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Rezension: Scham - Stephan Marks

Stephan Marks befasst sich in diesem Buch mit dem Phänomen der Scham. Dabei zeigt er zunächst die einzelnen Formen von Scham auf, die er jeweils näher erklärt. Thematisiert werden:

Anpassungs-Scham
Körper-Scham
Gruppen-Scham
Empathische Scham
Intimitäts-Scham

So versteht man unter dem Begriff "Empathische Scham" jene, die wir mit-fühlen, wenn wir Zeuge der Scham eines Mitmenschen sind, etwa wenn dieser erniedrigt wird. Empathische Scham befähigt uns zu Mitgefühl, Solidarität und Freundschaft und ist der Motor dafür, Schwachen beizustehen, sie zu schützen, oder zu verteidigen, (vgl. S.27).

Wer sich schämt, verliert -zumindest vorübergehend- die Geistesgegenwart und Selbstkontrolle. Menschen, die sich schämen, fühlen sich geistig wie gelähmt oder verwirrt. Man empfindet sich dann unfähig, unzulänglich, minderwertig, hilflos, schwach, machtlos, wertlos, lächerlich, gedemütigt oder gekränkt. Die Gefühle münden in folgende Reaktionen: Man fühlt sich deprimiert, traurig, enttäuscht, möchte in den Boden versinken, sich verbergen oder verstecken. Man verlässt fluchtartig die Scham auslösende Situation und läuft weg oder man wird überheblich und aggressiv. Des Weiteren hat man den Impuls, die Person, die uns beschämt hat, ebenfalls zu beschämen oder anderweitig zu bestrafen, (vgl.: S.37).

Man erfährt wie Menschen körperlich auf Scham reagieren und wie sich Scham entwickelt. Es gibt zwei Vorstufen von Scham, einerseits die Intimitäts-Scham, andererseits die traumatische Scham. Die Intimitäts-Scham basiert in der Erfahrung der Heranwachsenden, dass seine Grenzen akzeptiert werden und dass er gesehen, geliebt und zugehörig ist. Hieraus kann sich das Bewusstsein der eigenen Würde entwickeln und auch die Fähigkeit gesunder Weise seine körperlichen und seelischen Grenzen zu schützen. Traumatische Scham ist mit dem Gefühl des Liebesunwert-Seins verbunden. Zustande kommt es durch eine extrem schmerzhafte Erfahrung oder auch durch eine Vielzahl von erniedrigender Erfahrungen, die sich zu einem kumulativ-traumatischen Beziehungsmuster aufaddieren, (vgl.: S.43).

Man erfährt, was man unter struktureller Erniedrigung zu verstehen hat und auch, dass Beschämung und Scham wie ein transgenerationaler Teufelskreis von Generation zu Generation weitergegeben wird, (vgl.: S. 51). Die Fähigkeit, Scham zu erleben, fußt auf einem Entwicklungsschritt, den Kinder erst ab Mitte des zweiten Lebensjahres vollziehen. Dann nämlich werden sie zu objektiver Selbsterkenntnis fähig, (vgl.: S. 53).

Der Autor erläutert, was man unter Anpassungs-Scham und Gewissens-Scham zu verstehen hat und unterstreicht, dass nicht selten Scham und Schuld verwechselt wird. Die Unterschiede zwischen Scham und Schuld zeigt er detailliert auf. Hierbei lässt er nicht unerwähnt, dass Scham in verschiedener Hinsicht ein narzisstischer Affekt ist, (vgl. S. 60ff.)

Dass Kränkungen krank machen, zeigt der Autor auch auf. Es geht sogar so weit zu konstatieren, dass der plötzliche Entzug von Anerkennung tödliche Folgen haben kann, (mehr dazu Seite 69). Beschämungen bis hin zum Mobbing bedingen einen unkontrollierbaren sozialen Stress und bedingen u.a. ein erhöhtes Herzinfarkt-Risiko, Depressionen und psychosomatische Symptome, (vgl.S.70).

Dargelegt wird auf welche Weise Schamgefühle abgewehrt werden. Zu Sprache gebracht werden die Verhaltensmuster des Versteckens, des Sich- Einigelns, der emotionalen Erstarrung, der Projektion, des Angreifens und hier des Beschämens, der Verachtung, des Zynismus, des Negativismus, der Schamlosigkeit, der Arroganz, des Grolls, des Neides, der Ressentiments, des Trotzes, des Zornes, der Wut und der Gewalt, des Wiederherstellens der verlorenen Ehre und als weiteres Verhaltensmuster das Fliehen und dort die Größenphantasien, die Idealisierung, der Perfektionismus, die Schwerverständlichkeit, Rätselhaftigkeit und schlussendlich die Sucht, (vgl.: S.99).

Nicht selten werden Schamgefühle dadurch abgewehrt, dass andere dazu gezwungen werden, sich zu schämen, sich für lächerlich oder liebensunwert zu halten. Aus diesem Grunde werden sie beschämt, erniedrigt, gedemütigt, verhöhnt und verspottet, (vgl.: S.79).

Um eigene Schamgefühle abzuwehren geht man so weit, andere zu zwingen, sich wie Dreck zu fühlen. Und um das zu erreichen, wird eingeschüchtert, entwürdigt, schikaniert und versucht den anderen zu vernichten, (vgl.: S.82). Zynismus ist ein Indiz dafür, dass jemand zutiefst verletzt ist. Das Gleiche gilt auch für Negativismus.

Schamlosigkeit entsteht übrigens nicht an einem Mangel an Werten, sondern aus einem Widerstand gegen diese, (vgl.: S.86). Der Autor zeigt wie die einzelnen Schamgefühle unbewusst abgewehrt werden. Es ist interessant zu lesen, dass traumatisierte Menschen nicht selten versuchen, die Würde anderer zu verletzen. Man sollte sich das klar machen, wenn Mitmenschen es darauf anlegen zu verletzten und zu demütigen. Offenbar treibt eine seelisch kranke Struktur den Menschen in solche Verhaltensmuster. Wer verletzt, ist verletzt.

Marks macht deutlich, dass Frauen zu Schamabwehrreaktionen neigen, die sich auf die eigene Person richten (Depression, Trotz, Sucht), während Männer mit ihren Abwehrreaktionen gegen ihre Mitmenschen zielen (Verachtung, Gewalt), (vgl.: S.100-101).

In der Folge thematisiert der Autor die Auswirkungen von Scham und verschiedene Formen ihrer Abwehr für Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Erziehung. Sehr lesenswert ist hier das Kapitel "Scham und ihre Abwehr in der Nachkriegszeit".

In Kapitel 5 erfährt man, wie man konstruktiv mit Scham umgeht. Das setzt voraus, dass man dies wahrnimmt. Wer seine Scham aushält und sie reflektiert, wird nicht mit destruktiver Schamabwehr agieren, sondern Selbstachtung und Selbstliebe erlernen. Welche positiven Folgen das hat, wird jedem spätestens dann klar, wenn er dieses aufschlussreiche und empfehlenswerte Buch gelesen hat.

