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Rezension: Arthur Schopenhauer - Das große Lesebuch

Nach einer sehr erhellenden Einführung des Philosophen Rüdiger Safranski in das Werk des Philosophen Arthur Schopenhauer hat man im vorliegenden Lesebuch Gelegenheit, sich in eine Auswahl der Texte des Denkers aus dem 19. Jahrhundert zu vertiefen.

Safranski untergliedert in:
Frühe Erfahrungen
Inspirationen, Ideen (Im Tagebuch)
Grundgedanken
Die Ansicht des Lebens
Stufen der Verneinung
Der Sinn und die Sinne des Schönen
Der Mensch - Das metaphysische Tier
Die Metaphysik der Geschlechtsliebe
Über die Grundlagen der Moral
Zur Lebenskunst
Schopenhauer über sich selbst

Schopenhauer, Hauptvertreter des Pessimismus, knüpfte an Kants Unterscheidung von Erscheinung und Ding an. Soweit ich begriffen habe, ist ihm die gesamte Welt Erscheinung, in der sich das Ding an sich, das er als sinnfreien Daseinsdrang interpretiert, festmacht. Der Wille ist offensichtlich in der Lage sich auf höherer Ebene sich als böse und unvernünftig zu durchschauen und von seinem Drang zu erlösen.

Das passiert in der Kunst als auch im Handeln aus Mitleid. Insgesamt ist es aber offenbar nur möglich seinen Daseinsdrang durch Suizid und den Übergang ins Nichtsein auszulöschen.

Auf die vielen Texte im Buch näher einzugehen ist im Rahmen einer Rezension nicht möglich. Erstaunt haben mich die Jugendgedichte, die den Philosphen in ihm bereits erkennen lassen.

Über einzelne Sentenzen in der Folge musste ich länger nachdenken. Er sagt u.a.: "Damit der Mensch eine erhabene Gesinnung in sich halte, seine Gedanken vom Zeitlichen auf das Ewige richte, mit einem Wort, damit das bessere Bewusstseyn in ihm rege sey, ist ihm Schmerz, Leiden und Misslingen so nothwendig, wie dem Schiffe der es beschwerende Balast, ohne welchen es keine Tiefe ermisst, ein Spiel der Wogen im Winde keinen bestimmten Weg gehet und leicht umschlägt."

Ich möchte bezweifeln, dass eine erhabene Gesinnung nur durch entsprechende Negativerfahrungen möglich ist. Ganz im Gegenteil, zu viel Schmerz, Leiden und Misslingen, lässt Menschen verbittern und gallig werden.

Schopenhauers Pessimismus finde ich furchtbar: "Das Leben gleicht einer Seifenblase, die wir so lang als möglich erhalten und aufblasen, doch mit der festen Gewissheit, dass sie platzen wird." Ich denke, das Leben ist weitaus mehr als eine Seifenblase: Sie wird es nur dann, wenn man sie nicht mit gelebtem Leben füllt.

Sehr interessant ist das Kapitel: "Über die Grundlagen der Moral". Hier stimme ich Schopenhauer in allen Punkten zu, was die Prämissen anbelangt, die die Voraussetzung für Beweisführung sind.

"Keine Handlung kann ohne zureichendes Motiv geschehen; sowenig, als ein Stein ohne zureichenden Stoß oder Zug sich bewegen kann." Ähnliches hat Seneca schon gesagt, soweit ich mich erinnere und stimmt mit meinen Beobachtungen überein.

Es gibt, so sagt er an anderer Stelle, nur drei Grundtriebfedern der menschlichen Handlungen:

a) Egoismus, der das eigene Wohl will (ist grenzenlos)
b) Bosheit, der das fremde Wehe will (geht bis zur äußersten Grausamkeit)
c) Mitleid, welches das fremde Wohl will (geht bis zum Edelmut und zur Großmut)

Über dieses Phänomen reflektiert Schopenhauer auf subtile Weise. Hier lohnt es sich im Anschluss mit Dritten den Denkinhalt zu diskutieren, speziell, was dies in der Konsequenz bedeutet.

Ein interessantes Lesebuch, sehr gut ausgewählte Texte, die ich gewiss noch oft zur Hand nehmen werde.

Rezension:Wenn Du mich wirklich liebst: Die häufigsten Beziehungsfallen und wie wir sie vermeiden (Taschenbuch)

Die Psychologin Julia Onken lotet in diesem Buch die häufigsten Ursachen aus, die in Beziehungen zu Ärger, Verdruss oder gar Trennung führen. Sie zeigt, wie man besagte Beziehungsfallen geschickt umgeht und sich auf diese Weise eine angenehme Zeit beschert. Wie immer illustiert die Autorin ihre Erkenntnisse mit Beispielen und stellt es im vorliegenden Buch dem Leser anheim Testfragen zu beantworten, die ihm, sobald er - jeweils rückseitig- die Antworten dazu liest, aufzeigen, wo er sinnvoller Weise an sich arbeiten möge. Onken verdeutlicht, dass Liebe nur dort gedeihen kann, wo sich eine Brücke zwischen zwei Menschen ausspannt. Sobald man zu nah aufeinander rückt, kracht allerdings der Spannungsbogen zusammen. Das Motto lautet: Deine Welt ist nicht meine Welt.
Jeder bleibt in einer Beziehung ein selbstverantwortliches Wesen, das sich eigene Aktivitäten, eigene Lebensgestaltung und individuelle Entwicklung zugestehen sollte. Der Sinn der Partnerschaft, so Onken, liegt darin durch die Auseinandersetzung mit der anderen Person inneren Reichtum dazu zu gewinnen und seinen Handlungsspielraum zu vergrößern, nicht aber seinen Wahrnehmungsspielraum und Aktionsradius einzuschränken. Sehr witzig ist Onkens Analyse zum Thema Auto und Fahrweise. Die unterschiedlichen Sichtweisen, die sich in der Regel bei Männern und Frauen auftun, sorgen offenbar nicht selten für Auseinandersetzungen, die sich durchaus vermeiden lassen.


