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Rezension: Gelassenheit: Was wir gewinnen, wenn wir älter werden (Gebundene Ausgabe)

"Gelassenheit ist das Gefühl und der Gedanke, sich in einer Unendlichkeit geborgen zu wissen, für die nicht wichtig ist, welchen, Namen sie trägt." (S.106)

Prof. Dr. Wilhelm Schmid wartet in diesem Bücherfrühling mit einem bemerkenswerten kleinen Büchlein auf, das so gar nicht in den Frühling passen will, denn er thematisiert das Älterwerden. Der Autor zählt derzeit gerade mal 60 Lenze, sieht sich aber dennoch bereits genötigt, über zukünftige, möglicherweise weniger erquickliche Lebensphasen nachzudenken. Nicht viele tun dies in einer Zeit, wo die meisten, ewige Jugend anstreben und sich diesbezüglich pausenlos stressen.

Vor einigen Tagen habe ich auf Facebook das Bild und den Bericht über die derzeit älteste Frau auf der Welt verlinkt, weil sie gerade Geburtstag feierte. Ich wollte wissen, wie FB-Freunde darauf reagieren und freute mich über die Resonanz. Angst vor dem Älterwerden haben wir vermutlich nur dann, wenn wir keine betagten und dabei gesunden Menschen kennen gelernt haben, sei es persönlich oder aufgrund von Berichten. Dann verwechseln wir unter Umständen Alter mit Krankheit und das ist ein schwerer Fehler.

Mich fasziniert es seit meiner frühen Kindheit, wenn Menschen in ihrer vierten Lebensphase erkennbar entspannt und fröhlich sind. Mein 1871 geborener Urgroßvater war es und mein über 90 jähriger Onkel ist es auch, der übrigens davon überzeugt ist, dass Nachfolgegenerationen die Chance haben, weit über 100 Jahre alt zu werden, wenn sie sich gesund ernähren, sich ein wenig bewegen und eine positive Grundhaltung haben. Eines jedoch ist notwendig, man muss akzeptieren, dass das Leben endlich ist.

Diesbezüglich scheinen Menschen im Hier und Heute allerdings Probleme zu haben. Schmid reflektiert in 10 Kapiteln, was wir gewinnen, wenn wir älter werden. Ein toller Ansatz, der schon auf dem Cover deutlich macht, dass Älterwerden keinesfalls nur Verlust bedeutet, wie die Werbung und die Schönheitschirurgen aus Profítgíer es nicht selten uns allen weiß machen möchten.

Gleich auf den Seiten 10/11 schreibt Schmid "Gelassen leben kann ein Mensch nur mit dem, was er als wahr akzeptiert- ansonsten benötigt er alle Kraft für die Leugnung des angeblich Unwahren, das dennoch existiert." Genau deshalb ist es notwendig, die Endlichkeit auch körperliche Veränderungen, die mit dem Älterwerden zu tun haben, zu akzeptieren. Je mehr man sich gegen den natürlichen Prozess krampfhaft stemmt, umso mehr Fahrt nimmt er auf, so jedenfalls meine Beobachtungen. Schmidt bringt es auf den Punkt, indem er schreibt "Art of Aging statt Anti-Aging- eine Kunst des Älterwerdens, um mit diesem Prozess zu leben, statt dagegen anzuleben."

Es macht Sinn, sich diverse Fragen zu stellen, wenn man sich bewusst mit dem eigenen Älterwerden auseinandersetzen möchte. Schmidt artikuliert solche Fragen in seinem Buch und er vermutet ganz ähnlich wie ich übrigens, dass es ein "Auswuchs des überschießenden Ichimus der modernen Zeit" ist, der das ewig junge Ich propagiert.

Schmidt fragt sich, ob er dazu in der Lage ist, zeitliche Grenzen der reifen Fülle des Lebens zu akzeptieren. Diese Frage sollte sich jeder stellen. Er denkt in dieser Beziehung über Gelassenheit nach, eine Eigenschaft, über die schon griechische Philosophen nachgedacht haben, weil sie der Schlüssel für ein schöneres Leben ist. Schmid versucht in 10 Schritten die Gelassenheit ausfindig zu machen, die uns entspannter in die Zukunft schauen lässt.

Die einzelnen Schritte werde ich nun nicht in Kurzform wiedergeben, auch nicht das Inhaltsverzeichnis aufnotieren, denn ich möchte den Lesern nicht die Neugierde auf das Buch nehmen. Interessante Fragen wie etwa "Was ist mir wichtig, was sollte ich besser nicht länger aufschieben?" sollte man sich in einer stillen Stunde selbst beantworten. Ich denke am wichtigsten ist es, gelassen im Jetzt zu leben, nicht an Verlust von Kraft in der Zukunft zu denken, sich dieses potentiellen Verlustes aber bewusst zu sein. Wir wissen nicht wie das letzte Viertel ausschaut, klar, aber wir können vieles für unsere Gesundheit tun, dann müssen wir keineswegs zerbrechliche Knochen und andere Schwierigkeiten bekommen, lieber Prof. Dr. Schmid.

Der Autor schreibt über bestimmte Interessen, die sich im Älterwerden steigern, so etwa die Lust am Reisen, die Lust an der Erinnerung, die Lust am Gespräch. Die Lust zu reisen und zu diskutieren hat man als aufgeschlossener Mensch eigentlich auch in jungen Jahren. Erinnern? Ja, wenn man Erkenntnisse daraus ziehen kann, ansonsten ist das Vergangene nach meiner Ansicht uninteressant, unergiebiger Ballast und führt nur zu nostalgischen Anwandlungen, die man für ein heiteres Leben im Jetzt nicht braucht. Dann doch lieber fröhliche Stunden im Garten, der auch auf einer Fensterbank gestaltet werden kann.

Schön, dass Schmid die Frage stellt, wieso Menschen Gärten lieben und diese Frage auch vortrefflich beantwortet. All meine betagten Verwandten sind passionierte Hobbygärtner, meine mittlerweile verstorbenen über 90 jährigen Großtanten waren es übrigens auch. Wer bewusst im Garten das Werden und Vergehen beobachtet, geht gelassener mit der Endlichkeit um und wer täglich Blumen blühen sieht, spürt deren Lächeln und lächelt zurück. Im Lächeln und im Charme liegt das eigentliche Geheimnis entspannten Älterwerdens vermute ich seit langem.

Weltschmerz und Einsamkeit treten dann ein, wenn man mit seinem Lächeln geizt. Lächeln ist eine intensive Form der Berührung und "Die Berührung ist eine Aufmerksamkeit, ohne die ein Mensch seelisch und schließlich körperlich auszudörren und zu verwelken droht." (S.69).