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Rezension:Intimität und Verlangen: Sexuelle Leidenschaft wieder wecken (Gebundene Ausgabe)

Vor einigen Tagen habe ich das Buch mit dem Titel "Es war doch nur Sex!: Seitensprung - ein altes neues Verlangen" rezensiert. In besagtem Buch geht es um das Phänomen des Seitensprungs, der nicht selten dann auf der Tagesordnung steht, wenn in einer Kernbeziehung die sexuelle Leidenschaft eingeschlummert ist. Dr. David Schnarch, der Autor des vorliegenden Buches "Intimität und Verlangen", verdeutlicht wie man sexuelle Leidenschaftwieder erwecken kann.
Schnarch untergliedert sein Buch in vier Hauptteile:
1) Warum normale Menschen Probleme mit ihrem sexuellen Verlangen haben

2) Wie wir uns durch die Lösung von sexuellen Problemen gemeinsam entwickeln können

3) Lustlosigkeit vor dem Hintergrund Ihrer persönlichen Geschichte

4) Benutzen Sie Ihren Körper, programmieren Sie Ihr Gehirn neu und entwickeln Sie sich gemeinsam mit Ihrem Partner im Bett.

Der Klinische Psychologe und Sexualtherapeut Schnarch hat fünf Jahre an diesem Buch gearbeitet und hat zahlreiche Geschichten, wie jene von Brett und Connie, Doreen und Adam, Larry und Juanita etc. in seine theoretische Texte eingebunden, um diese besser begreifbarer zu machen.

Schnarch konstatiert, dass es stets einen Partner mit schwachen Verlangen gäbe und dieser immer den Sex kontrolliere. Das sexuelle Verlangen könne durch hormonelle, neurochemische und andere medizinisch-biologische Störungen geschwächt werden. Dabei verhalte es sich nicht selten so, dass die Beeinträchtigungen des sexuellen Verlangens oft weitaus mehr beinhalten als sexuelle Hemmungen, Mangel an Phantasie und Schwierigkeiten beim Initiieren sexueller Situationen, (vgl.: S.43).

Schnarch nennt die vier Antriebe von Liebe und sexuellem Verlangen, (siehe Seite 47 und 48):
1)Lust (Wollust- das Verlangen nach sexueller Befriedigung- animalische Geilheit)

2)Romantische Liebe (verliebt sein in einen bestimmten Partner)

3)Bindung (ein ruhiger, Sicherheit vermittelnder Einklang im Rahmen einer längerfristigen Partnerschaft, was die Entstehung einer Paarbindung, Monogamie, Elternschaft und das Akzeptieren von Verwandtschaftsbeziehungen einschließt.)

4) Die Entwicklung und Erhaltung des Selbstempfindens.

Unser Selbstempfinden ist ein zentraler Bestandteil unseres sexuellen Verlangens. Es prägt es sogar. Mehr noch als Testosteron, Oxytocin und Vasopressin spielt beim Ja zum Sex das "Selbst" eine entscheidende Rolle. Das wird sehr deutlich, wenn der Partner, dann wenn die Hormone zu tanzen beginnen, eine einzige herabwürdigende Äußerung tätigt. Dann ist sofort das beendet, was sich zuvor angebahnt hat, (vgl.: S.49).
Schnarch befasst sich in der Folge ausführlich mit unserem Selbst und verdeutlicht, weshalb die Entwicklung und Aufrechterhaltung eines starken Selbstempfindens so wichtig ist. Identitätsempfinden, Selbstwertgefühl und Sicherheit normaler Menschen werden stets von anderen Menschen beeinflusst, weil die meisten Menschen in ihrer persönlichen Entwicklung nicht über das erste, gespiegelte Selbstempfinden hinausgekommen sind. Der Autor lässt nicht unerwähnt, dass viele Menschen nie ein besonders stabiles Selbstempfinden entwickeln und insofern ihr Leben lang von der psychischen Kraft abhängig bleiben, die Dritte auf sie übertragen, bzw. die sie von diesen ausborgen, (vgl.:S.71). Weiter konstatiert er, dass die meisten Menschen es auf sich selbst beziehen, wenn ihr Partner ein starkes oder schwaches Verlangen habe, dass hänge damit zusammen, dass wir uns bei einem sensiblen Thema wie Sex besonders häufig von einem gespiegelten positiven Selbstempfinden abhängig machten, (vgl.: S.71).

Wer ein stabiles Selbstempfinden entwickeln möchte (dies bedeutet den Zustand des Erwachsenseins zu erreichen), benötigt viel Zeit und auch Mühe. Es entsteht durch Selbstkonfrontation und zwar insbesondere dadurch, dass man sich selbst respektiert, (vgl.: S.72). Hat man ein gespiegeltes Selbstempfinden, sucht man pausenlos nach Hinweisen dahingehend, was der andere über uns denken und welche Gefühle man ihnen gegenüber hat. Die Gedanken und Meinungen unserer Mitmenschen sind dann für uns von elementarer Bedeutung, weil wir dann in deren Augen gut dastehen mögen.

Schnarch erklärt dem Leser, was es mit dem mentalen Spiegeln auf sich hat und weshalb Mentalisieren im Zentrum aller sozialen Interaktionen steht. Er hebt hervor:"Die Fähigkeit, den geistigen Zustand anderer zu manipulieren, um ihr Verhalten zu ändern, zeugt von sozialer Intelligenz", (Zitat: Seite 77). Mentalisieren beginnt bereits kurz nach der Geburt. Wie es dann weiter geht, erläutert der Autor gut nachvollziehbar und gelangt zu dem Ergebnis, dass dann, wenn Paare ein Problem mit dem sexuellen Verlangen haben, deren mentale Einfühlung ihre Funktion nicht mehr erfülle, (vgl.: S.82). Wichtig zu wissen ist, dass mentales Einfühlen niemals endet, doch es kann sich die Zielrichtung des mentalen Spiegels im Laufe der Entwicklung und Reifung der Beziehung ändern.

Einen wichtigen und zentralen Satz des Buches möchte ich an dieser Stelle zitieren und das Zitat nicht grundlos auch in die Kopfzeile einfügen, gewissermaßen als Merksatz: Menschen, die nicht in der Lage sind sich selbst zu kontrollieren, kontrollieren die Menschen in ihrer Umgebung. Wenn sie sich auf einen anderen Menschen verlassen, um in den Genuss eines gespiegelten Selbstempfindens zu kommen, versuchen sie immer, den anderen zu kontrollieren,"( Zitat: S.92).

Wie man bei sich bleibt, verdeutlicht Schnarch auf vielschichtige Weise und wem erst einmal klar ist, dass ein stabiles Selbst Freiheit, Autonomie, Entscheidungen und damit Selbstbestimmung möglich macht sowie Liebesbeziehungen eine tiefere Bedeutung verleiht, der wird bestrebt sein, ein solches Selbst zu kultivieren, anstelle ein gespiegeltes Selbstempfinden weiterhin sein Eigen nennen zu wollen.

Wer ein stabiles Gleichgewicht besitzen möchte, das in Beziehungen nicht unwichtig ist, benötigt neben einem stabilen und flexiblen Selbst u.a. die Fähigkeit sich selbst zu beruhigen, nicht über zu reagieren und auch eine sinnvolle Beharrlichkeit. Diese vier Aspekte der Balance übrigens entscheiden über den Verlauf unseres Lebens, (vgl.: S.106).

Schnarch thematisiert in der Folge emotionale Patt-Situationen in einer Beziehung und verdeutlicht, dass dann, wenn man diese als solche begriffen hat (inhaltlich werden die Pattsituationen sehr gut erklärt), die Chance besteht, sich gemeinsam mit dem Partner zu entwickeln. Ein hoher Entwicklungsgrad der vier Aspekte der Balance schließlich entscheidet über die Tiefe des Verlangens, die Intimität, die Sexualität und die Liebe, (vgl.: S.129).