Diskussionen um die Finanzen haben nicht selten tiefere Ursachen. Zumeist will sich einer der beiden Partner der Verantwortung entziehen und nicht erwachsen werden. Es ist grundsätzlich falsch davon auszugehen, dass ein anderer für einen sorgen und aufkommen soll, ebenso falsch, wie zu meinen, man könne diese Aufgabe für einen anderen erledigen. Desweitern ist es absurd zu glauben man könne Harmonie in der Partnerschaft wie ein Produkt herstellen. Man sollte sich darüber klar werden, dass das krampfhafte Bemühen Harmonie erzeugen zu wollen auf direktem Weg dorthin führt, was man vermeiden möchte, nämlich Disharmonie.


Misstrauen dem "Du" gegenüber ist immer fatal. Wer davon ausgeht, vom Partner hintergangen zu werden, hat ein angeschlagenes Selbstwertgefühl und rechnet damit, durch einen beliebigen Menschen ersetzt werden zu können. Wer sich selbst so gering schätzt, kann auch durch Treuebeweise des Partners nicht geheilt werden.

Onken betont, dass Selbstentwertung ein ernst zu nehmendes Thema ist, weil mangelndes Selbstwertgefühl in einem schlechten Selbstbewusstsein zum Ausdruck kommt. Man achte, dass Liebe sich darin zeigt, das "Du" als eigenständiges Wesen zu respektieren, dem man zugestehen muss, dass es seine Vorlieben pflegt, egal in welche Richtung sich diese bewegen. Beide Partner sollen ihren persönlichen Lebensplan erkennen und die damit verbundenen Aufgaben in Angriff nehmen. Verhaltensänderungen des anderen dürfen nicht als Liebesbeweis eingefordert werden. Wem das Verhalten des Gegenübers nicht passt, muss sich trennen.


Weitere Themen des Buches sind Offenheit in Beziehungen und deren Grenzen, Psychoterror(ganz schlimm!!!), Nörgerlei (auch nicht lustig), die lieben Schwiegereltern, der Seitensprung (ausführlich und sehr gut abgehandelt in Onkens Buch " Die Kirschen in Nachbars Garten"), Sex, die Schwierigkeiten, die durch Ex-Gatten und ebensolchen Gattinnen, sowie Stiefkinder entstehen können, sowie ferner die Problemfelder Symbiose und das Schweigen.


In Partnerschaften führt Sprachlosigkeit langfristig in den sicheren Untergang. Wenn man nichts voneinander weiß, ist man auf Projektionen, Fantasien und Interpretationen angewiesen. Wahrnehmungen können nicht überprüft und es können keine Korrekturen vorgenommen werden. Mit der Zeit entwickelt man ein Feindbild vom anderen und deutet all seine Verhaltensweisen in die feindselige Richtung.


Wer sich hinter Schweigen verschanzt muss erkennen, dass dies keine Stärke, sondern Schwäche ist. Die Sprache nicht einzusetzen, so Onken, welche Kommunikation zu anderen Menschen möglich macht und letztlich auch den Zugang zum eigenen Wesen erschließt, ist ein ausgesprochener Mangel und nicht etwa als Zeichen von besonderer Intelligenz, Kompetenz oder der Fähigkeit, über allem zu stehen, zu werten.

Wer Liebe als Lernprozess begreift, findet in diesem Buch interessante Anregungen.
Empfehlenswert.

Rezension:Feindbilder - Psychologie der Dämonisierung. Mit einem Vorwort des Dalai Lama (Taschenbuch)

Die drei Autoren des vorliegenden Buches Haim Omer, Professor für Psychologie an der Universität von Tel Aviv, Nahi Alon, Klinischer Psychologie und Schüler des tibetischen Buddhismus, sowie der Diplompsychologe Prof. Dr. phil Arist von Schlippe befassen sich im Text mit dem Phänomen so genannter Feindbilder. Sie erhellen durch ihre Betrachtungen die Psychologie der Dämonisierung der anderen, die immer wieder zu Disharmonie, Streit und Gewalt führt und zeigen wie man mittels entdämonisierender Strategien destruktive Eskalationen verhindern kann.

Das Vorwort dieses erkenntnisreichen Buches hat Dalai Lama geschrieben, der davon überzeugt ist, dass der Zweck des Lebens darin besteht glücklich zu sein, man dies aber nur erreichen kann, wenn man sein Leben der Liebe und dem Mitgefühl widmet. Feindbilder und Dämonisierung unserer Opponenten wirken kontraproduktiv im Hinblick auf ein glückliches Leben und sollten von daher nicht kultiviert werden.Was versteht man unter Dämonisierung?