Ein gelassenes, unaufdringliches Lächeln steht nicht selten am Beginn von Freundschaften und wie Schmid es ja so treffend formuliert "Ein Mensch genügt, um gemeinsam mit ihm dem Leben Sinn zu geben. Das ist der Schlüssel dafür, lange jung zu bleiben." (S.81).

Nichts schlimmer als Isolation im Ich-Gefängnis, das gewiss im fortschreitenden Alter die Hölle darstellen muss. Wohl dem, der Freundschaften pflegt und das Prinzip des Gebens und Nehmens begriffen hat, dem nämlich bleibt die Hölle eines unerquicklichen, einsamen Alters erspart.

Sehr empfehlenswert.

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Rezension: Als wär's das letzte Mal: 24 Anregungen für ein todesmutiges Leben (Gebundene Ausgabe)

"Den Wert einer Liebe erkennen wir meist erst in dem Moment, in dem wir verlassen werden oder selbst jemand verlassen. Den Wert, eines Menschen erfassen wir meist erst dann, wenn er nicht mehr bei uns ist, sei es durch Wegzug oder durch Tod. Den Wert von Dingen (so es einen solchen übergeordneten Sinn überhaupt gibt) erfahren wir ebenfalls häufig er dann, wenn wir sie nicht mehr besitzen. Sonderbarerweise schätzen wir offenbar das, was nicht mehr da ist, eher als das, was wir besitzen. Wie aber wäre es, wenn wir wüssten...(...)?" (S.126)

Dr. Hans Christian Meiser schenkt dem Leser in seinem Buch 24 Anregungen für ein todesmutiges Leben. Der hochgebildete Autor hat sich intensiv mit der Endlichkeit unseres Seins beschäftigt und verdeutlicht, dass es genau dieses Bewusstsein ist, das Menschen dazu veranlassen kann, jeden Moment intensiv zu erleben und sich bei allen Handlungen positiv zu verhalten.

Es ist notwendig, dass man die Einmaligkeit unseres Tuns erkennt, es auch verinnerlicht und so lebt als wäre der heutige der letzte Tag unseres Lebens.

Was ist wirklich wichtig für uns unter dieser Prämisse?

Darüber und über vieles andere denkt der studierte Philosoph nach.

Schon wenn man Worte wie etwa "muss" in "darf" umwandelt, beginnt in unserem Denken und Fühlen eine Veränderung. "Ich darf leben." Dies sollte man sich bewusst machen, nicht nur an schönen, sonnigen Frühlingstagen. Bewusst machen sollte man sich auch die Worte aus dem "Buch Kohelet", die mit dem Satz "Ein jegliches hat seine Zeit" beginnen.

Abschied nehmen und Loslassen ist eine tägliche Übung für uns Menschen, um schließlich irgendwann sogar unser Leben loszulassen und zwar entspannt, wenn wir die tägliche Übung bewusst und ohne inneren Widerstand vornehmen. Was zählt ist der Augenblick. Ihn schön und gut zu gestalten, macht Sinn. Dies scheint unsere eigentliche Aufgabe im Leben zu sein.

Türen schließen sich und andere gehen auf. Das muss man begreifen lernen und nichts festhalten wollen, was dem Gestern angehört. Seinen Kummer loslassen, sich und anderen verzeihen, (S.72), sind Wege in die richtige Richtung und sich dabei wirklich stets des letzten Mals bewusst sein. Man handelt bewusster und liebevoller, wenn man davon ausgeht, dass es bei Begegnungen mit Menschen und Situationen kein nächstes Mal gibt, dessen bin ich mir ebenso sicher wie der Autor, der diesen Gedanken in seinem Buch stets auf Neue reflektiert und der einer jener Menschen ist, denen Achtsamkeit im Leben nicht wenig bedeutet, weil er diese als Schlüssel für ein positives Leben begreift.

Die meisten Schwierigkeiten in unserem Leben geschehen aus Mangel an Achtsamkeit, so jedenfalls meine Erfahrung. Wer achtsam jeden Moment seines Lebens lebt, daraus lernt und Konsequenzen zieht, wer immer wieder bewusst loslässt, um Neues zu erleben, der hat kein Problem mit der Endlichkeit. Zeit ist für einen solchen Menschen nicht der Gegenstand seines Denkens und Fühlens, sondern wie mir das Buch mal wieder bewusst gemacht hat, das immerwährende Interesse an Neuem und die kreativen Überlegungen, wie man es möglichst bunt und positiv gestalten kann, um es so zu erleben als wäre es der letzte Eindruck, den wir von dem, was ist, haben. 

 Empfehlenswert.

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Rezension:Denken wie ein Buddha: Gelassenheit und innere Stärke durch Achtsamkeit - Wie wir unser Gehirn positiv verändern (Gebundene Ausgabe)

Dr. Rick Hanson ist Neuropsychologe. International ist er anerkannt für seine wirksamen Techniken, die er aus dem Zusammenspiel von Achtsamkeit, Hirnforschung und Psychologie entwickelt hat.

Sein Buch, dessen Untertitel bereits andeutet, worum es geht, möchte dem Leser vermitteln, wie man Gelassenheit und innere Stärke durch Achtsamkeit erhält. 10 Kapitel warten auf den Leser, um aufzuzeigen, wo die verborgene Kraft der Alltagserfahrung liegt, die das Gehirn verändert und das Leben verbessert. Man lernt mehrfach am Tag, das Gute in sich aufzunehmen und genau dies verhilft zur Ruhe und Stärke.

Um nachstehende Schritte geht es dabei: 
1)Mache eine positive Erfahrung 
2)Reichere sie an 
3)Nimm sie in dich auf 
4)Verbinde sie mit positivem und negativem Material, (S.82) 

Ausführlich wird erläutert wie man Gutes "anbauen" kann. Die Erforschung positiver Gefühle hat verdeutlicht, dass diese Passivität und Stress entgegenwirken, seelische Belastungen reduzieren, Belastbarkeit, Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit erhöhen. Zudem fördern positive Gefühle das Streben nach Möglichkeiten, begründen positive Kreisläufe und fördern den Erfolg. Des Weiteren wird das Immunsystem gestärkt, das Herz wird geschützt und man erhält die Chance gesünder und damit vielleicht auch länger zu leben, (vgl.: S.24)

Drei Möglichkeiten nennt der Autor, wie man seine Psyche beeinflussen kann. Das Buch handelt von der dritten Möglichkeit, nicht dem Loslassen, sondern dem Einlassen.

Was man unter "positiv" zu verstehen hat, wird bestens erläutert, über Achtsamkeit erfährt man viel Wissenswertes und wie man sein Gehirn zum Guten hin verändert. Es gibt Möglichkeiten, Erlebnisse bzw. Erinnerungen in unsere Gehirnstruktur einzuweben und auf diese Weise neuronale Schaltkreise zu etablieren. Das versetzt uns dann in die Lage, jederzeit darüber zu verfügen.