Weshalb Intimität unser sexuelles Verlangen formt und sie zur zweitgrößten Falle in der Ehe werden kann, wird gut erläutert und auch erklärt, wieso Pattsituationen im Hinblick auf die Intimität das Verlangen schwächen. Wissen sollte man, dass Intimität und sexuelles Verlangen nicht zwingend miteinander verbunden sind, denn es gibt auch Menschen, die den Eindruck haben, dass Intimität ihr Verlangen mindere,(mehr dazu auf Seite 161).

Ein weiteres Thema ist die Monogamie, der Ehebruch und die menschliche Natur und es soll nicht unerwähnt bleiben, dass es gerade auch die Monogamie ist, die bei Paaren mit geringem Differenzierungsgrad schwaches Verlangen erzeugen. Gelingt es uns, das potentielle Martyrium der Monogamie in Freiheit zu verwandeln, dann werden die vier Aspekte der Balance und auch das Verlangen in uns gestärkt, (vgl.: S.191).

Das Verlangen verblasst, wenn wir uns aufhören zu entwickeln, so das Credo Dr. David Schnarchs. Sobald der Partner für uns zu wichtig wird, treten sexuelle Probleme ein. Nach seiner Meinung verhält es sich so, dass Paare, die sich darüber streiten, ob sie sexuell etwas Neues probieren möchten, in Wahrheit darüber streiten, ob sie einander etwas Neues offenbaren möchten, (vgl.S.214).

Zur Sprache gebracht wird Lustlosigkeit vor dem Hintergrund der persönlichen Geschichte. Auch weshalb es so wichtig ist, gewählt zu werden und es wird auch der Frage nachgegangen, was es eigentlich bedeutet, gewollt zu werden, wenn wir es stattdessen aber benötigten, gebraucht zu werden. Der Autor verdeutlicht, dass unser Wollen uns wachsen lässt. Weniger differenzierte Menschen möchten nicht wollen, sondern gewollt werden, (vgl.: S.245). Sofern wir uns gestatten zu wollen, mobilisieren wir uns und lassen uns im gewissen Sinne verlangend vorantreiben.

Der Sexualtherapeut befasst sich auch mit normalem ehelichen Sadismus, bei dem es darum geht, den Partner bezüglich seines sexuellen Verlangens zu foltern. Nicht selten sind Menschen gerade dann sadistisch, sofern sie versuchen, sich einem Entscheidungsdilemma zu entziehen, (vgl.:S.271).

Thematisiert wird des Weiteren, wie sich Sachverhalte in einer Beziehung verändern lassen, weshalb Bindungen, bei denen es primär um Sicherheit geht, das sexuelle Verlangen abtöten und was man tun kann, um ein unangenehmes Empfinden von Berührungen zu heilen.

Sehr gut geht der Autor auf die Praktiken von sanftem und liebevollem Sex ein, welche implizieren, sich halten zu lassen und mittels Sex mit offenen Augen zum Partner in eine starke Verbindung zu treten, (vgl. S.393). Wer mit seinem Partner intensiven Sex haben möchte, kann das nur unter bestimmten Bedingungen, die der Autor im letzten Kapitel des Buches näher beschreibt. Bemerkenswert finde ich übrigens folgenden Satz, den ich zum Ende meine Rezension jetzt zitieren möchte und der gewiss Intellektuelle aufhorchen lässt: "Wenn es Ihnen gelingt, Ihren Körper und Geist mit dem Körper und Geist ihres Partners in Einklang zu bringen, könnte dies zur Weiterentwicklung ihres Gehirns beitragen." Diesbezüglich wünsche ich viel Erfolg.:-))
Empfehlenswert.

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Rezension:Es war doch nur Sex!: Seitensprung - ein altes neues Verlangen (Taschenbuch)

Die Paartherapeutin Andrea Bräu setzt sich in diesem Buch sehr differenziert mit dem Seitensprung auseinander, der bekanntermaßen gemeinsam mit dem Begriff "Fremdgehen" den Oberbegriff für Bezeichnungen wie etwa, Affäre oder Außenbeziehung darstellt. Dabei handelt es sich stets um ein sexuelles Erlebnis mit einem Partner außerhalb der Kernbeziehung. In der Folge beschreibt die Autorin den One-Night-Stand, die Affäre, die Beziehung, die Partnerschaft, die Dreiecks-Beziehung als Außenbeziehung und die Vierecksbeziehung näher, bevor sie sich mit dem Seitensprung in früheren Zeiten auseinandersetzt.


Gefreut habe ich mich, dass Bräu die Rede des Aristophanes im Gastmahl erwähnt. Platon berichtet dort von den sagenhaften Kugelmenschen, die man einst entzwei schnitt und die sich seither voller Sehnsucht suchen. Sie Sehnsucht nach der Vereinigung und Eins-Sein der richtigen beiden Teile ist möglicherweise die Grundbedingung für das Bedürfnis nach körperlicher Liebe und vielleicht auch ein Grund für einen Seitensprung, weil das Kugelmenschideal in der Regel mit keinem Partner wirklich zu erreichen ist, sondern als immerwährende Hoffnung durch den Kopf geistert. Bei der Nächsten/dem Nächsten funktioniert die "Verstöpselung" gewiss 100%ig, so das Credo der typischen Seitenspringer nach meiner Interpretation.:-)). Die Paartherapeutin allerdings wartet mit vielen anderen Gründen auf, wieso man fremdgeht. Nach meiner Ansicht basieren alle Gründe auf diesem einen der optimalen "Verstöpselung", wie sie m.E. in dem Roman "Salz auf unserer Haut" brillant beschrieben worden ist.


Man liest vom Ehebruch im Römischen Reich und auch im Mittelalter, dem höfischen Ideal der Minne, auch dem Kontrollinstrument des Keuschheitsgürtels, den Verhaltensmustern der Neuzeit und den Jahrhunderten bis zur Emanzipation, durch die sich die gängigen Normen veränderten. War früher der Seitensprung ein moralisches Problem, ist er heute ein eher seelisches. Diskutiert werden nun primär Verletzung, Trauer, Wut und Angst und diesbezüglich wird nicht selten therapeutische Hilfe in Anspruch genommen, (vgl.: S.38).

Die Geschichte des Seitensprungs zeigt sich zunehmend als Entwicklungsprozess, je intensiver der Mensch sich individualisiert und dabei in den Vordergrund gerückt hat, um so stärker ist sein Sexualleben davon betroffen und entsprechend mit einbezogen. Die Statistiken zeigen, dass der Seitensprung ein Phänomen unserer Gesellschaft darstellt, so die Autorin. Sie vermutet, dass dies möglicherweise mit den Veränderungen an der Struktur unserer Bedürfnisse zusammenhängt, an den Veränderungen in den Bereichen Körper, Geist und Seele und deren Wechselwirkung, (vgl.: S.41). Das halte ich auch für denkbar.

Bräu versucht auszuloten, welche Gründe es sind, die zum Seitensprung führen, thematisiert in diesem Zusammenhang den Konflikt zwischen Bindung und Unabhängigkeit, auch den Leidensdruck bei länger andauernden Außenbeziehungen, die unterschiedliche Libido, den Wunsch Versäumtes nachzuholen und anders mehr. Bemerkenswert finde ich ihre Gedanken zum Thema Nähe und Balance und auch die Gedanken im Hinblick auf die Unzufriedenheit in einer bestehenden Kernbeziehung, die nach einem Ausgleich des Defizits sucht. Ihrer Meinung nach mündet geistige, seelische oder körperliche Unzufriedenheit fast immer in sexueller Unzufriedenheit und die Folge davon ist das sich Öffnen für Seitensprünge. Die Therapeutin wartet immer wieder mit Beispielen aus ihrer Praxis auf und verdeutlicht, dass Sexualität ein Spiegel der Seele, vielleicht der klarste überhaupt ist, (vgl.: S.66-73).