Die Autoren konstatieren, dass damit eine Form der Beschreibung eines anderen Menschen gemeint ist, die diesen in einem zunehmend negativ gefärbten Licht wahrnimmt, bis der andere zu einem "Monster" wird, welches es zu bekämpfen gilt, gegen das man sich mit aller Macht wehren muss. Dämonisierung ist demnach die Haltung einer Person oder einer Gruppe gegenüber einer anderen Person oder Gruppe, die mit Zweifeln beginnt, sich mit Verdächtigungen fortsetzt und mit der scheinbaren Gewissheit über die grundlegende Schlechtigkeit des anderen endet.

Daraus resultieren dann nicht selten entschlossene feindselige oder militante Aktionen. Sofern Dämonisierung in einer Beziehung Einzug hält, entsteht eine Schritt für Schritt negativ werdende Sicht des anderen und ein entsprechendes Verhalten, das im Gegenzug Gegenanschuldigungen nach sich ziehen kann. Misstrauen und Destruktivität sind das Ergebnis, bei dem beide Seiten sich in ihren negativen Einstellungen verbunkern. Die Autoren fragen u.a. wie es dazu kommen kann, dass Menschen sich dergestalt in Konflikte verrennen und Opfer ihrer eigenen Beschreibungen werden können.

Wie ist es möglich Konflikte so weit eskalieren zu lassen, dass man bereit ist selbst unterzugehen, wenn man damit erreicht, dass dem anderen ein noch größerer Schaden zugefügt wird? Wann trocknet der positive Dialog aus? Die Autoren wissen, "wenn die Furcht, der andere könnte uns verletzen, in das Denken eingedrungen ist, können wir nicht mehr ruhig sein. Unser Denken verarmt und unsere Handlungen werden rigide, damit trocknet der positive Dialog aus." Sind die Prozesse des Vertrauens erst einmal labilisiert, ist der Beginn für dämonisierende Beschreibungen gegeben.

Anhand zahlreicher Fallgeschichten zeigen die Psychologen wie diese Prozesse ablaufen aber auch wie man sie beenden kann. Wichtig ist zu erkennen, dass je akuter und heißer Konflikte werden, man um so intensiver dazu tendiert die Welt in "wir" und "die andern" zu polarisieren. Die Erkenntnis, dass die Handlungen eines Menschen nicht notwendigerweise Ausdruck seiner guten oder schlechten Eigenschaften sind, kann Empathie auslösen. Mitgefühl ist die Basis dafür dem unheilvollen Dämonisierungsprozess Einhalt zu gebieten. Der andere ist uns ähnlich.

Die Autoren zeigen wie entdämonisierende Dialoge aussehen können und verdeutlichen auch zu welch negativen Ergebnissen destruktives Konfliktmanagement führt. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Beschreibung des Drangs nach totaler Kontrolle seitens der Personen, die von ihren Feindbilder geradezu "besessen" sind. Der Wunsch den "Feind" zu kontrollieren, auszuweisen oder zu eliminieren, lässt keinen klaren Gedanken mehr zu.

Es empfiehlt sich diesen destruktiven Handlungen nicht aggressiv zu begegnen, sondern Entspannungsmaßnahmen einzuleiten. Wie diese aussehen können, zeigen die Autoren ebenfalls an Fallbeispielen. Transparenz und Öffentlichkeit mindern die Gewalt und gestatten Unterstützung für das gewaltlose Lager zu mobilisieren.

Man sollte sich klar machen, dass gewaltloser Widerstand ein kulturelles Produkt ist. Durch Kapitulation oder durch Reden oder durch Besänftigen kann man einem Aggressor nicht Einhalt gebieten. Es funktioniert nur in dem man Grenzen aufzeigt und dem Aggressor begreifbar macht, dass ein Miteinander immer nur dann funktioniert, wenn man sich nicht mit gewetzten Messern gegenübersteht. Es funktioniert letztlich nur, wenn der andere erkennt, dass er mit seiner aggressiv- dämonisierenden Haltung keinen Boden gewinnen kann und außer verbrannter Erde nichts bleibt.

Ein sehr interessantes Buch, das mir aufgrund der vielen anschaulichen Fallbeispiele gefällt. Sie verdeutlichen wirklich sehr gut nachvollziehbar wie negativ dämonische Bewertungen und destruktives Kämpfen sind.

Empfehlenswert, auch um Schuldzuweisungen und deren fatale Folgen innerhalb von Familien zu überdenken.

Sehr empfehlenswert.

Überall im  Fachhandel erhältlich.

Rezension: Der verletzte Mensch (Gebundene Ausgabe)

Andreas Salcher befasst sich im vorliegenden Buch sehr differenziert mit unseren seelischen Verletzungen und zeigt wie man mit diesen klugerweise umgehen soll. Der Autor liefert zunächst eine Fülle von Beispielen, um zu zeigen, wann und wodurch man gekränkt werden kann und definiert in der Folge den Begriff Kränkung:
"Kränkungen sind Verletzungen unseres Selbstbewusstseins, die den Kern unserer Persönlichkeit treffen."
Salcher macht deutlich, dass die erste Kränkung gleich bei der Geburt stattfindet, dieser alsbald die zweite folgen kann, wenn während der ersten Lebensmonate einem Kinde nicht genügend Wärme, Körpernähe und Zärtlichkeit geschenkt wurde.

