menschen und seine Selbstverwirklichung im Fokus. Freiheit kann man nach Sartre nicht ablehnen, weil man ansonsten dem Selbstbetrug verfällt. Wir sind "zur Freiheit verurteilt", so der große Franzose. Dies ist auch der Grund, weshalb das Handeln im Mittelpunkt des letzten Teils des Buches steht.

Es ist notwendig, dass wir mit der Freiheit auch die Verantwortung für unsere Existenz annehmen. Im Klartext heisst dies, dass man sich auf die Umstände einlassen muss, die man vorfindet. Die Umstände, an welche unser Leben gebunden ist, nennt der Philosoph " Faktizität". Das Gebundensein und das Überschreitenkönnen sind die beiden Punkte, zwischen denen sich unserer Handeln vollzieht. Die Stellung zwischen den beiden Punkten nennt Sartre "Situation". In diesem Rahmen muss der Mensch Verantwortung übernehmen und sie sich als Bestandteil seiner eigenen Wahl bewusst machen. Jeder muss dies auf seine eigene Art tun.

Sartre verdeutlicht in diesem wichtigen Buch mithin, dass unsere Gedanken im Hinblick auf Würde, Verantwortung oder Kreativität nur dann umgesetzt werden können, wenn man dahinter den Einzelnen sieht, der in Freiheit sein eigenes Leben gestalten kann.

" Alles geschieht so, als wenn ich gezwungen wäre, verantwortlich zu sein. Ich bin in die Welt geworfen, nicht in dem Sinn, dass ich preisgegeben und passiv bliebe in einem feindlichen Universum (...), sondern im Gegenteil, in dem Sinn, dass ich mich plötzlich allein und ohne Hilfe finde, engagiert in eine Welt, für die ich die ganze Verantwortung trage(...). ( Zitat: Sartre, Das Sein und das Nichts")

Rezension: Weisheit aus dem Bauch: Das Phänomen Intuition aus verschiedenen Perspektiven erklärt - (Gebundene Ausgabe)

"Intuition oder das Bauchgefühl ist für mich ein Gefühl, das drei wesentliche Eigenschaften hat: Zum Ersten taucht es schnell im Bewusstsein auf, zum Zweiten sind einem die tieferen Gründe , warum man diese Intuition hat, nicht bewusst. Und zum Dritten ist dieses unbewusste, ungefilterte Wissen nun nichtsdestotrotz so stark, dass es der Grund vieler unserer Handlungen ist. Was es nicht ist, ist der " sechste Sinn " oder solche Sachen." ( Prof. Dr. Dr. Gerd Gigerenzer)

Karin Myria Pickel lotet in ihrem Buch das Phänomen der Intuition aus, die sie als die Weisheit aus dem Bauch bezeichnet. Bevor Sie zu diesem Phänomen elf Experten zu Wort kommen lässt, nähert sie sich zunächst dem Begriff Intuition, der abgeleitet ist vom lateinischen Wort " intueri ", das soviel bedeutet wie " anschauen " oder " betrachten ". Unter Intuition versteht man eine plötzliche Eingebung, das vollständige umgreifende Erfassen eines Gegenstandes ohne Reflektion. Die Autorin wartet zunächst mit einem " Kleinen Lexikon der Intuition " auf. Hier werden Begriffe wie Eingebung, Geistesblitz, Inspiration, Vision und Vorahnung näher definiert und in der Folge begreifbar gemacht, weshalb Intuition in allen Lebensbereichen hilfreich ist.


Offenbar kennt unsere innere Stimme nicht nur den Sinn des Lebens, sondern versteht sich auch als unser innerer Coach, damit wir uns diesem Sinn immer mehr nähern. Wenn man sich der Intuition bedient, kann man im Vorfeld bereits verhindern, dass sich Probleme, Krisen, Schmerzen und Leiden entwickeln. Diese Gegebenheit dokumentiert die Autorin nachhaltig. Nach Auffassung der Autorin hilft Intuition bei der Persönlichkeitsentwicklung, weil sie uns zu Situationen führt, die unsere Seele besser und schneller wachsen und reifen lassen. Auch erhöht sie die Lebensqualität und unterstützt die Kommunikation Gezeigt wird in der Folge wie Intuition und Verstand zusammenarbeiten. Anschließend stellt die Autorin folgende Fragen an elf Experten: Was verstehen Sie unter Intuition? Gibt es verschiedene Formen der Intuition? Wie unterscheiden Sie Intuition von anderen Wahrnehmungen wie Instinkten, Gefühlen, Wünschen oder Gedanken? Hat jeder Mensch Intuition und gibt es Unterschiede, zum Beispiel zwischen Frauen und Männern? Gibt es eine intuitive Intelligenz? Lässt sich Intuition aus Ihrer Sicht wecken, lernen oder trainieren? Wenn ja- mit welchen Methoden? Wie lässt sich Intuition im Alltag sinnvoll nutzen? Was sollte man beachten, um seine Intuition verantwortungsbewusst einsetzen zu können? Welche besonderen - gute wie negative- Erfahrungen haben Sie im Umgang mit der Intuition bisher gemacht? Welchen Stellenwert hat die Intuition für ihr Leben?