Der Treue und Untreue wird ein Kapitel gewidmet und es kommt hier auch die Sprache auf die Treue zu sich selbst. Die Autorin bezweifelt aufgrund ihrer Berufserfahrung, dass man bei einer Affäre Körper von Seele und Geist trennen und ausschließlich sexuell untreu sein kann. In diesem Punkt habe ich große Zweifel. Ich bin überzeugt, dass insbesondere Männer, dazu in der Lage sind, wenn auch nicht alle.

Der Seitensprung im Internet bleibt im Buch nicht ausgespart und es wird auch thematisiert, wer in Seitensprungportalen zu finden ist. Die Autorin hat aufschlussreiche Interviews mit Besuchern von solchen Portalen gemacht, die man ab S. 126 im Buch nachlesen kann.

Bräu versucht aufzuschlüsseln, was eine gute Beziehung ausmacht und was man tun sollte, um eine solche langfristig zu haben. Dass Kommunikation der Dreh- und Angelpunkt einer guten Beziehung ist, dürfte klar sein und dass ohne gegenseitige Wertschätzung früher oder später das Aus der Beziehung droht, ohnehin.

Die Therapeutin veranschaulicht auch, was sie in ihren Paartherapien unternimmt, wenn die Außenbeziehungen nicht mehr verheimlicht werden können und die Kernbeziehung zu enden droht.

Alles in allem ein nicht uninteressantes Buch. Ob eine gelungene Partnerschaft immer dazu beträgt, einen Seitensprung zu verhindern, sei dahingestellt. Wenn ein in einer gelungen Beziehung lebender Mann mit einer ebenfalls in einer gelungenen Beziehungen lebenden Frau vier Wochen unbeobachtet in einen Raum eingesperrt werden und diese beiden Personen sich auf Anhieb mögen, bin ich mir sicher, dass sie miteinander Sex haben werden, trotz aller ernstgemeinten Treueschwüre ihren Partnern gegenüber, oder irre ich mich da? Wie monogam sind wir wirklich?

Ein Buch, das ich gerne empfehle.


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Rezension:Das ABC der Dankbarkeit (HERDER spektrum) (Taschenbuch)

Dr. Petra Altmann möchte mit dem ABC der Dankbarkeit dem Leser auf unterhaltsame Weise die Augen für die vielen Gelegenheiten, Gutes zu empfangen und glücklich zu sein öffnen. Im Rahmen vieler kleiner Texte, die Überschriften tragen, wie etwa: "Achtsamkeit üben", "Dankbarkeit zeigen", "Ja zum Leben", "Niemals aufgeben", "Teilhaben lassen", um nur einige zu nennen, verdeutlicht die Autorin, was es bedeutet, zum Leben und zu seinen Mitmenschen eine positive Grundhaltung zu entwickeln. All die Verhärtungen, die entstehen, wenn man wenig achtsam, ohne Rücksicht seine Ellenbogen gebraucht, verhindern inneres Wohlbefinden, das weiß man seit den alten Griechen bereits.

Wenn man begreift, dass vieles, was uns im Leben gelungen ist, immer bestimmter Chancen bedurfte, die sich zunächst erst einmal ergeben mussten, indem sich bestimmte Zeitfenster auftaten, weiß, dass Dankbarkeit das Mindeste ist, womit wir unserem Glück, das in vielem begründet sein kann, antworten sollten.

Vorgestern nahm sich der von mir sehr geschätzte Gunther Sachs das Leben. Er war ein Mensch, der durch Fortuna sein ganzes Leben lang reich beschenkt wurde. Die drohende geistige Umnachtung kündigte an, dass die Schicksalsgöttin ihre schützende Hand von ihm genommen hatte. Sachs erschoss sich, um dem zu entgehen, was ihm bevorstand. Er wollte, wie die FAZ heute schreibt, nicht dem blind waltenden Schicksal ausgeliefert sein. Ist diese Handlung als Undankbarkeit gegenüber all dem Guten, was er im Leben erfuhr, zu bewerten? Kam all das Gute nicht aus dem gleichen Füllhorn der Schicksalsgöttin wie die Leidprüfung der drohenden geistigen Umnachtung? Muss man Positives und Negatives in gleicher Weise dankbar entgegennehmen? Muss man Demut zeigen gegenüber allem, was kommt? Was ist, wenn man in vermeintlich ausweglosen Situationen so handelt, wie Gunther Sachs? Werden wir dann in einem möglicherweise nächsten Leben die Quittung für unsere Handlungsweise präsentiert bekommen? Werden uns die Tore eines künftigen Paradieses auf Erden oder im Himmel auf immer verschlossen bleiben? Dürfen wir Gott spielen oder müssen wir alles, was kommt, in Demut und Dankbarkeit durchleben?

Vielleicht helfen die kleinen Texte von Dr. Altmann weiter, Fragen dieser Art zu beantworten.

Yin und Yang stehen, das zeigen viele Lebensbeispiele in Relation zueinander, so die Autorin. Vielleicht ist dies die Voraussetzung, dass wir seelisch wachsen.

Zum Ende des Büchleins hat Dr. Petra Altmann drei leere Seiten für uns Leser gelassen. Hier kann man eintragen, wofür man dankbar ist und wem man danken möchte. Letzteres sollte man natürlich nicht nur aufnotieren, sondern auch umsetzen, indem man es den jeweiligen Menschen sagt.

Empfehlenswert.

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Rezensionen:Wie man richtig gut lebt - Rainer Erlinger

Der promovierte Mediziner und Jurist Rainer Erlinger, der den Lesern der "Süddeutschen Zeitung" durch seine allwöchentliche Kolumne "Die Gewissensfrage" bekannt sein dürfte, in der er große und kleine Ethikprobleme erörtert, ist der Autor des vorliegenden Buches. Ich kenne die Kolumnen nicht, da ich FAZ-Leserin bin und bin insofern durch das vorliegende Buch auf einen mir bislang unbekannten Autor gestoßen.

In der Einleitung habe ich erfahren, dass Dr. Dr. Erlinger bereits 500 Kolumnen in der Süddeutschen Zeitung verfasst hat, dazu kommen Radiokolumnen bei verschiedenen Sendern, Fernsehbeiträge, Lesungen, Besuche in Schulen, Podiumsdiskussionen, Talkshows und eine Gastprofessor an der philosophisch-sozialwissenschaftlichen Fakultät in Augsburg, (vgl.: S. 18). All das war mir nicht bekannt, bis vor wenigen Wochen.

Der Autor möchte keine neue Moral entwerfen, auch keine Einführung in die Ethik schreiben oder mit wissenschaftlich universitärem Anspruch eine Auseinandersetzung mit verschiedenen ethischen Theorien leisten. Stattdessen will er versuchen für die Bereiche, in denen man immer wieder vor Fragen steht, Zusammenhänge darzulegen und vermitteln, welche moralischen Grundsätze wichtig sind, (vgl.: S.19).
Sein Buch untergliedert Erlinger in:

Grundsätzliches (hier schreibt er über Egoismus, über die Lüge, über Toleranz, über ethische Theorien und über Recht und Moral)

Moral und Alltagsleben (hier geht es um: Höflichkeit und Manieren, Sexualität und Beziehung, Konsum und Geld, Soziales, Gemeingut, Familie und Freundschaft, Tiere, Umwelt und Natur)

Grundpfeiler einer zeitgemäßen Moral (Themen sind Achtung, Verständnis, Rücksicht)

Ein aufschlussreicher Epilog rundet die genannten Reflexionen des Autors dann ab.