Die Schule nennt Salcher als ein weiteres Schlachtfeld für Kränkungen, gefolgt von der Liebe und dem Berufsleben, wo Mobbing, Kündigung, verweigerte Beförderung und sinnlose Tätigkeiten typische Auslöser sind. Die Reaktionen auf Kränkung sind Rückzug, sich tot stellen oder Angriff. In Extremfällen, so der Verfasser, wird Rache zur Lebensaufgabe für den Gekränkten. Betroffene Menschen realisieren nicht, dass sie sich selbst vergiften, dass Groll letztlich ihre Seele hart macht.


Salcher unterstreicht, dass es immer zwei Möglichkeiten gibt auf erlittenes Unrecht und Kränkung zu antworten, zum einen mit der Spirale des Vertrauens, zum anderen der Spirale des Negativen. Wer sich auf die Spirale des Zurückschlagens und der Rache einlässt, -das macht Salcher unmissverständlich klar -, wird durch die ausgelösten Reaktionen fremdbestimmt. Die Frage lautet also: "Will ich wirklich meinen Feinden und allen, die mich gekränkt haben, die Macht über meinen Schlaf geben?" Der Autor nennt Persönlichkeitsmerkmale von Menschen, die besser mit Kränkungen umgehen können: hierzu zählen Urvertrauen, die Tatsache zur Selbstständigkeit und Entscheidungsfreude erzogen worden zu sein, "Ich-Stärke", ein ausgleichendes Temperament, das erlaubt auch heftige Gefühle zu kontrollieren und eine optimistische Weltsicht.


Man muss sich darüber im Klaren sein, dass Verletzungen zu den stärksten Antriebskräften in unserem Leben gehören, dass sie von Bedeutung sind bei der Suche nach dem höheren Selbst, in welcher man vielleicht den wirklichen Sinn des Lebens sehen kann. Salcher hält fest, dass Siegertypen anders mit Kränkungen umgehen als Verlierer. Sieger fühlen sich nie als ohnmächtige Opfer, nicht zuletzt, weil sie sich für ihr Leben selbst verantwortlich fühlen. Sieger fokussieren die Kräfte, die sie antreiben auf die Gebiete ihrer natürlichen Begabungen und entwickeln dahingehend große Kompetenzen. Sie schützen sich per se davor, dass sie die Ängste vor ihren Verletzungen gegen ihr Selbst richten.


Sieger integrieren ihre Verletzungen in ihre Lebensgeschichte und agieren in der Folge kreativ und nicht rachsüchtig. Rache ist das Verhaltensmuster eines Verlierers, das sollte sich jeder klar machen. Salcher macht klar, dass man Widerstandfähigkeit gegen die Verletzungen des Lebens lernen kann und dass die Erkenntnisse der "Positiven Psychologie" Menschen helfen ihre eigenen Stärken zu erkennen und ihre Anstrengungen darauf zu konzentrieren, anstelle andere zu verletzen.


Typische Antriebe für negatives Verhalten sind: Angst, Gier, Maßlosigkeit, Scham, Geiz, Arroganz, Geltungsdrang und Feigheit. Salcher unterstreicht, dass man diesen Antrieben grundsätzlich nicht ausgeliefert ist und macht unmissverständlich klar, dass wir uns den Zugang zur Liebe verbauen, wenn wir uns unseren Verletzungen nicht stellen. Angst und Liebe, Schuldgefühle und Liebe, Hass und Liebe können nicht nebeneinander existieren, konstatiert der Autor und zitiert eine Quelle des Talmud, die mir so gut gefällt, dass ich meine Rezension mit dem Zitat beenden möchte.
"Achte auf Deine Gefühle,
Denn sie werden deine Gedanken.
Achte auf deine Gedanken,
Denn sie werden zu deinen Worten
Achte auf Deine Worte,
Denn sie werden zu deinen Taten.
Achte auf deine Taten,
Denn sie werden zu deinen Gewohnheiten
Achte auf deine Gewohnheiten,
Denn sie bilden deinen Charakter.
Achte auf deinen Charakter,
Denn er bestimmt dein Leben"

Ein nachdenkliches Buch, von einem klugen Autor, der sich der Liebe und der Lebensfreude verpflichtet sieht.