Glück und innere Stärke gewinnt man durch das bewusste Durchleben von positiver Erfahrung. So können angenehme Befindlichkeiten zu fest verankerten, neuronalen Strukturen werden. Auf diese Weise nimmt man das Gute in sich auf und verankert es fest in unserem Hirn. Man erfährt Wissenswertes zur Entwicklung unseres Gehirns, liest auch dass negative Erfahrungen positive stets in den Schatten stellen und im Laufe der Zeit die Amygdala immer empfänglicher für negative Botschaften wird. So potenziert sich das Negative und setzt einen "wahren Teufelskreis" in Gang. Man muss sich klar machen, negative Verzerrung beeinflusst sogar die strukturbildenden Prozesse in unserem Leben. Wie das funktioniert, erläutert der Autor gut und ausführlich. Genau das muss man sich bewusst machen, wenn Personen täglich kleine giftige Nadelstiche setzen, um subtil zu demotivieren. Es ist eine teuflische Strategie, die großen Schaden in der Psyche der Betroffenen bewirken kann, wenn dem Tun nichts Positives entgegengesetzt wird.

Es führt zu weit, auf die Details im Buch näher einzugehen, allerdings haben mich all die biologischen Erläuterungen zum Thema Gehirn fasziniert und mir abermals nahe gebracht wie sehr man sich vor Energievampiren in Acht nehmen muss, wie sehr sie uns wirklich schaden, sofern man deren Aktionen mental nichts entgegensetzt, sprich positive Eindrucke, Erfahrungen etc.

Hervorragend wird erläutert wie man Gutes in sich aufnimmt, die Schritte habe ich am Anfang bereits kurz erwähnt. Sie werden allerdings im Buch ausführlich dargelegt. Auf welche Weise man Dingen Beachtung schenkt und wie die Stufen des Bewusstseins ausschauen, wird ebenfalls gut dargelegt. Gezeigt wird, wie man positive Erfahrung schafft und wie man lernt, das Leben als Möglichkeit zu begreifen.

Es ist im Grunde ganz simpel, besonders dann, wenn man begriffen hat, wie man mit Blockaden umgehen muss. Es lohnt, die oben genannten Schritte einzuüben, damit lernen wir resilienter zu werden und dadurch ausgeglichener, gesünder und vor allem glücklicher zu leben.

Empfehlenswert.

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Rezension:Die Seele der Welt: Von der Weisheit der Religionen (Taschenbuch)

"Wenn unser Herz mit der Weltseele im Einklang ist, kann schon eine Kleinigkeit es tief bewegen: ein Lächeln, eine sich öffnende Blüte, eine Wolke am Himmel, der Blick eines Unbekannten auf der Straße.(...)Dann liebt es die Welt den Kosmos, das Leben."(...) Wenn die Liebe in unserem Herzen wurzelt, verändert sie unsere Art zu leben, ja, zu sein." (S.95/96)

Autor dieses Buches ist  Frédéric Lenoir, einer der renommiertesten Soziologen Frankreichs, der sich zudem als Philosoph, Religionskritiker und Schriftsteller einen Namen gemacht hat.

Sieben Weise aus unterschiedlichen Gegenden der Erde folgen einem inneren Ruf in ein abgeschiedenes tibetanisches Kloster, in dem der 12 jährige Tenzin lebt. Die Weisen möchten dem Knaben die Essenz ihres Wissens weitergeben, weil sie vermuten, dass eine große Naturkatastrophe bevorsteht und die meisten Menschen auf der Erde dahingerafft werden. Tenzin soll ihr Wissen an die Überlebenden weiter vermitteln.

An sieben aufeinanderfolgenden Tagen sprechen die Weisen über die großen Menschheitsfragen, die der Autor als die sieben Schlüssel der Weisheit bezeichnet. Zunächst loten sie dabei den Sinn des Lebens aus.

Hier liest man zu Beginn Sätze wie: "Eine Vielzahl der Übel in der Welt rührt daher, dass viele Menschen, die über Macht und Reichtümer verfügen, sich niemals die Frage nach der wahren Bedeutung ihres Dasein gestellt haben." Dann werden die Konsequenzen aus diesem Verhalten beschrieben und später auch festgehalten: "Denn, der Mensch, der nicht weiß, dass er zwei große Gaben besitzt, wird immer unglücklich sind. Und diese Gaben sind die Klarheit des Geistes, die ihn frei macht und die Güte des Herzens, die ihm Glück schenkt."

Die Weisen, die nicht nur aus unterschiedlichen Gegenden stammen, sind auch religiös sehr verschieden geprägt, doch man bemerkt, dass ihre Grundweisheiten sich in keiner Weise widersprechen. Alle wissen, dass das Geheimnis und der Schlüssel aller Weisheit letztlich in der Liebe zu finden ist und wissen ferner, dass man Glück nicht in äußeren Umständen suchen sollte. Dies begründet der Autor auch gut nachvollziehbar.

Es ist unmöglich all die Erkenntnisse, die man in diesem Buch vermittelt bekommt, im Rahmen einer Rezension aufzulisten. Eine Sentenz möchte ich an dieser Stelle zitieren, weil man sich diese immer wieder vor Augen halten sollte: "Wir alle sind mehr oder weniger Gefangene unserer Ängste, unserer Triebe, unseres Charakters, unserer Gewohnheiten, unserer Emotionen. Sie bestimmen über einen Großteil unseres Handelns, unserer Entscheidungen. Wir sind Slaven unserer selbst, daher sind wir auch die Einzigen, die uns aus diesem inneren Gefängnis befreien können." (S.77) Genau so ist es.

Die Weisen philosophieren natürlich auch über die Liebe, die die bedingungslose Hingabe fordert, eine "Hinneigung zum anderen, die zur Ursache tiefer Freude wird",(S.91) Vielleicht einer der zentralsten Sätze im Buch ist nachstehender:"Die Liebe verankert uns und öffnet uns das ganze Universum." (S.97) Genau darum geht es.

Ob nun die fiktiven Weisen im Buch oder andere Philosophen und Theologen, immer wieder sind die Botschaften aller um Erkenntnis Bemühten sehr ähnlich. Im Grunde wissen wir ja alle alle, dass wir Gerechtigkeit und auch Demut kultivieren müssen, auch Mäßigkeit, die Zufriedenheit und vor allem die Dankbarkeit, wissen es auch dann, wenn all die Weisen nicht zur Stelle sind. Wir müssen nur in uns hineinhören.