Auf die einzelnen Punkte im Rahmen einer Rezension einzugehen führt zu weit, also hebe ich den ein oder anderen Gedanken hervor, den ich für besonders wichtig erachte. Gefallen hat mir, dass Erlinger seine Überlegungen mit Beispielen aus der Realität in Verbindung bringt und damit klar macht, dass es bei Moral nicht um ein gedankliches Konstrukt geht, sondern um sinnvolles Verhalten, das das Zusammenleben erträglicher gestaltet. Es geht insofern um Abwägungen, die immer auf der Grundlage des Respektes und der Achtung seiner Gegenüber getroffen werden sollten.

Beim Thema "Lüge" fand ich den Hinweis auf Kant (S.42-43) interessant. Kant sah in Lügnern nämlich bloße Sprachmaschinen. Erlinger hinterfragt den Gedanken und gelangt zum Ergebnis, dass die Lüge die Sprache eines Teils ihrer Funktion als Möglichkeit des Gedanken- und Informationsaustausches beraubt. André Comte Sponville betont jedoch, dass die Wahrhaftigkeit keine Pflicht sei, ganz gleich, was Kant darüber denkt. Es stimmt, setzt man die Aufrichtigkeit absolut, dann ist sie nur noch kalte, todbringende, abscheuliche Wahrhaftigkeit. Das sei nicht mehr Aufrichtigkeit, sondern Wahrhaftigkeitswahn, (vgl.: S.49).

Dieses Wahnhafte, mit der Moralapostel ihren Kreuzzug gegen alles beginnen, was nicht absolut in ihr Moralschema passt, deckt Erlinger in seinem Buch gut auf. Ihm geht es stets um Ab- und Zugeben, um einen toleranten Umgang mit Moral. Für ihn stehen die Menschen, die Tiere und die Natur im Mittelpunkt und nicht die Moral. Im Falle der Lüge meint er zu Recht, man müsse immer zwei Aspekte mit einbeziehen: "auf der einen Seite die Überlegung, dass jede Lüge den Belogenen in seiner Freiheit einschränkt und manipuliert und das Prinzip "Verletze niemand", sowie das Recht sich zu verteidigen. Dazwischen liegt die richtige Lösung für den konkreten Fall", (Zitat: S.52).

In puncto Toleranz kann es keine Toleranz gegenüber Missachtung von Grundrechten geben, damit endet die Meinungsfreiheit z.B. dort, wo Dritte verleumdet werden.

Interessant ist die kurze Abhandlung ethischer Theorien. Natürlich kann man hier auch Kants Zweckformel nachlesen, in der ich den Schlüssel für ein positives Zusammenleben sehe: "Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals als Mittel brauchest." Wenn ich merke, dass mich jemand als Mittel zu benutzen sucht, erfolgt bei mir der sofortige Kontaktabbruch. Dies halte ich moralisch vertretbar.


Gefallen hat mir, dass Erlinger John Rawls erwähnt, den ich sehr schätze und hier dessen Grundsätze der Gerechtigkeit reflektiert.


Erlingers Überlegungen zur Moral im Alltagsleben sind überaus lesenswert. Ich stimme ihm in allen Punkten zu, auch in dem Gedanken, dass Pünktlichkeit das Prinzip der Wertschätzung im wahrsten Sinne zeigt. "Wer den anderen warten lässt, schätzt ihn nicht wertvoll genug, um sich seinetwegen zu beeilen oder auch nur seine Zeit einzuteilen."(Zitat: S. 130). Mir ist im Laufe meines Lebens aufgefallen, dass geltungssüchtige Menschen andere gerne warten lassen, es ihnen also weniger darum geht, dem Wartenden die Wertschätzung zu entziehen, sondern mehr darum, dem eigenen Egovögelchen Wasser zu geben.:-)) Grundsätzlich ändert dies an der Tatsache jedoch nichts, dass Pünktlichkeit das Prinzip der Wertschätzung im wahrsten Sinne verkörpert.

Alles in allem ein gutes Buch, das verdeutlicht, dass man sich davor hüten sollte, in den Moralwahnsinn zu verfallen, an dem Moralapostel leiden, sondern sein Verhalten immer auf der Grundlage von Achtung und Respekt sich und seinen Mitmenschen gegenüber ausrichten sollte.

Empfehlenswert.


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Rezension: Wenn Kinder den Kontakt abbrechen: Hilfestellung und Strategien einer verlassenen Mutter (Taschenbuch)

Vor noch nicht allzu langer Zeit habe "Funkstille" von Tina Solimann rezensiert. Zum gleichen Thema hat die Diplompolitologin und Dozentin Angelika Kindt ebenfalls ein Buch verfasst. Kindt ist eine Betroffene. Sie wurde ohne Vorwarnung von ihrer Tochter Maya verlassen, die ihr schriftlich das "Eltern-Kind-Verhältnis" aufkündigte.

Das vorliegende Buch "Wenn Kinder den Kontakt abbrechen" ist ein Erfahrungsbericht der verlassenen Mutter, die auch die Erfahrung anderer ähnlich Betroffener schildert, bevor sie die Frage zu beantworten sucht, wer die Eltern sind, die verlassen werden und wie diese Eltern reagieren. So geben betroffene Eltern sich beispielsweise gerne gegenseitig die Schuld und nicht selten sind es die Frauen, die besagte Schuld allein auf sich laden, weil sie ein idealisiertes Bild in sich tragen, wie die perfekte Mutter auszusehen hat, (vgl.: S.83).

Die große Frage des Warum steht natürlich im Raum, darüber schreibt die Autorin ebenso, wie über Elternrollen, das Mutterbild, die Rolle der Väter und vieles andere psychologisch Bedeutsame mehr, um sich und den Lesern schließlich klar zu machen, was Kommunikation eigentlich bedeutet, damit man den Kommunikationsabbruch besser verstehen kann.

Kindt unterstreicht, dass Kommunikation ununterbrochen stattfindet, mit Worten, Gesten, Blicken, der Körperhaltung, dem Tonfall, den wir in unsere Stimme legen. Doch das Gesagte genügt nicht für das gegenseitige Verständnis. Diskrepanzen zwischen gesprochenen Worten und nonverbalen Äußerungen können Unsicherheit und Irritation zur Folge haben. Es ist demnach wichtig, sich klar zu machen, was man kommunizieren möchte und dies sollte man dann auch stimmig zum Ausdruck zu bringen. Konkret heißt das, sich nicht zu verstellen, sondern respektvoll das zu sagen, was man fühlt, (vgl.: S 112).

Die Autorin thematisiert Verweigerung als Form der Kommunikation und auch die Trauerarbeit als Phasen des Verlustes. Hier kommen zur Sprache:

Die Verleugnungsphase
Die Phase der Verbitterung
Die Phase der Verhandlung
Die Akzeptanz

Mir hat gefallen, wie Kindt Menschen, die Ähnliches erleben oder erlebt haben, Mut macht, Betroffene auch zur Reflektion anregt, um durch Verstehen verzeihen und loszulassen zu erlernen. Unversöhnlichkeit führt zu unnötiger Verbitterung sowie Verhärtung und wird der vormals bestandenen Beziehung nicht gerecht.