Rezension:Ich stehe nicht mehr zur Verfügung - Wie Sie sich von belastenden Gefühlen befreien und Beziehungen völlig neu erleben (Broschiert

Der Musikpädagoge und psychologische Coach Olaf Jacobsen zeigt anhand von vielen Beispielen, wie man sich von belastenden Gefühlen befreien und Beziehungen neu beleben kann. Das Schüsselwort lautet: "Ich stehe nicht mehr zur Verfügung". Offenbar ist es so, dass man mittels seiner "Antennen" die Gefühle andere Personen wahrnimmt und in einer Weise absorbiert, dass sie sich mit eigenen vermischen und beispielsweise zu schlechter Laune oder diffusen Ängsten führen.
Jacobsen verdeutlicht wie man die eigenen Gefühle von denen seiner Mitmenschen im Alltag leicht zu unterscheiden lernt und begreift, wann man in "Stellvertreterrollen" gedrängt wird, die für ein positives Miteinander kontraproduktiv sind. Der Autor erklärt, was Fernfühlen wirklich bedeutet und macht begreifbar, weshalb unsere Gefühle wahrnehmbare Resonanzen sind. Offensichtlich reagieren wir mit unserem gesamten Organismus auf unsere gesamte Umwelt- und umgekehrt. Jacobsen ist davon überzeugt, dass es eine Ebene gibt, in der alles miteinander verbunden ist und meint, dass Instinkte, Gefühle, Intuition, Inspiration Phänomene sind, die auf dieser Verbundenheit beruhen. Auf dieser Überzeugung ist sein Buch aufgebaut.


Sofern man sich unvoreingenommen auf diese Denkvorraussetzung einlässt, erschließt der Inhalt des Buches leichter. Im Wechselspiel von erklärenden Texten und so genannten Vertiefungen, in denen der Autor u.a. auch mit Sentenzen großer Denker aufwartet, versucht Jacobsen den Leser dafür zu sensibilisieren, im eigenen Interesse nicht länger ungewollt für Stellvertreterrollen zur Verfügung zu stehen und sich zukünftig ungeahnte Freiräume zu schaffen, vor allem aber sein wirkliches Selbst kennen zu lernen und liebevoll gegenüber Dritten nach außen zu bringen.


Man muss kein Esoteriker sein, um den Satz Jacobsens nachzuvollziehen "Unsere Gefühle können Wahrnehmungen der Zustände anderer Menschen sein." Wer lange mit einem anderen Menschen zusammenlebt, weiß, dass man sich mitunter nur deshalb unwohl fühlt, weil der Nächste sich nicht gut fühlt, dieses aber nicht benennt und nicht zeigt. Das Unwohlgefühl hängt dann im Raum und man fühlt es als sein eigenes. Der Zellbiologe Bruce H. Lipton stellt fest: "Alle Organismen, auch Menschen, nehmen ihre Umgebung durch Energiefelder wahr und kommunizieren durch sie" und Jacobsen ergänzt "Unser Gefühl ist immer eine Reaktion auf etwas."


Es gilt herauszufinden was dieses Etwas ist. Sobald man sich einem Menschen zur Verfügung stellt, fühlt man bestimmte Gefühle. Jacobsen erläutert die Mechanismen wie man zur Verfügung steht und dass es Sinn macht diese Mechanismen zu begreifen, weil man auf diese Weise besser loslassen kann, wenn man die Gefühle, die nicht die eigenen sind, nicht möchte.


Der Autor reflektiert die Voraussetzungen für das Entstehen von Glück und Leid und unterstützt seine Betrachtungen hinsichtlich des Leides an anderer Stelle mit der Aussage Fons Delons: "Was Sie in sich selbst nicht sehen wollen, wird verstärkt, weil gleiche Energien von außen hinzukommen." Wenn man positiv auf andere zugehen möchte, ist es notwendig immer selbst zu entscheiden, wann man für Dritte zur Verfügung steht. Man muss sich stets fragen, ob man wirklich aus sich selbst heraus agiert oder nur die Emotionen und Erwartungshaltungen Dritter spiegelt. Ziel ist es authentische Kommunikation zu erlernen. Jacobsen hilft dabei dieses erstrebenswerte Ziel zu erreichen.

Empfehlenswert!

Rezension:Warum ich fühle, was du fühlst: Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone (Gebundene Ausgabe)

Joachim Bauer, Professor für Psychoneuroimmunologie an der Uni Freiburg, verdeutlicht in diesem Buch den engen Zusammenhang zwischen der Existenz sogenannter Spiegelneuronen im Gehirn eines Menschen und der Fähigkeit sich in seine Gegenüber einzufühlen, sie zu verstehen und Feinheiten wahrzunehmen. Ohne Spiegelnervenzellen sind weder Intuition, noch Empathie möglich. Herausgebildet werden diese Zellen im Säuglingsalter durch den engen Kontakt zu Bezugspersonen. Spontane Imitationsakte zwischen Kleinkindern und anteilnehmenden Erwachsenen fördern das diesbezügliche Zellwachstum.

Findet während dieser Zeit nur ein minimaler mimischer Signalaustausch statt, wird das Kind später enorme Defizite im Umgang mit anderen Menschen aufweisen, da sich in der Folge die emotionale Intelligenz nur rudimentär entwickeln kann. Schwere Störungen der emotionalen Resonanz machen die Aufmerksamkeit in der Schule zum Problem, erschweren Beziehungen zu den Mitmenschen oder lassen diese im Vorfeld bereits erst gar nicht zu. Autistische Gesundheitsstörungen sind nichts ungewöhnliches, wenn ein Mangel an Spiegelneuronen vorliegt. Ein hochinteressantes Buch, das die Notwendigkeit eines liebevollen Umgangs mit Kleinkindern unterstreicht.