Wie wissen, wie wichtig es ist, achtsam im Hier und Jetzt zu leben und wir wissen, dass nur die Liebe uns vor dem Dunkel auf Erden schützt. Wir wissen es seit Tausenden von Jahren und doch mangelt es uns nicht selten an Mut, in allem, was wir tun, stets die Liebe zum obersten Gebot zu machen und das, obschon wir wissen, dass nur die Liebe uns und die Welt retten kann. Fast scheint es so, als ob der ein oder die andere gar nicht gerettet werden will. Warum auch immer. Vielleicht aufgrund mangelnden Vorstellungsvermögens, dass man Wissen auch in Handlung umsetzen kann und Wissen nur so sinnstiftend ist.

 Lesenswert.

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Rezension:Dem Leben Sinn geben: Von der Lebenskunst im Umgang mit Anderen und der Welt (Gebundene Ausgabe)

"Mit dem Verlust der Sensibilität aber verliert der Mächtige die Werte, die ihn so weit gebracht haben. Das Schwinden jeglicher Ethik höhlt die Macht von innen aus, bis ihr etwas von außen entgegenschlägt, das schlimmer ist als aller Hass: Verachtung, die moralische Niederlage ist besiegelt." (Zitat S.259).

Der Philosoph Prof. Dr. Wilhelm Schmid befasst sich in diesem Buch mit Sinnfragen. Diesen nähert er sich in fünf großen Abschnitten, denen stets zahlreiche Kapitel zugeordnet sind, in denen das jeweilige Thema des Abschnitts facettenreich ausgelotet wird.

In besagten Abschnitten geht es um nachstehende Betrachtungen:
Von der Liebe in der Familie
Von der Liebe zu Freunden
Von der Liebe zu Feinden
Von der Liebe zu Wesen und Dingen, zur Welt
Von der Liebe zum Wesen und einem Darüberhinaus

Gleich zu Beginn liest man den Satz "Ein sinnerfülltes Leben ist ein Leben in Beziehung", hält inne und geht dann vielleicht nochmals einige Zeilen zurück, um abermals den Satz "Es scheint das Zueinanderhin zu sein, das Menschen mit Sinn erfüllt, das Voneinanderweg ruft Klagen über Sinnlosigkeit hervor" zu lesen. Ein mutiger Satz in Zeiten der Vereinzelung, in denen Menschen aufgrund von Egoismen ihre Partner, ihre Familien, ihre Freunde ohne große Bedenken verlassen oder sich mit allen Kräften gegen die Gemeinschaften stellen, wenn sie glauben, dass dies ihnen Vorteile brächte und dieses Handlungsmuster zum modernen und einzig richtigen Lifestyle hochstilisieren.

Im ersten Abschnitt hat mir der Beitrag "Liebe und Erziehung: Anleitung zu einem sinnerfüllten Leben" besonders gut gefallen, vielleicht deshalb, weil mir schon immer klar ist, dass eine liebvolle Erziehung die Grundlage eines sinnstiftenden Lebens ist. Erziehung benötigt Beziehung, keine Gleichgültigkeit, so der Autor. Wer lieblos erzieht, stößt auf Ablehnung. Es ist gut, dass Schmid nicht unerwähnt lässt, dass Beziehung Berührung braucht, nicht nur körperliche, sondern auch seelische. Der Philosoph verweist in diesem Zusammenhang auf Joachim Bauer und zitiert aus dessen Buch "Prinzip der Menschlichkeit": Versuche Kinder ohne emotionale Zuwendung, sondern ausschließlich 'rational" oder 'vernünftig' zu erziehen, haben schwere seelische Beeinträchtigungen zur Folge." Auch geistige Berührung durch Austausch von Gedanken und Ideen ist notwendig, wenn Erziehung funktionieren soll. Kinder zu ermutigen, Selbstvertrauen zu entwickeln, lässt diese aufblühen. Wer ewig nur kritisiert und nörgelt, lässt sie dahinwelken und untergräbt deren Kreativität.

Über Geschwisterliebe und Geschwisterhass denkt der Autor nach und sieht auch hier die Notwendigkeit, sich bewusst um eine liebevolle Beziehung zu bemühen. Eltern sollten sich früh um Verteilungsgerechtigkeit, was die Zuwendung anbelangt, bemühen, damit die Beziehungen der Kinder untereinander nicht vom Neid geprägt werden.

 Es ist erstaunlich wie viel psychologisches Wissen Schmid in sein gesamtes Buch eingearbeitet hat und wie klar es für ihn ist, dass die gelebte Liebe in allen Belangen die Grundvoraussetzung für ein sinnstiftendes Leben darstellt. Warum begreifen dies eigentlich nur so wenige Menschen?

Mittlerweile wissen ja nicht wenige Personen, wodurch wir Resilienz erlangen können, die wir für ein erfolgreiches Leben benötigen und doch ziehen viele keine Konsequenzen aus diesem Wissen. Schon sehr seltsam.

Unmöglich, an dieser Stelle die vielen guten Gedanken zu skizzieren, besonders auch zur Freundschaft, aber auch zur Feindesliebe. Interessant sind hier die Frage "Bedürfen Menschen des Bösen?" und die Betrachtungen zum Thema "Von der Sinnlosigkeit, siegen zu wollen." Wie Recht doch B. Gracián hatte als er feststellte: "Ein niederträchtiger Sieg ist kein Ruhm, vielmehr eine Niederlage." Es ist schön, dass Schmid u.a. auch verdeutlicht, dass die Liebe zu den Künsten aller Art und Büchern in jeder Form Teil einer Kunst des Liebens darstellt, aber auch die Liebe zu den Wissenschaften, die sehr viel zur Kulturgeschichte beiträgt, dazugehört. Die Kunst zu lieben, das beherzte Engagement verleiht dem Leben Sinn. Liebe sollte uns bei allem, was wird tun, durchströmen, dann ist das Leben nicht mehr sinnentleert. Einfach ausprobieren......

 Sehr lesenswert.

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Rezension:Vom rechten Maß. 21 Schritte zur Lebenskunst (Gebundene Ausgabe)

Martin Kämpchen, der Autor dieses sehr guten Buches studierte einst in Wien, Paris und Indien. Heute lebt und arbeitet er in Santiniketan (Indien), Kaliimpong (Himalaya) und in Boppard. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass er Übersetzer und Biograf von Rabindranath Tagore ist.