So sehr es auch schmerzt, man muss Kontaktabbrüche akzeptieren und lernen, diese hinzunehmen, auch wenn man nicht begreift, was der Auslöser für das Verhalten war. Lernen kann man nur für das Jetzt sowie für die Zukunft und hier zeigt die Autorin einen Weg. Dieser Weg ist auf Achtsamkeit begründet. Besagte Achtsamkeit sollte man m.E. in allen Interaktionen an oberste Stelle setzen, wenn man an langandauernden Beziehungen interessiert ist.


Wer schon etwas länger lebt, weiß, dass man diesbezüglich viele Fehler machen kann. Leben Eltern von ihren erwachsenen Kindern getrennt, sollten sie m.E. nicht nur über das Internet kommunizieren, sondern mit den Kindern auch telefonieren. Internetkommunikation ist sehr tückisch. Nirgendwo sonst sind die Missverständnisse so erheblich, nirgendwo sonst finden so viele abrupte Kontaktabbrüche statt.
Empfehlenswert.

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Rezension: Adel des Geistes- Rob Riemann

 Dem Klappentext ist zu entnehmen, dass Rob Riemen, der Autor dieses Buches, Gründer und Präsident des Nexus Institutes in den Niederlanden ist. Bei dem Institut handelt es sich um ein internationales Zentrum für die Debatte sozialer, philosophischer und künstlerischer Themen. Das vorliegende Buch wurde in zwölf Sprachen übersetzt. Es befasst sich mit dem so genannten "Adel des Geistes", der in den Augen des Autors weit mehr ist als ein Gelehrsamkeitsideal des 16. Jahrhunderts. Derjenige kann ihn erwerben, für den Wahrheit, Freiheit und Würde die höchsten Werte darstellen, die in seinem gesamten Tun erste Bedingung seines Handelns sein müssen.

Riemen hat vier Essays zu dem Thema verfasst. Im ersten Essay berichtet er von seiner Begegnung mit Elisabeth Mann Borgese, der jüngsten Tochter von Thomas Mann und deren Freund Joseph Goodmann. Ich möchte die Begegnung nicht episch breit nacherzählen, während der man viel über das Denken Elisabeths und des hochgebildeten Musikers aber auch über Goodmans großes Vorbild Whiteman erfährt, für den bereits klar war, dass ein System, politische Institutionen und ein Stimmrecht noch keine tatsächlichen Garanten für eine wahre Demokratie darstellen. Whiteman beschrieb, wie man erfährt, die Verluderung und Korruption der Wirtschaftselite, den mangelnden Gemeinsinn und die zunehmende Vulgarität, Heuchelei und Dummheit, die mit eine erfolgreichen materiellen Entwicklung einhergehen, (vgl. S.25). Ich kenne die Texte des amerikanischen Dichters, der von 1819-1892 lebte, nicht, werde mich mit diesem jedoch demnächst beschäftigen. Whiteman wusste offenbar, dass das Leben als Suche nach Wahrheit und Schönheit, dem Guten und der Liebe begriffen werden sollte, weil dies die Kunst des Menschwerdens, die Kultivierung der menschlichen Seele ist, (vgl.: S.25). Das sehe ich auch so.

Joseph Goodman, der, in der Art und Weise, wie ihn Riemen beschreibt, über Adel des Geistes verfügte, besaß ein ethisches Grundverständis, das weit zurückreicht und halt macht bei Spinoza, dessen Ethik Riemen hervorragend zusammenfasst. Riemen erkennt, dass die Freiheitsstatue in New York im Grunde eine symbolische Tochter von Spinoza sein könnte. Riemen schreibt von der Liebe zu Weisheit und davon, dass Spinoza bereits erkannte, dass Wahrheit und Freiheit unlösbar miteinander verbunden sind und dass derjenige, der nicht frei ist, die Wahrheit nicht leben darf, (vgl.: S. 35). Spinoza auch wusste schon, dass das wahre Denken Unabhängigkeit erforderlich macht und Macht und Geld die Freiheit letztlich nur einschränken.

Riemen macht deutlich, was Spinoza Goethe durch sein Werk lehrte und was es nach Spinoza bedeutet, Mensch zu sein. Nur wer sich weder durch Begierden, Reichtum, Ehrgeiz und Macht, noch durch Furcht beherrschen lässt, sondern sich durch das Bleibende, wahre Gute leiten lässt, hat sich geistige Freiheit und somit wahre Freiheit erworben, (vgl.: S.38). In diesem Sinne ist der Protagonist des 1. Essays Joseph Goodman, wie man ihn durch die Beschreibung Rob Riemens kennenlernt, ein Mensch, der über wahre Freiheit verfügte und insofern sich glücklich schätzen konnte, Adel im Geiste erworben zu haben.


Riemen schreibt in der Folge von Thomas Mann, der 1945 einen Sammelband mit dem Titel "Adel des Geistes. Sechszehn Versuche zum Problem der Humanität" herausgab. Im Essay Riemens "Thomas Mann und seine Zeit" lernt man Manns philosophische Entwicklung im Hinblick auf den Begriff Wahrheit kennen und erfährt von dessen "Betrachtungen eines Unpolitischen", in denen er sich nach dem ersten Weltkrieg mit der Frage auseinandersetze, ob seine Auffassungen über den Menschen, die Kunst, die Wahrheit und die Moral nicht ihre Gültigkeit verloren haben, (vgl.: S.50). Mann erkannte, dass Kultur zur Barbarei verkommt, wenn man politische-gesellschaftliche Entwicklungen ignoriert. Für Thomas Mann stellte die Wahrheit keinen empirischen oder mathematischen Begriff dar, sondern sie ist Maß und Wert, das Ideal nach dem jeder Mensch streben sollte, (vgl.: S.59). Man erfährt von Manns Anliegen in seinem "Dr.Faustus", in der es um intellektuellen Hochmut und moralische Blindheit geht. Die Rede ist von der Nachbarschaft von Ästhetizismus und Barbarei als Folge des Kultes um Kunst, der Wahnidee, dass der Mensch sich selbst erlösen könne, (vgl.: S 64). Solche Ideen führen nicht zum Adel des Geistes, der ohne Demut nicht zu erreichen ist.

Rob Riemen schreibt von Sokrates und Platon, sucht bei vielen Philosophen, Baltasar Gracian, Camus, Sartre, Nietzsche etc. nach Antworten. Ist der 11.September ein Angriff auf unsere Kultur oder die Konsequenz eines Mangels an Kultur? (Zitat. S. 85). Ich finde, dies ist eine sehr gute Frage, mittels derer man sich dem Mangel an Adel des Geistes im Hier und Jetzt bestens nähern kann.

Wenn Spaß und Genuss das Bewusstsein für Gut und Böse ersetzen, wird es schwierig sein, Adel des Geistes zu erwerben. Die Menschen sind nicht mehr durch universale Werte miteinander verbunden sein, sondern sie bestehen nur noch aus einer Ansammlung von egomanen Einzelwesen. Wir alle haben- und das macht das Buch deutlich- eine Verantwortung im Hinblick auf intellektuelle Integrität. Wir dürfen den Adel des Geistes nicht verraten, weil nur er den Fortbestand der Menschheit garantiert.

Läuten wir also das Ende der Spaß- und Genussgesellschaft ein und kümmern wir uns um die universalen Werte.

Empfehlenswert.


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Rezension: Picasso kann jeder?! Kreativität im Alltag - Martin Schuster

Der Psychologe Martin Schuster befasst sich in diesem Buch mit der Kreativität im Alltag und definiert zunächst erst einmal den Begriff: "Eine Leistung, die neu und gleichzeitig nützlich ist, bezeichnet man als kreativ. Die Person, die solch eine Leistung vollbringt, ist kreativ."