Ein erhellender Text zum besseren Verständnis dafür, weshalb es so manchem Erwachsenen an Einfühlungsvermögen mangelt. Wahrnehmen und positives zurückspiegeln sind das Geheimnis eines harmonischen Miteinanders. Diese Fähigkeiten müssen aus neurobiologischer Sicht bereits im Babyalter eingeübt werden, weil sich nachträglich offenbar keine diesbezüglichen Sensoren herausbilden können und ein Mangel eben dieser Sensoren oder besser - Spiegelneuronen - immer wieder beklagenswerte, zwischenmenschliche Schwierigkeiten nach sich ziehen.

Empfehlenswert.

Helga König

Rezension:Bildatlas der Philosophie: Die abendländische Ideengeschichte in Bildern (Gebundene Ausgabe)

Dieses Buch über die abendländische Ideengeschichte erklärt 280 Stichworte ausführlich und wartet mit einer Fülle von Bildern auf, die mit besagten Stichworten korrespondieren.

Untergliedert ist der Bildatlas der Philosophie in: Griechenland, Vorsokratiker, Sokrates, Platon, Aristoteles, Hellinismus, Kaiserzeit, Mittelalter, Neuplatonismus, Renaissance, Wissenschaftliche Revolution, Klassischer Rationalismus, Empirismus, Zeitalter der Aufklärung, Kantianismus, Idealismus, Posthegelianismus, Antipositivismus, Die Stimme des Irrationalismus, Erkenntnistheorien, Naturwissenschaften, Humanwissenschaften, Psychoanalyse, Psychologie und Ästhetik.

Den Oberbegriffen sind die besagten Stichworte zugeordnet, die dann näher definiert werden. So wird man beispielsweise im Rahmen des Oberbegriffs Idealismus über die Stichworte: Romantik, Streben, Genie, Endlich/Unendlich, Naturphilosophie, Das Absolute, Hegels Dialektik, Hegels System, Welthistorische Indiviuen und Tod der Kunst aufgeklärt.

Bilder illustrieren die erläuterten Stichworte. Man sieht beispielsweise eine kleine Abbildung eines Gemäldes von Caspar David Friedrich "Der Wanderer über dem Nebelmeer", der mit dem Begriff des Absoluten korrespondiert und erfährt, dass der Wanderer auf dem Bild verloren sei in einer tiefen Verzauberung, oder in Erschütterung, über die Grandiosität der Schöpfung: Er sei in gewisser Weise der Unermesslichkeit des Naturschauspiels gegenübergestellt. Auch tauchen Denker wie Fichte, Schelling und Hegel bei der Erläuterung des Stichwortes "Das Absolute" auf und verdeutlichen, worum es bei dem Begriff eigentlich geht.

Das Buch erlaubt es, dass man es nicht chronologisch liest, sondern spontan seiner Neugierde folgen kann. Spannend sind dabei immer wieder die Querverweise, so etwa gleich zu Beginn bei den Stichworten "Dionysische Riten" und "Tragödien", die dem Oberbegriff Griechenland zugeordnet sind, aber auf den Philosophen Friedrich Nietzsche verweisen und diesbezüglich Zusammenhänge dezidiert erklären.

Spannend zu lesen sind auch die Erläuterungen zu dem Stichwort "Proportion". Hier wird bereits auf den "Goldenen Schnitt" hingewiesen, der im Umfeld der Phythagoreer entwickelt wurde und neben dem Kanon des Polyklet die wichtigste Theorie der Kunst der alten Griechen war. Unter dem Oberbegriff "Vorsokratiker" wird das Stichwort "Goldener Schnitt" dann ausführlich abgehandelt und anhand von Zeichnungen verdeutlicht.

Hervorrragend erläutert werden Platons "Abstufungen der Liebe", der Begriff "Androgynie" und in diesem Zusammenhang auch Platons Kugelmensch. Stichworte wie "Syllogismus", "Axiom", aber auch "Rhetorik" und "Rhetorische Figuren" sind dem Oberbegriff Aristoteles zugeordnet. Dass die rhetorische Figur der Metapher heute mehr den je Anwendung findet, wundert den Leser keineswegs.

Beim Studieren des Stichwortes "Aristotelismus/Platonismus" fällt mein Blick auf zwei beigefügte Abbildungen eines Freskos von Raffael "Schule von Athen". Die Deutung hierzu habe ich mit großem Interesse gelesen, keineswegs nur deshalb, weil sie mich in meiner Bildbetrachtung bestätigt hat.

Das Stichwort "Prädestination" verweist auf Calvin, mit dessen Denken ich wenig anfangen kann. Weit interessanter hingegen sind die Begriffserläuterungen "Kopernikanische Wende", "Helozentrismus", "Rationalismus" und "Kartesianischer Deduktionismus". Decartes Wissenschaft beruht auf Deduktion. Hier soll das gesamte Wissen durch logische Schlussfolgerungen erworben werden und zwar "ausgehend von festgelegten, intuitiven und allgemein geteilten Wahrheiten (klaren und deutlichen Vorstellungen), die als nicht diskutierbare Grundaxiome anzunehmen sind."