Das Vorwort zum Buch, das einige sehr schöne Illustrationen enthält, die auf den letzten Seiten kurz erläutert werden, hat der Abtprimas des Benediktinerordens Notker Wolf verfasst. Er weist darauf hin, dass dieses Buch kein Ratgeber ist, denn es bietet keine Lösungen an. Stattdessen fordern die Texte dazu auf, unsere Freiheit wahrzunehmen und zu entfalten. Es geht um das rechte Maß. Darin sieht der abendländische Mönchsvater Benedikt die "Mutter aller Tugenden". Wolf begreift das Werk als Buch der Weisheit, in dem der Reichtum von West und Ost miteinander verschmelzen. Diesem Urteil schließe ich mich an, nachdem ich die Texte in den letzten Stunden aufmerksam und mit großer Begeisterung gelesen habe.

Martin Kämpchen erläutert in seiner Einführung, was man unter dem Begriffsbild "Vom rechten Maß" zu verstehen hat. Es geht dabei stets um zwei Gegenstände, Zustände bzw. Lebenshaltungen, die gegeneinander abgewogen werden. Dabei wird deutlich, dass es im Leben kein Entweder-oder, kein Schwarz-Weiß, Positiv-Negativ oder allgemeiner, keine sich ausschließenden Gegensätze gibt. Es geht also um das "Sowohl als Auch". Unsere Aufgabe besteht darin, diesbezüglich stets das rechte Maß zu finden.

Untergliedert sind die geistig sehr bereichernden Texte in drei Abschnitte:

Die Waagschalen auspendeln lassen, um das Maß zu finden
Lebenssattheit ist ein Zeichen, dass wir recht gelebt haben
Zuverlässigkeit ist ein Stück Himmel auf Erden.

 Immer wieder wird dem Leser nahegebracht, wie wichtig es ist, das Maß zu finden, sei es beim Sammeln und Loslassen, Reden oder Schweigen, der Angst und dem Mut etc., etc.. Es ist wohl wahr, wer nicht loslassen kann, hat die wichtigste Lektion des Lebens noch nicht gelernt. Nur wenn man das Prinzip des Loslassens begriffen hat, akzeptiert und für sich lebt, schafft man es, über sich hinaus zu denken und zu fühlen sowie den Tod zu begreifen. Reife Menschen können loslassen und auf diese Weise erahnen, was es bedeutet, uns selbst überwunden zu haben.

 Leider ist es nicht möglich, auf alle Texte im Buch im Rahmen der Rezension einzugehen. Erwähnen möchte ich aber die Betrachtungen zu "Neugier und Lebenssattheit". Nicht Stumpfheit, Apathie und Passivität ist der Gegenpol zur Neugierde, sondern Lebenssattheit. Das wird den ein oder anderen überraschen. Ja, es ist tragisch, wenn sich Neugier niemals beruhigt und man vom Leben selbst im hohen Alter nicht genug haben kann. Alles hat seine Zeit.

 Das sollte jeder begreifen und auch hier das Maß ausloten. An anderer Stelle im Buch lese ich, dass das von der Gier Gesammelte niemanden erfreuen kann, "denn Gier hat nie genug, und inmitten ihrer Opulenz fühlen sich gierige Menschen ärmer" als solche mit maßvollem Besitz. Das konnte ich auch immer wieder beobachten, denn mir sind in meinem nicht virtuellen Leben einige unendlich gierige Menschen begegnet, die unglaublich unzufrieden waren, obschon sie objektiv keinen Grund dazu hatten.

 Alle kreativen Menschen sollten sich bewusst machen, dass der Gegenpol zur Kreativität Gewöhnung darstellt. Wer im Extrem des kreativen Pols verhaftet bleibt, läuft Gefahr, sich in den neuen Räumen seiner Fantasien und Gefühle zu verirren und an kein Ende zu kommen, (vgl.: S.99). Kreativität benötigt Erdung, so der Autor und Gewöhnung ist die Form, in die sich die kreative Energie gießt. Gefallen hat mir in diesem Zusammenhang auch die Definition von Kreativität, die ich hier zitieren möchte: "Kreativität bedeutet die Entbindung von Denkgewohnheiten, von Lebenskonventionen, bedeutet die Rückkehr ins Umgeschaffene, Ungeformte und Unstrukturierte." (Zitat, S.99)

Vielleicht sollte man alte Denkgewohnheiten loslassen, um sich auf dieses Buch mit den klugen Betrachtungen, wie man sich sinnvollerweise innerhalb unterschiedlicher Verhaltenspole bewegt, entspannt einzulassen und wenn man es schafft, sich über den Gedanken:"Begeisterung entsteht also nicht aus Ich-Bezogenheit, sondern sie fegt den Egoismus hinweg. Begeisterung drängt uns, aus unserem Ego herauszutreten." (S.89) zu freuen, dann, so glaube ich, ist man auch dem Weg, der erfahrbar macht, wie man das richtige Maß in allen Dingen findet.

Sehr empfehlenswert.

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Rezension:Was der Körper zu sagen hat: Ganzheitlich gesund durch achtsames Spüren (Gebundene Ausgabe)

"Das Broken-Heart-Syndrom zeigt uns eindrucksvoll, wie eng Psyche und Körper miteinander verwoben sind. Der Zusammenbruch, das Kollabieren eines Teils des Herzens, geschieht im Zustand absoluter Hoffnungslosigkeit. Erst wenn unter Höchststress alle Möglichkeiten ausgelotet sind, kommt es zur Erstarrung und Kollabieren. Nichts geht mehr." (S.213)

Dieses Buch von Dr. Isa Grüber habe ich schon einige Monate in meinem Bestand und habe oft vorm Einschlafen darin gelesen, um mir über einen gewissen Zeitrahmen hin, wirklich Wichtiges bewusst zu machen. Wie kann man ein Trauma eventuell über den Körper auflösen? Das ist eine Frage, die mich seit langem sehr beschäftigt.

Nicht wenige Menschen leiden unter Traumafolgen, ohne dies wirklich zu ahnen. Sie haben bestimmte Symptome, die sie aber nicht mit dem Trauma in Verbindung bringen. Unverarbeitete Traumata bleiben offenbar im Körper gebunden. Dort verursachen sie eine chronische Überregung des Nervensystems. Die Autorin nennt einige Beschwerden, die Traumafolgen sind, z.B. die Neigung, von den eigenen Emotionen überwältigt zu werden, auch Panikattacken und die Unfähigkeit zu entspannen.