Der Autor listet in der Folge Kategorien der Innovation auf. Kreativ ist es nach seiner Betrachtung auch, für eine bereits bestehende Erfindung eine neue Anwendung zu finden. Eine interessante Betrachtungsweise, über die man im Rahmen einer Diskussionsrunde ausführlich sprechen sollte.


Schuster zeigt anhand von Skalenwerten für die Innovation, dass die Originalität des Projekts ein Gradmesser für Kreativität darstellt.



Einsteins Relativitätstheorie ist dabei ähnlich wie Darwins Evolutionstheorie ganz oben angesiedelt. Ein Zeichen mangelnder Kreativität liegt beispielweise vor, wenn ein Hobbymaler ein traditionelles Landschaftthema abkupfert oder ein Bäcker zwar immer wieder andere, aber im Grunde stets die gleichen Brötchen backt.


Interessant finde ich die Skala der Alltagskreativität. Hier gilt durchaus auch als kreativ, wenn man ein bekanntes Prinzip im Bereich des Alltags anwendet und dies dort zu neuen Ergebnissen führt.


Neben der Skala der Innovation ist wohl auch noch die Skala der Nützlichkeit für den Gradmesser der Kreativität wichtig. Diese wird deshalb ebenfalls im Buch aufgelistet. Die Alltagskreativiät habe nicht selten spielerischen Charakter. Sie sei weniger "ehrgeizig", wenn sie im Lebensvollzug auftrete, (vgl.: S.38). Für Schuster bedeutet Alltagskreativität das Ungewöhnliche zu realisieren. Für ihn trägt die Alltagskreativität verschiedene Namen: Findigkeit, Einfallskraft, Schlagfertigkeit, Improvisation, Improvisationsfähigkeit, immer einen Ausweg wissen, sich zu helfen wissen, originelle "Anmache", (vgl.: S. 39).


Schuster thematisiert eine Reihe von Beispielen für tägliche Kreativitätskraft, bevor er in der Folge deutlich macht, dass man keineswegs kreativ geboren wird, sondern jeder Mensch kreativ sein kann, wenn er dies auch wirklich möchte. Das bedeutet freilich nicht, dass in jedem ein Einstein steckt, aber es heißt, dass jeder auf seinem intellektuellen Niveau durchaus kreativ sein kann. Das setzt gegebenfalls voraus, Denkschranken zu überwinden, deren Ursachen in Unsicherheit, in der Hemmung natürlicher Neugierde, sogar durchaus auch in Aggressionshemmung liegen können.

Der Autor thematisiert alles, was Kreativität begünstigt. Dass Spontanität und Fantasie dazu gehören, dürfte jedem klar sein. Wichtig ist es, Kreativität von Kindern zu fördern. Wie das funktioniert, kann man ab Seite 176 ausführlich nachlesen.

Das Buch kann als Mutmacher begriffen werden, seine eigenen kreativen Ressourcen einzusetzen und aus den Ergebnissen seines innovativen Tuns Freude und mehr zu ziehen.
Lesenswert.


Rezension: Gewalt entsteht im Kopf.

Prof. Dr. med. Michael Günter befasst sich in diesem Buch mit dem menschlichen Grundproblem der Gewalt und verdeutlicht anhand der Filmklassiker "Spiel mir das Lied vom Tod", "Krabat", "Uhrwerk Orange", "Batman- The Dark Knight", "Terminator", und "Sleepers" sowie Falldarstellungen aus der eigenen Praxis, wie sich die psychischen Mechanismen von Gewalt offenbaren.

Im Buch geht es darum, wie Gewalt im Kopf, wie Fantasien über Gewalt entstehen, auch wie es dazu kommt, dass die Fantasien letztlich in die Ausübung der Gewalt münden, so der Autor, (vgl.: S. 9). Prof. Dr. Günter spürt dem komplizierten Zusammenwirken vorangehender, nicht selten prägender Lebenserfahrung, psychischer Dispositionen und sozialer als auch situativer Einflussfaktoren nach, die er von verschiedenen Blickwinkeln aus beleuchtet. (vgl.: S.9).

Ziel des Autors ist, den Leser auf verständliche Weise über Gewalt aufzuklären, um aufgrund eines umfassenderen Verständnisses des Problems und der psychischen Mechanismen, die Gewalt bedingen, zu einer rationaleren Diskussion in der Öffentlichkeit beizutragen, (vgl.: S.9).
Der Autor konstatiert, dass die Filme uns affektiv ergreifen und uns die Gefühle der dargestellten Protagonisten miterleben lassen. Prof Dr. Günter ist der Ansicht, dass sie im Vergleich zu Werken aus der Literatur oder der bildenden Kunst und Fotografie eine besondere Wucht entfalten, indem sie Bild, Bewegung, Sprache und Musik kombinieren und auf diese Weise ein dichtes Gewebe von Sinneseindrücken entstehe, von denen er glaubt, dass sich unsere Psyche diesen kaum zu entziehen vermag, (vgl.: S. 10).

Der Autor unterstreicht, dass Forschungsbefunde nahelegen, "dass der Konsum von Gewalt in Bildmedien, also in Filmen und Computerspielen, das kindliche und jugendliche Gehirn so prägt, dass einerseits ein Abstumpfen gegen Gewalt eintritt und andererseits die Hemmschwelle sinken lässt und eine entsprechende Handlungsbereitschaft erhöht wird", (Zitat. Seit 12-13). Je mehr sich Personen in Nebenrealitäten einspinnen und reale soziale Bezüge verlieren, bzw. sich von diesen ausgeschlossen fühlen, um so gefährlicher wird der potentiell antisoziale Sog, der durch die grausame Bilderwelt entsteht, (vgl.: S.14).

Gewalt in Filmen wird nicht immer als böse Macht eingesetzt und erlebt, sondern auch um Gerechtigkeit, Sicherheit und Freiheit wieder herzustellen. Obschon die Mehrzahl der Menschen diese bewusst ablehnt, werden trotz allem pausenlos Krimis, Psychothriller und Actionthriller im Fernsehen konsumiert, die, so Prof. Dr. Günter, vor Gewalt nur so strotzen, (vgl.: S.16). Liest man das Buch, beginnt man zu begreifen, weshalb dies so ist.

Der Autor interpretiert Gewalt in ihrer negativen Bedeutung als unrechtmäßige Ausübung von psychischem und psychischem Zwang auf Menschen. Dabei werden andere Menschen vorsätzlich geschädigt und in ihren Rechten beeinträchtigt. Angelehnt an diesen Gewaltbegriff ist der Begriff der strukturellen Gewalt, der im Buch ebenfalls näher erläutert, (vgl.: S. 17ff). Die subjektive Seite der Gewalt wird durch den Begriff Aggression unterstrichen. Unter Aggression versteht man ein affektbedingtes Angriffsverhalten des betreffenden Menschen, während Destruktivität in besagtem Zusammenhang die zerstörerischen Aspekte aggressiven menschlichen Verhaltens meint, die bis zur Lust an der Zerstörung sich steigern können, (vgl.: S.18).

Das Buch macht begreifbar, in welchem Ausmaß wir Gewalt in uns tragen und möchte einen Weg aufzeigen, mittels dem man das Umsetzen von Gewalt in Handlungen wirksam begrenzen kann. Dies gelingt dem Autor übrigens hervorragend.

