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Rezension: Psychologie -Die Fähigkeit zu lieben: Bibliophile Jubiläumsausgabe (Gebundene Ausgabe)

Der Psychoanalytiker Fritz Riemann beleuchtet in diesem Buch den Begriff der Liebe unter psychologischen Gesichtspunkten. Er zeigt auf, dass die Fähigkeit lieben zu können bereits in der Kindheit angelegt wird und dass dort entstandene Schieflagen im weiteren Leben emotional zu erheblichen Defiziten und Schwierigkeiten führen können.

Liebe sieht Riemann als Ausdruck unserer Gesamtpersönlichkeit. Diese hängt von deren Dimension, Reife und Tiefe ab, nicht jedoch von der Häufigkeit sexueller Akte oder der Anzahl von Liebeserlebnissen. Lieben können setzt voraus, dass man liebesfähig ist. Für die Liebesbereitschaft ist es charakteristisch, dass sie in all ihren Formen über uns hinaus und von uns fortführen möchte. Dies ist mit dem Drang verbunden, uns jemand liebend zuzuwenden, den man lieben kann. Das Gemeinsame bei allen Formen des Liebens ist offenbar eine gewisse Selbstentäußerung, ein grenzüberschreitendes Transzendieren. Ursache hierfür ist die Sehnsucht die trennende Schranke zwischen uns und einem Du oder etwas, das anders ist als wir selbst, zu überwinden bzw. für eine gewisse Zeit aufzuheben.

Riemann hält fest, dass man immer jemanden oder etwas außer uns suchen. Dahinter steht die Sehnsucht nach Selbstfindung, die ohne einen Partner im weitesten Sinne nicht zu erreichen ist, weil es ohne Kommunikation keine Individuation gibt. Selbstfindung , so der Psychoanalytiker, gelingt umso reicher, je mehr man seine egoistische Ichbefangenheit vergisst.

Zeit und Bewusstheit wirken keineswegs kontraproduktiv auf die Liebe, sofern man Entwicklungsmöglichen und Wandel in einer Liebesbeziehung zulässt. Je weniger man die Eigenentwicklung des Du gestattet, um so mehr wird sich die Liebe entziehen. Alle Entwicklungen, dessen muss man sich bewusst sein, belasten das Liebesvermögen, werden zur Forderungen neu und anders zu lieben oder führen zum Zurücknehmen der Liebe.

Für alles Lieben von Kindes an gilt, dass sie Zeit braucht, um sich entfalten zu können. Nimmt man sich diese Zeit nicht, wird man nicht über die Vorstufen des Liebens hinausgelangen.Um lieben zu können muss man selbst einmal geliebt worden sein. Wer dies in seiner Kindheit wenig oder nie erfahren hat, für den wird es schwerer oder gar unmöglich lieben zu lernen, denn Bedingung für unser eigenes Lieben-Können ist, dass man sich irgendwann selbst als liebenswert erfuhr.

Riemann beleuchtet die Formen elterlicher Liebe. Ihre beglückenste Form ist die schenkende Liebe, weil sie ihre Erfüllung darin sieht, dass das Kind seine Persönlichkeit voll entfalten kann, im Sinne des ihm erreichbaren Optimismus. Gegenbild dazu ist die verwöhnende Liebe , die den Beschenkten zu Dank verpflichten und ihn binden möchte. Hier ist das Kind nicht wirklich selbst gemeint, sondern derjenige, der Liebe zurückgeben soll. Es hat gewissermaßen eine Funktion zu erfüllen und ist dadurch im gewissen Sinne austauschbar.