Der Körper kennt Wege ein Trauma zu aufzulösen, dazu allerdings ist eine achtsame Körperwahrnehmung notwendig. Man lernt u.a. anhand einer Checkliste eine Vielzahl von Übererregungssymptomen kennen. So etwa ein andauerndes Bedrohungsgefühl, Albträume und die Unfähigkeit, sich zu erholen. Es werden auch Symptome im Zusammenhang mit Übererregung und gleichzeitiger Ohnmacht aufgezeigt. Hierzu zählen Depression, ein fehlendes Gefühl von Verbundenheit mit sich und anderen, die Unfähigkeit um Hilfe zu bitten, dauerhafte Beziehungen zu entwickeln, ein mangelndes Gespür für die eigenen Grenzen und ein fehlendes Vertrauen in das Leben. Genannt werden Strategien, wie Menschen fälschlicher Weise mit diesen Symptomen umgehen. Zu Sprache gebracht werden hier u.a. Arbeitssucht, ständiger Bewegungsdrang, Alkohol, Zigaretten und Essen. Diese Formen der Entladung sind allerdings nur vorübergehend. Erlernt werden muss eine gewisse Selbstregulierung zwischen Anspannung und Entspannung. Man sollte Entspannungsphasen einfach zulassen lernen.

Die Autorin zeigt, wie man ein Gespür für die eigenen Grenzen bekommt, zeigt auch, woran man ein Trauma erkennt und erläutert ausführlich die beiden Arten wie der Körper auf ein Trauma reagiert. Man lernt in der Folge ein Trauma ganzheitlich zu betrachten und zu begreifen, dass es nicht nur das erlebte Ereignis selbst, sondern in erster Linie dessen Auswirkung auf Gehirn und Körper sind. Thematisiert wird, wie man verschiedene Traumata löst und man erfährt, was man tun kann, wenn die Angst kommt, d.h. wie man aus dem Panikkarussell aussteigen kann.

Mittels der körperorientierten Methode Somatic Experiencing (Se)von Dr. Peter Levine, denn um diese geht es bei all dem oben näher Ausgeführten, lernt man Schock- und Traumaerlebnisse aufzulösen und mit Stress anders umzugehen.

Wer kennt sie nicht, die traumatischen Erlebnisse mit ihren vielen unangenehmen Folgen? Es lohnt, mit dieser Methode psychosomatischen Beschwerden die Grundlangen zu entziehen.


Empfehlenswert.

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Rezension: SOS Kinderseele: Was die emotionale und soziale Entwicklung unserer Kinder gefährdet - - und was wir dagegen tun können (Gebundene Ausgabe)

"Eine gebildete emotionale und soziale Psyche macht Kinder und Jugendliche stark. Sie können das Selbstbewusstsein entwickeln,, ihre Fähigkeiten einzusetzen und weiterzuentwickeln, ohne dabei egoistisch und schädigend für andere Menschen vorzugehen." (Michael Winterhoff, S.158).

Der Psychotherapeut Michael Winterhoff befasst sich in seinem klugen Buch mit den Gefährdungen der emotionalen und sozialen Entwicklung von Kindern und zeigt, was man dagegen unternehmen kann. Faktisch belegbar ist, dass es immer mehr Kinder gibt, die gravierende Störungen im Lern-, Leistungs- und Sozialverhalten aufweisen. Zudem scheinen immer mehr Heranwachsende nicht mehr fähig zu sein, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Wie es aussieht, liegen die Ursachen in psychischen Fehlentwicklungen.

 Um zu verhindern, dass es in unserer Gesellschaft immer mehr Egoisten, Narzissten und beziehungsunfähige sowie lustorientierte Egoisten gibt, ist es nach Winterhoffs Ansicht, der ich ohne Wenn und Aber zustimme, notwendig, rasch gegenzusteuern.

Offenbar steigen derzeit im Kindergartenalter bei den Kleinen massive motorische und sprachliche Schwierigkeiten an. Die Kinder haben Probleme im Bereich des Lernens und auch im Hinblick auf soziale Kompetenzen. Verzeichnet wird ein Konzentrationsmangel in der Schule wie auch ein Desinteresse an Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Zudem mangelt es an Fleiß und die Kinder begreifen Strukturen und Abläufe immer weniger. Zu allem Überfluss fallen diese Kinder auch noch durch eine ausgeprägte Rücksichtslosigkeit und Leistungsverweigerung unangenehm auf. Für all dies gibt es natürlich Gründe und diese liegen in Beziehungsstörungen mit den Bezugspersonen begründet.

Winterhoff veranschaulicht die Entwicklungsstufen eines Kindes anhand einer kurzen Auflistung und macht deutlich, dass immer dann, wenn in einem bestimmten Alter ein Stillstand eintritt, es eine höhere Stufe der Entwicklung nicht erreichen kann. Das hat zur Folge, dass das Denken und die Wahrnehmung auf einer früheren nicht altersgemäßen Stufe verbleiben.

Man muss sich bewusst machen, wie ein Kind die Welt wahrnimmt und verstehen lernt, dass Kinder die Welt vollkommen anders wahrnehmen als Erwachsene. Viele Erwachsene scheinen das mittlerweile vergessen zu haben, deshalb auch kommt es zu all diesen fatalen Entwicklungsverwerfungen.

Sehr wichtig ist es, in bestimmten Entwicklungsphasen, Abläufe und Strukturen zu erkennen, um sich an Regeln orientieren zu können. Jedem, der ein wenig nachdenkt, wird schnell bewusst, dass Regeln Kinder Stabilität und Sicherheit schenken. Kinder benötigen Regeln und Strukturen, um sich orientieren zu können.

Winterhoff thematisiert sogenannte Denkverbote, um sie auszuhebeln. Es ist völlig klar, dass Kinder Grenzen aufgezeigt bekommen müssen, wenn sie sich zivilisiert entwickeln sollen. Da Höflichkeit, Rücksichtnahme und Respekt nicht angeboren sind, müssen sie erlernt werden und zwar in der Kindheit bereits. Diese erlernten Fähigkeiten sind eine notwendige Bedingung, um ein emotional und sozial ausgereifter Erwachsener zu werden, (vgl.: S.59).

Der Psychotherapeut unterstreicht, dass das Verhalten, das Eltern, Großeltern, Lehrer und Erzieherinnen heute an den Tag legen, das Verhalten der Kinder und Jugendlichen, das diese in zehn, zwanzig und dreißig Jahren als Erwachsene zeigen, maßgeblich beeinflusst. Deshalb auch lautet die entscheidende Frage: "Leisten Erwachsene die Entwicklungsbegleitung über die Beziehung noch heute im ausreichenden Maße? Die Antwort lautet immer öfter: Nein." (S.60).

Wie Winterhoff deutlich macht, mangelt es vielen Kindern an Halt aufgrund von partnerschaftlichen Konzepten der Erwachsenen, die Kinder überhaupt nicht verstehen können. Dadurch kommt es zu einer Unterentwicklung sozialer und emotionaler Kompetenz, die dann bei jungen Erwachsenen zur Unfreiheit führt, also genau zum Gegenteil von dem, was bezweckt worden ist.