Was hat Gewalt mit Rache-, Schuld- und Schamgefühlen zu tun?
Wie stellt sich Lust an der Macht und die Herrschaft des Schreckens dar?
Kann Gewalt ein letzter Ausweg in der Not sein?
Weshalb gehören Angst, Aggressivität und Sexualität im gewissen Sinn zusammen?
Wie gehen Männer und wie gehen Frauen mit Gewalt um?
Welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen lösen Gewalt aus?
Fragen wie diese, werden im Buch mehr als nur zufriedenstellend beantwortet.

Dr. Günter weiß, dass die Fixierung auf Gewalt als Mittel genutzt wird, um das Gefühl der Wertlosigkeit, Ohnmacht, Hilflosigkeit und Verlassenheit zu bekämpfen. Aufgrund von Gewaltausübung vergewissern sich die Betreffenden ihrer Handlungsfähigkeit, befriedigen ihre Rache sowie Vergeltungswünsche und wehren ihre Schuldgefühle ab, (vgl.: S. 166).

Deshalb, so Prof. Dr. Günter, ist die beste Prävention gegen individuelle Gewaltentwicklung, die Gewalt und Vernachlässigung von Kindern in den Familien wirksam zu bekämpfen und Jugendlichen gute Perspektiven der Teilhabe am sozialen Leben, an Bildung, Beruf und sozialer Anerkennung sowie materieller Sicherung zu gewähren, (vgl.: S. 166). Dieser Schlussfolgerung schließe ich mich bedingungslos an.

Empfehlenswert.

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Rezension:Funkstille- Tina Soliman

Die Journalistin Tina Soliman stellt im Rahmen von sieben Lebensgeschichten das Phänomen Kontaktabbruch vor und lotet dieses mithilfe von einschlägiger Fachliteratur aus. Ich werde die Geschichten bewusst nicht verkürzt nacherzählen, um die Spannung am Buch nicht zu mindern, wohl aber möchte ich auf die wissenschaftlichen Hintergründe für "Funkstille" eingehen.

"Funkstille" ist eigentlich ein Wort aus der Schifffahrt. Inhaltlich besagt es die Einstellung des Funkverkehrs, um Notsignale - SOS - besser empfangen zu können. Die Funkstille ist also ein Schweigen, in das hinein Notsignale gesendet werden. Dieses verschlüsselte Signal bekundet, dass etwas nicht stimmt. Mittels dieses Signals wird auf eine Störung hingewiesen, hinter der alles zurückstehen muss, damit sie nicht überhört wird. Die Autorin konstatiert, dass "Funkstille" in der menschlichen Kommunikation, ebenfalls als Signal gedeutet werden muss, das besagt: "Bitte höre, was ich nicht sage."(vgl.: S.175.)

Soliman thematisiert in ihrem erhellenden Buch u.a. die Verlassenen, die Abbrecher, das Schweigen, die Motive und die Persönlichkeitsmuster der Betroffenen. In den Gesprächen mit den Verlassenen hatte die Autorin den Eindruck, dass diese Menschen Gefühle schildern, die denen von Hinterbliebenen eines Selbstmörders nicht unähnlich sind. Kontaktbruch muss man als harte Grenze verstehen, die nicht zu durchstoßen ist, (vgl.: S. 30). Das Problem besteht darin, dass die Hinterbliebenen nicht endgültig abschließen können.

Für den Verlassenen bedeutet Schweigen zunächst einmal Ablehnung. Der Verlassene sucht nach Klärung. Er möchte kommunizieren, um den Beziehungsabbruch zu verstehen. Das Schweigen schafft viel Raum für Spekulation, für Missverständnisse und Überlegungen, die letztlich einen möglich bestanden habenden Konflikt weiter befeuern, (vgl.: S.65).

Abbrecher lassen sich gerne ein Hintertürchen offen. Der Psychologe Udo Rauchfleisch, auf den die Autorin immer wieder Bezug nimmt, konstatiert, dass dies alles andere als fair sei, weil auf diese Weise beide nicht abschließen können. Nach seiner Ansicht bedeutet der Abbruch der Kommunikation, dass es innerlich noch nicht vorbei ist. Solange man schweigt, so Rauchfleisch, ist die Beziehung definitiv noch nicht beendet und die vorangegangene Verletzung noch nicht wirklich verarbeitet, (vgl. S.75).

Soliman schreibt, dass beim Thema "Funkstille" stets die gleichen Vokabeln auftauchen. Sie nennt: Schutz, Flucht, Angst, Verzweiflung, Strafe, Manipulation, Kränkung, (vgl.: S.80). Professor Rauchfleisch meint, dass "Funkstille" primär ein Zeichen von Schwäche sei, eine Kommunikationsstörung, bei der die Person, die verlässt, nicht in der Lage ist, den Konflikt vernünftig abzuschließen, (vgl.: S. 92). Die Psychotherapeutin Trin Haland-Wirth meint, dass Funkstille aggressiv und ärmlich sei. Hat jemand es nötig, derartiges zu machen, ist er nicht in der Lage es anders hinzukriegen, (vgl.: S. 95). Professor Teising ist der Ansicht, dass es bei "Funkstille" um Vernichtung geht. Er glaubt, dass das Selbstbild des Abbrechers zerstört sei und dass dieser nicht möchte, dass dieser Tatbestand für den anderen sichtbar wird. Er möchte also demnach nicht, dass das, was er selbst nicht erträgt, für den anderen erkennbar wird. Insofern versinkt er vor Scham in den Boden, (vgl.: S. 102).


Bei "Funkstille" gibt es im Verhalten des Abbrechers Charakteristika, welche offenbar häufig bei narzisstischen und schizoiden Persönlichkeiten zu Tage treten, aber auch bei bipolaren Störungen, sprich bei manisch-depressiven Personen. Soliman hebt hervor, das schizoide Menschen Angst vor Hingabe haben. Wenn solchen Personen ein Mensch zu nahe kommt, stoßen sie ihn schroff weg. Hinter diesem Verhalten stecke der Versuch der Selbstbewahrung und Ich-Abgrenzung, (vgl.: S.149).

Narzisstische Persönlichkeiten neigen eher zum Kontaktabbruch als andere, weil "Funkstille" letztlich auch eine narzisstische Aufwertung ist. Wer den Kontakt abrupt abbricht, gibt den Ton an und setzt den anderen unter Druck. Der Verlassene ist zum Warten verurteilt, ist vermeintlich abhängig davon, dass der Abbrecher der Kontakt wieder aufnimmt. Professor Rauchfleisch verdeutlicht jedoch, dass letztlich der Narzisst der Abhängige ist. Der Abbrecher, der sich in eine extreme Abhängigkeit zu einer anderen Person begeben hat, erträgt diese Abhängigkeit nicht mehr, bricht den Kontakt ab, allerdings in der falschen Hoffnung, dadurch die Abhängigkeit zu überwinden, (vgl.: S.158).

Kontaktabbruch ist letztlich eine Kapitulation, aus der- das hebt die Autorin zum Ende ihres Buches hervor- immer auch ein neues Miteinander erwachsen kann, sobald Abbrecher und Verlassener ihre Irrtümer erkennen und sich die Mühe machen, verstehen zu wollen, was der andere sagen möchte, auch ohne Worte, (vgl.: S. 170).

Ein sehr gutes Buch, das mir einiges klar gemacht hat. Mir wäre nie in den Sinn gekommen, dass Ursache für einen Kontaktabbruch auch Scham sein kann.

Empfehlenswert.

Helga König

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