Antworten geben:
Angaangaq, ein Schamane der Eskimo- Kallallit aus dem Hohen Norden Grönlands
Antoschka, die Königin der Clowns
Natale Ferronato, ein Schweizer Naturarzt und Pathophysiognom
Professor Dr. Dr. h c. Gerd Gigerenzer, Psychologe und Direktor am Max- Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin
Philip Goldberg, Intuitions-Coach, spiritueller Berater und Autor
Dr. Markus Hänsel, Systematischer Berater, Coach und Trainer für Unternehmen
Alev Naqiba Kowalzik , Diplompsychologin, Musikerin und Musiktherapeutin
Dr. Roy Martina, Holistischer Arzt, Autor, Wellness - und Selfness-Coach
Safi Nidiaye , Spirituelle Lehrerin und Seminarleiterin, Autorin und Medium
Prof. Dr. Franz Ruppert, Professor für Psychologie, psychologischer Psychotherapeut
Dr. Chuck Spezzano, Psychologe, Lebenslehrer, Bestsellerautor und Visionär.

Die Antworten zeigen , dass die Experten in ihren Betrachtungen alle zu ganz ähnlichen Ergebnissen gelangen und man gut beraten ist, die eigene Intuition zu wecken, zu erlernen und zu trainieren. Prof. Dr. Dr. Gerd Geiger resümiert, dass Intuition unentbehrlich ist für sein eigenes Leben. " --- ich kann nicht leben ohne intuitive Entscheidungen. Ich denke, dass es ein ganz wesentlicher Teil meiner Psyche ist. Und meine Forschung dient dazu, die Brisanz der Öffentlichkeit bewusst zu machen. "

Der Inhalt des Buches hat mich überzeugt zukünftig mehr auf meine innere Stimme zu hören.

Rezension: Philosophie- Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand (Taschenbuch)

Der englische Aufklärungsphilosoph David Hume(1711-1776), dessen Buch Über Moral ich dieser Tage rezensiert habe, teilt in seinem Werk " Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand" deutlich die Inhalte des Geistes in zwei Kategorien: Eindrücke ("impressions") und Vorstellungen ("ideas"). Für ihn sind die Eindrücke das Primäre. Sie können auf äußerer wie auf innerer Wahrnehmung beruhen.


Die komplexen Ideen sind nach Hume durch Kombination der einfachen Elemente - Impressionen und Ideen - im Verstande gebildet. Der Philosoph untersucht die Verhältnisse und Gesetze, nach denen solche Verbindungen( Gesetze der Ideenassoziationen) zustande kommen. (1) Das Gesetz der Ähnlichkeit und Verschiedenheit. Aufgrund dieses Gesetzes entsteht die Wissenschaft und Mathematik. Sie hat es als nur mit Verknüpfung und Vorstellung zu tun. Alle ihre Gesetze fußen auf dieser Verbindungstätgkeit des Verstandes. Sie sind aus dem Verstand aus diesem Grunde abzuleiten und zu beweisen. (2) Das Gesetz der räumlichen und zeitlichen Nachbarschaft. (3) Das Gesetz der kausalen Verbindung nach Ursache und Wirkung.

Hume geht davon aus, dass in allen Wissenschaften, die sich nicht mit der Verknüpfung von Vorstellungen, sondern von Tatsachen befassen, und das sind alle Wissenschaften außer der Mathematik, nur solche Erkenntnisse Wahrheitswert beanspruchen, die sich unmittelbar auf Eindrücke zurückführen lassen, gemeint sind Sinneswahrnehmungen, wie sich uns die Welt durch Licht, Luft und Wellen etc. einprägt. Die Vorstellungen sind gewissermaßen im Bewusstsein verharrende Bilder dieser Eindrücke. Über sie haben wir Kontrolle. Es ist möglich sie beliebig zu kombinieren und daraus neue Vorstellungen zu bilden. Weil sie nur Abbilder sind, werden mithin alle Vorstellungen auf Eindrücke zurückgeführt. Diese Tatsache stellt für Hume die Legitimation unserer Glaubensvorstellungen und Gedanken dar. Man kann seiner Ansicht nach nur über solche Dinge sinnvoll reden, die auf äußere Eindrucke zurückgeführt werden. Was sind jedoch die Eindrücke, aus denen solche Konzepte wie Kausalität, Wunder und das Selbst erwachsen? Offenbar gibt es hier keine relevanten Eindrücke.


Ein kluger Kopf, der seiner Zeit in mancherlei Hinsicht weit voraus war.