Der Autor hält es für bedenklich, wenn Eltern bei ihren Kindern in die Rolle des Hilfslehrers schlüpfen und wenn zwischen Mutter und schulpflichtigem Kind in dieser Beziehung eine Art Symbiose entsteht, so dass die Mutter den Druck, der auf einem Schüler ruht, auf sich bezieht und sie dann so handelt als sei sie das betroffene Kind. Symbiotische Mütter haben keine Distanz und sind für die Entwicklung des Kindes nicht förderlich.

Winterhoff zeigt den Unterschied zwischen Selbstständigkeit und Selbstbestimmung auf. Oft verhalten sich Kindergartenkinder wie Säuglinge, weil die Förderung des sozialen Miteinanders nicht stattgefunden hat, aufgrund einer falsch verstandenen Freiheitsidee der Eltern.

Der Autor ist kein Befürworter autoritärer Erziehungsmethoden, wohlgemerkt, allerdings befürwortet er ein Erziehungskonzept, wonach klare Ansagen gelten und Kinder nicht dem Chaos ausgesetzt werden. Dies finde ich begrüßenswert.

 Damit ein Kind seinem Alter gemäß, lern- und leistungsfähig sein kann, sind mitunter Nachreifeprozesse notwendig. Diese können dann am besten stattfinden, wenn das Umfeld ein ruhiges ist und die Sinneseindrücke das Kind nicht überfordern.

Winterhoff zeigt Wege auf, die aus Kindern starke und selbstbewusste Erwachsene werden lassen, weil sie nicht beziehungsgestört sind. Das Buch leistet einen guten Beitrag zu einem Umdenken in Erziehungsfragen. Das kann man nur begrüßen.

 Empfehlenswert.

Rezension: Nein sagen will gelernt sein-Erfolgreich Grenzen setzen- Gabi Pörner

Die Autorin Dr. Gabi Pörner studierte Psychologie, Pädagogik und Kommunikationswissenschaften und zählt heute zu einer der gefragtesten Coaches in unserem Lande.

In der Einleitung fasst sie kurz zusammen, worum es ihr in ihrem Buch, das viele hilfreiche Übungen enthält, geht. Dann erst beginnt sie mit ihren klugen Betrachtungen und Übungen, die dem Leser helfen, mentale Muster zu erkennen und aufzulösen, wie auch Selbstwert zu entwickeln und bewusst zu leben.

Zunächst stellt Pörner die Frage "Warum Ja und nicht Nein?" und verdeutlicht den langfristigen Preís für das Jasagen. Hier listet sie eine Reihe von Punkten auf u.a. auch jenen, dass wir durch das Jasagen unsere eigenen Grenzen übergehen, uns überfordern, in Dauerstress gelangen und langfristig krank werden können und dass die Motivation, Kraft, Energie, aber auch die Lebensfreude sinken und man dabei Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein sowie Selbstachtung verliert. Genannt werden allerdings auch die kurzfristigen Gewinne fürs Jasagen, bevor die Übungen beginnen.

Verdeutlicht wird, was geschieht, wenn man zu sich selbst steht, sich abgrenzt und klar gemacht wird auch, weshalb Selbstverantwortung das grundlegende Prinzip für ein erfolgreiches Leben ist. Dargelegt wird zudem, was man unter Zielklarheit versteht und wodurch sich klar definierte Ziele auszeichnen. Pörner macht bewusst, weshalb man ja sagt, obschon man nein sagen möchte und macht begreifbar, dass vieles mit bestimmten Glaubenssätzen zusammenhängt. Diese funktionieren wie innere Gesetze und Vorschriften (S.68) und haben nicht wenig mit den vorherrschenden und tradierten gesellschaftlichen Werten und Normen zu tun.

Pörner listet eine Reihe häufig vorkommender persönlicher Glaubenssätze auf und lässt den Leser dadurch hellhörig werden. Anschließend zeigt sie, zu welchem Verhalten bestimmte Glaubenssätze konkret führen und was diese verhindern. Verdeutlicht wird wie der jeweilige Glaubenssatz äußerlich und innerlich wirkt. Nur derjenige, der sich seine Glaubenssätze bewusst macht, kann sie verändern und auf diese Weise auch verändert sich die eigene Welt. Glaubenssätze reduzieren die Realität, schreibt Pörner und sie verhindern, dass wir zur Ruhe kommen. Sie führen weg von uns selbst und verhindern, dass wir den gegenwärtigen Augenblick erleben, (S.84). Anhand eines Testes kann man feststellen, welchen Glaubenssätzen man unterliegt und was dies für uns bedeutet.

In der Folge dann lernt man Blockaden zu lösen und Glaubenssätze zu verändern. Auch hier kann wieder geübt werden. Durch solche Übungen macht man sich Sachverhalte erst richtig bewusst und schafft es auch, Blockaden zu lösen. Es führt leider zu weit,  im Rahmen der Rezension auf Details einzugehen. Wichtig ist es, auf die Forderungen des inneren Kritikers zu achten, zu ermitteln, was er möchte, woher er kommt, woran man ihn erkennen kann und in erster Linie, wie man konstruktiv mit ihm umgeht und sich durch ihn nicht schwächen lässt.

Ich habe einige Bücher zum Thema Burn-out gelesen und auch rezensiert, aber noch nirgendwo so präzise aufgezeigt bekommen, wie die fünf Phasen, die zum Burn-out führen, gestaltet sind. Nach Ansicht Pörners ist Burn-out weit mehr als ein geistiger, emotionaler und körperlicher Erschöpfungszustand. Klar aber ist, dass er sich dadurch ausdrückt, dass die Kräfte des Menschen völlig erschöpft sind und man spürt, dass man nicht mehr kann.

Burnout ist ein Problem zumeist sehr intelligenter Menschen, die über eine hohe Leistungsbereitschaft verfügen und sich selbst ausbeuten. Hinterfragt werden muss, das ewige Jasagen und es muss wieder eine Verbindung zu sich selbst hergestellt werden. Pörner macht klar, weshalb intakte Grenzen wichtig sind, auch wie man merkt, dass man an seine eigenen Grenzen stößt und wie man mit den Grenzen anderer umgeht. Sie erläutert sehr gut, was innerlich geschieht, wenn man sich gegenüber anderen abgrenzt.

Man erfährt im Buch auch wie wichtig Akzeptanz im Zusammenhang mit dem eigenen Befinden ist. Sie stellt die Grundlage proaktiver Veränderungen und den Beginn für neue Entwicklungsprozesse dar.

Nach Ansicht der Autorin geht es darum, eine Situation umfassend anzunehmen und mit ihr auch die unliebsamen Gefühle, die Empfindungen, Gedanken und Handlungen als auch die Annahme der eigenen Grenzen und Begrenztheit unseres eigenen menschlichen Daseins, (S.166). Man kann nur das ändern, was in der eigenen Macht steht, alles andere muss man akzeptieren, hat aber die Chance seine persönlichen Konsequenzen daraus zu ziehen.