Unmöglich ist es an dieser Stelle alle Begriffe zu streifen oder sie gar näher unter die Lupe zu nehmen. In meinen Augen ist dieses Buch ein ausgezeichnetes Nachschlagewerk, das weit über die Erläuterungen in einem guten Lexikon hinausreicht und Begriffe der abendländischen Ideengeschichte bestens erklärt, nichts zuletzt auch den Begriff "Sublimation". Für Freud war die Sublimation der Schlüssel zu kreativen Leistungen. Weshalb er dies so sah, wird im Buch sehr gut dargelegt. Das Freuds Auffassung von künstlerischer Kreativität unter dem Einfluss Arthur Schopenhauers stand, finde ich bemerkenswert.

Dieses Buch gehört in jede gute Bibliothek. Es erläutert nicht nur ausgezeichnet die fokussierten Begriffe, sondern es erklärt auch Zusammenhänge. Grund genug es zu empfehlen.

Rezension:Emotionale Erpressung: Wenn andere mit Gefühlen drohen (Taschenbuch)

Die Psychologin Dr. Susan Forward beschreibt in diesem Buch, die Ursachen, die es möglich machen, dass man den emotionalen Erpressungsversuchen Dritter Raum gibt. Bei diesen Ursachen handelt es sich in der Regel um Angst sowie im Pflicht- und Schuldgefühle.

Unter emotionaler Erpressung versteht man eine schwerwiegende Form von Manipulation bei Menschen ,die dem Opfer nahestehen und die direkt oder indirekt damit drohen, es zu bestrafen, wenn es nicht das tut, was sie wollen.

Die Botschaft des Erpressers lautet: "Wenn Du Dich nicht so verhältst, wie ich es will, wirst Du leiden"

In der Regel weiß der emotionale Erpresser wie viel seinem Opfer die Beziehung mit ihm wert ist und erkennt die Verletzbarkeit. Nicht selten sind ihm die innersten Geheimnisse seines Opfers bekannt. Unabhängig wie tief die Gefühle des Erpressers für sein Opfer sind, sobald er befürchten muss, sich eventuell nicht durchsetzen zu können, wird er das intime Wissen einsetzen, um seinen Drohungen die Form zu verleihen, die in schließlich mit dem Einverständnis des Opfers belohnt.

Die Autorin hat eine Checkliste aufgestellt, die die Leser aufmerksam lesen sollten, um sich klarzumachen, ob sie emotional durch Dritte erpresst werden.

Sie fragt:
Drohen Ihnen Menschen, die in ihrem Leben wichtige Rollen spielen, damit, Ihnen das Leben schwer zu machen, wenn Sie nicht tun, was sie wollen? Drohen sie ununterbrochen damit, die Beziehung zu Ihnen abzubrechen, wenn Sie nicht auf ihre Wünsche eingehen? Sagen sie Ihnen, dass sie sich selbst vernachlässigen oder verletzen werden oder in Depressionen verfallen, wenn Sie sich ihrem Willen nicht fügen?

Wollen sie immer noch mehr von Ihnen, gleichgültig, wie viel Sie ihnen schon gegeben haben? Gehen Sie grundsätzlich davon aus, dass Sie schließlich doch nachgeben werden? Übersehen und missachten Sie grundsätzlich Ihre Gefühle und Bedürfnisse? Machen sie Ihnen großartige Versprechungen, deren Einlösung sie jedoch von ihrem Verhalten abhängig machen und sie deshalb nur selten halten? Werden Sie von diesen Menschen fortwährend als selbstsüchtig, schlecht, gierig oder lieblos bezeichnet, wenn Sie nicht einlenken?
Werden Sie von Ihnen mit Lob überschüttet, wenn Sie nachgeben, und wird Ihnen ihre Anerkennung entzogen, wenn Sie es nicht tun? Setzten Sie Geld ein, um sich bei Ihnen durchzusetzen?

Die Autorin unterstreicht, dass Millionen von Menschen emotional erpresst werden und zeigt anhand zahlloser Beispiele wie diese Erpressungen sich in der Realität gestalten. Sie verdeutlicht die Mittel der Erpressung, geht auf das Innenleben des Erpressers und der Opfers ein und diskutiert die Auswirkungen solcher emotionaler Erpressungen. In der Folge verdeutlicht sie wie man den Nebel aus Angst, Pflicht- und Schuldgefühlen durchbrechen kann und erklärt hilfreiche Strategien, zu denen nichtdefensive Kommunikation zählt.


Sie zeigt wie man mit dem erpresserischen Schweigen seines Gegenübers umgeht. Für viele Erpresste nämlich ist diese schweigsame Wut viel unerträglicher als nervenaufreibender offener Angriff. Die Psychologin listet auf, was der so Erpresste keinesfalls tun sollte, aber auch wie er vorgehen sollte. Andere Strategien sind, den Gegner als Verbündeten gewinnen, einen Tauschhandel anzustreben aber auch Humor zu zeigen.

Susan Forward macht unmissverständlich klar, dass es viele Möglichkeiten gibt, um sich emotional nicht erpressen zu lassen und bietet Lösungeswege an, wie man sich aus dem Netz von Drohung und Erpressung zu befreien vermag.