Schwieriger noch ist, wenn elterliche Liebe Züge von partnerschaftlicher Liebe aufweisen. Das kann besonders für Söhne gefährlich werden, so Riemann. Hier machen Mütter den Sohn zum Rivalen oder Ersatz des Partners und verführen ihn gleichsam in die Rolle des Liebhabers, die vom Sohn zunächst als Auszeichung und mit Stolz erlebt wird. Ein solcher Sohn bleibt zu stark an die Mutter gebunden. Er wird zwar mit Liebe belohnt, doch auf Dauer immer mehr frustiert.Zwar ist er der Liebe der Mutter so lange sicher , wie er den ritterlichen Kavalier, Tröster und Partnerersatz ist, allerdings sind dieser Liebe natürliche Grenzen gesetzt, die über die erotische Atmosphäre und gewisse Zärtlichkeiten nicht hinausgehen. Die Eifersucht der Mutter- das ist das Drama- gibt den Sohn für keine andere Frau frei. Wenn der Sohn auch noch eine positive Beziehung zum Vater hat und nun durch die Mutter zum Rivalen aufgebaut wird, ist nicht selten eine Familientragödie die Folge.

Riemann zeigt in einem weiteren Kaptitel auf, dass Lust und Liebe zusammengehören und dass bei ungeliebten Kindern nach der sexuellen Reife in der Regel nur sexuelles Begehren zum Du treibt, die Liebesfähigkeit jedoch verkümmert bleibt. Je nach sonstigen Persönlichkeitsentwicklung kann es letztlich nur noch zur funktionellen Betätigung kommen.

Ist die Selbstliebe, aufgrund elterlichen Nichtgeliebtwerdens, überwertig, kommt es verstärkt zu autoerotischen Formen der Sexualität. Beim Mangel an mitmenschlichen Beziehungen und der Tabuierung alles Erotischen und Sinnlichen verarmt die Liebesfähigeit und wendet sich nur noch Teilen der Person zu , der die Zuneigung gilt, oder schließlich völlig von ihr abgelöst. Durch Berührung eines Gegenstand(Fetisch) wird die Berührung der geliebten Person gewissermaßen ersetzt.

Verlustängste entstehen dann, wenn der Partner überwertig gesehen wird, weil man Halt und Sicherheit allein von ihm erwartet. Personen, die unter großen Verlustängsten leiden, laufen in Gefahr, dass ihre Liebesbeziehungen zur sexuellen Hörigkeit oder zu masochistischem Genuss an der Sebstaufgabe, am Sich-erniedrigen-lassen führen.Zwischen aufopfernder Liebe und Dankbarkeit erwartender Liebe besteht nur eine schmale Grenze, die sich um so leichter verschiebt , je weniger Selbstwertgefühl jemand hat.

Riemann zeigt, dass bei der Partnerwahl nicht selten biographische Bedingungen eine Rolle spielen und beim Suchbild Eindrücke aus frühester Kindheit nicht ohne Bedeutung sind. Bei glückhaften Erfahrungen sucht man einen Menschen, der dem gleicht, mit dem man eine glückhafte Erfahrung gemacht hat, bei enttäuschenden Erfahrungen sucht man nach einer Person, die möglichst ganz anders ist als die, die von der man enttäuscht worden ist. Bei Menschen, die negative Kindheitserfahrungen gemacht haben, besteht die Gefahr, dass sie selbst bei einem Partner, der keine Ähnlichkeiten aufweist mit der ihn enttäuscht habenden Person aus der Kindheit, dennoch die negativen Erfahrungen auf diesen projeziert.

Wie sehr Angst sich belastend auf die Liebe auswirken kann, zeigt Riemann zu Ende seines Buches. Je intensiver man liebt und geliebt wird , desto mehr hat man zu verlieren, desto mehr droht Verlustangst. Gegen diese allerdings gibt es keine Sicherung. Riemann setzt diesen Verlustängsten die Hoffnung entgegen, die , wenn man sie in der Kindheit erlernt hat, Abschiede, Trennungen und Einsamkeit leichter ertragen lassen, weil sie als nicht entmutigend begriffen werden.
Der Mut, etwas neues zu wagen, sich der Angst zu stellen, lässt uns, so der Psychologe, neue Erfahrungen mit uns und der Welt machen und unsere Kinderängste überwinden.

Jede Angstüberwindung sollte als kleiner Sieg begriffen werden, der freier macht, auch im Hinblick darauf unbeschwert lieben zu können.

Ein sehr empfehlenswerter Text!





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