Neben Akzeptanz ist auch Achtsamkeit wichtig, denn durch beides ändern sich Gedanken und Gefühle, lösen sich Spannungen, gewinnen wir Abstand zu bestimmten Gedanken, Gefühlen und Empfindungen und können besser mit Stress umgehen. Wie das funktioniert, erlernt man im diesem Buch ebenso, wie das Stärken der inneren Kraftquellen und des Selbstvertrauens. Bis zum Ende des Buches warten immer wieder Übungen auf den Leser, der stets besser lernt nein zu sagen und Konflikte erfolgreich zu lösen.

Pörner zeigt nicht zuletzt, wie man Manipulationsversuche anderer erkennt. Gibt man einem Manipulator immer wieder nach, so belohnt man ihn. Er weiß, auf welche Weise er seinen Willen durchsetzen kann. Er testet immer wieder aufs Neue unsere Grenzen und schaut wie weit er gehen kann. Je mehr Macht man ihm einräumt, umso leichter ist das Spiel für ihn, (S.247). Wir sollten achtsam sein und genau analysieren, wo wir manipulierbar sind. Genau dort nämlich müssen wir an uns arbeiten.

Mitgefühl mit sich selbst sollte man lernen, wenn man sich vor einem Burn-out schützen will und man sollte auch vergeben können und eine dynamische Balance von Ja und Nein schaffen. Wie das geht, zeigt Dr. Gabi Pörner in ihrem wirklich klugen Buch allen, die den Wunsch haben, neue Wege zu gehen, um wieder freier atmen zu können.

Sehr empfehlenswert.

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Rezension:Kleine Schule der Emotionen: Wie Gefühle uns bestimmen und was unser Leben lebendig macht (Gebundene Ausgabe)

Der von mir hoch geschätzte Benediktinermönch Pater Anselm Grün hat in diesem Jahr erneut eine große Anzahl von Büchern vorgelegt. "Kleine Schule der Emotionen" ist eines davon. Es erinnert mich ein wenig an Texte antiker Philosophen, zeitgleich aber auch an Bücher kundiger Psychologen aus dem Hier und Jetzt.

Pater Anselm reflektiert die Gefühle Angst, Antipathie, Ärger, Beleidigtsein, Bitterkeit, Eifersucht, Ekel, Emotionale Dürre, Enttäuschung, Ergriffenheit, Feindseligkeit, Freude, Gelassenheit, Gier, Gleichgültigkeit, Glück, Hass, Heiterkeit, Hoffnung, Kränkung, Kummer, Langeweile, das Gefühl der Leere, Liebe, Lust, Mitleid, Neid, Ohnmacht, Rachsucht, Resignation, Reue, Schadenfreude, Scham, Schuldgefühl, Sehnsucht, Sorge, Staunen, Stolz, Zufriedenheit, Trauer, Überraschung, Vertrauen, Verwirrung, Verzweiflung, Vorfreude, Zorn und Wut, Zuversicht. Dabei lädt er den Leser ein, all diese Gefühle zu überdenken und sich ihre Sinns bewusst zu werden.

Heute vor 75 Jahren fand die sogenannte Reichskristallnacht statt. Mit diesem fürchterlichen Ereignis begann die systematische Vertreibung, Enteignung und Vernichtung der Juden. Der Hetzredner Goebbels appellierte zuvor immer und immer wieder an die Gefühle Neid, Gier, Schadenfreude und Hass seiner Zuhörer und brachte auf diese Weise große Teile der deutschen Bevölkerung dazu, den Juden gegenüber feindselig, zornig und wütend und auch gleichgültig zu sein. Dieses emotionale Klima wurde von dem Nazí-Gesindel bewusst herbeigeführt, um sich an den Juden zu bereichern und schließlich sechs Millionen Menschen zu ermorden, um sich deren Besitz endgültig anzueignen. Das Nazí-Gesindel nutzte bestimmte Gefühle der Menschen im Land der Dichter und Denker und schürte diese ganz gezielt, um ihre perfiden Pläne durchsetzen zu können.

Woran es vielen Deutschen mangelte war Mut, Mitgefühl, zudem scheint bei vielen eine emotionale Dürre vorgelegen zu haben, deren Ursache meines Erachtens in den Erziehungsmethoden des Wilhelminischen Reiches zu suchen ist.

Es gibt Menschen, die nichts mehr empfinden können, schreibt Pater Anselm in seinen Betrachtungen zur "Emotionalen Dürre". Solche Menschen sind im Blick auf andere unempfindlich. Solche Menschen hören nur die Worte, aber sie haben keinen Zugang zu den Gefühlen anderer. Nicht selten wollen solche Menschen andere verletzen und sprechen voller Verachtung von jenen, die diesen Gefühlsmangel nicht haben. Sie lenken, so Pater Anselm, mit ihrem Tun von ihrer emotionalen Dürre und Unempfindlichkeit ab, (vgl.: S. 42).

 Der Benediktinermönch zeigt in seinem Buch, wie man einzelne Gefühle positiv zu nutzen vermag, wie man dadurch, dass man sich der Gefühle bewusst wird, sie zur positiven Veränderung der eigenen Persönlichkeit einsetzen kann.

 Ich empfehle allen, nicht nur die Lektüre des hervorragenden Buches von Pater Anselm, sondern zum heutigen Tage den bemerkenswerten Beitrag von Wikipedia "Novemberpogrome 1938" zu lesen, sich eventuell der eigenen emotionalen Dürre bewusst zu werden oder auch zu erfühlen, welche Ängste, Einsamkeit, Enttäuschung, Kränkung, welche Ohnmacht, welchen Kummer und welch unsägliche Trauer all diese geschunden Juden erlitten haben, bevor man sie ermordet hat.

Unsere Aufgabe besteht darin, sich unserer Gefühle bewusst zu werden und unsere emotionale Intelligenz als auch unsere emotionale Kompetenz zu schulen, damit wir nicht in die Fänge von Hetzrednern geraten. Dazu eignet sich Pater Anselms Buch ganz hervorragend.

Dieser kluge Autor schreibt "Achten Sie beim Lesen meiner Gedanken immer auf die eigene Reaktionen in Ihrem Herzen."

 Ja, das sollte man.

Fragen Sie sich: Was empfinde ich, wenn ich das Leid anderer sehe? Was empfinde ich, wenn ich auf der Straße sehe, wie eine Mutter ihr Kind verprügelt? Gleichgültigkeit? Schadenfreude? Mitgefühl? Wie steht es um die eigenen sozialen Fähigkeiten? Ducke ich mich weg?

Sehr empfehlenswert.