Ein sehr gutes Buch.
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Rezension: Unsichtbare Wunden heilen: Wie traumatisierte Menschen inneren Frieden finden (Gebundene Ausgabe)

Prof. Dr. med Richard F. Mollica ist Preisträger des renommierten "Human Rights Award" der "American Psychiatric Association". Mollica berichtet im vorliegenden Buch von den Folgen von Gewalt in allen nur vorstellbaren Variationen. Dabei verarbeitet er Hunderte von Interviews seiner Beratungs- und Forschungstätigkeit.


Ich verzichte an dieser Stelle darauf, konkret auf die geschilderten Gewaltanwendungen weltweit einzugehen, jeder kennt die entsprechenden Berichte aus der Presse, sondern ich möchte stattdessen in meiner Rezension die Ziele von Gewaltanwendung beleuchten. Der Autor hält fest, dass es ganz unabhängig vom Schweregrad bei der Anwendung von psychischer und psychischer Gewalt stets darum geht, den anderen zu demütigen. Die Täter - das fängt bei kleinen Demütigungen im Alltag schon an - möchten bei ihren Opfern das Gefühl entstehen lassen, sie seien absolut wertlos. Mollica konstatiert, dass überall dort, wo Gewalt verübt wird, es an jeglicher Regung von Liebe, Zuneigung und Mitgefühl fehlt.


Der Autor verdeutlicht, dass in Trauma- Geschichten von extremen Gewalterfahrungen sich die ganze Bandbreite des Gefühls der Demütigung offenbart. Das Gefühl der Demütigung ist sehr komplex. Offenbar handelt es sich weniger um eine eindeutige Regung wie Angst, stattdessen vielmehr um einen Daseinszustand, der sich dadurch auszeichnet, sich körperlich und geistig minderwertig zu fühlen, hinzu kommen Gefühle von Unreinheit und Scham, von spiritueller Leere und Schuld, nicht zuletzt auch von Gedanken, anderen gegenüber als moralisch abstoßend zu gelten.

Bereits in Situationen, in denen es an Liebe, Zuneigung und grundsätzlichem Einfühlungsvermögen mangelt, kann ein Gefühl der Herabminderung, Erniedrigung und Scham entstehen. Dies sollte man sich bewusst machen, denn auf diese Weise ist man in der Lage, Akte der Demütigung zu erkennen. Bei extremer Gewalt wie bei Folter treten demütigende Handlungen extrem zu Tage. Terrorhandlungen, wie etwa die Anschläge vom 11. September, beabsichtigten ganz eindeutig auch Demütigung und zwar in diesem Fall gegenüber der USA in ihrer Gesamtheit.

Das Maß der Demütigung variiert je nach traumatischem Ereignis. Demütigung beginnt zumeist damit, dass man öffentlich der Schande ausgesetzt wird, sei es von einer kleinen oder großen Gruppe von Beobachtern. Demütigungen sind in der Geschichte der Menschheit ein allgegenwärtiges Phänomen. Jeder weiß um die Leiden der Naziopfer, der Betroffenen in Chile, Argentinien, Kambotscha, Bosnien etc.

Der Autor zeigt in der Folge wie die Opfer Schmerzen überwinden können, wobei der Schüssel für ihn in der Selbstheilung liegt. Wie diese Selbstheilungskräfte aktiviert werden können wird während der Lektüre dieses Buches, geschrieben von einem sehr einfühlsamen Mediziners, deutlich. Die Selbstheilung vollzieht sich auf psychischer Ebene, sobald es dem Verstand gelingt, aus dem Gewalterlebnis einen neuen Sinn zu konstruieren. Dabei bildet der Kern der psychischen Komponente der Wille zu überleben und das Erlebte zu bewältigen. Der Mensch fasst den Entschluss, alles zu unternehmen, was ihm die Situation abverlangt und angesichts der Gewaltakte nicht klein beizugeben.





Rezension: Was ist der Mensch? (Taschenbuch)

Der Philosoph und Psychiater Karls Jaspers( 1883-1969) entwarf vor allem von S. Kierkegaard beeinflusst seine Philosophie der Existenz. Wie dem vorliegenden Buch zu entnehmen ist, zielt diese vor allem auf Existenzerhellung, die in Grenzsituationen des Lebens wie Schuld, Kampf, Leid und Tod möglich wird. Angesichts dieser Situationen leuchtet der Sinn unseres Daseins auf: Gelassenheit, Verantwortung, Liebe und Glück.

In : "Was ist der Mensch?", Untertitel: Philosophisches Denken für alle, zeichnet Karl Jaspers zunächst ein feinfühliges Selbstportrait, dem sich eine kurze Beschreibung seines Weges zur Philosophie anschließt.
Anschließend beantwortet der Philosoph die Frage, was Philosophie eigentlich ist, thematisiert die Wechselbeziehung zwischen Philosophie und Wissenschaft, geht auf die Ursprünge der Philosophie ein und unterscheidet hier zwischen historischen Anfängen und den Quellen aus denen der Antrieb zum Philosophieren kommt.

Es ist unmöglich auf alle Texte Jaspers und alle Kommentare Hans Saners, des Herausgebers dieses Buches einzugehen, weil dies den Rahmen der Rezension sprengen würde. Leider! Mit großem Interesse habe ich Jaspers Betrachtungen zur philosophischen Lebensführung gelesen. Er sieht zwei Wege: zum einen den der meditativen Besinnung, zum anderen den der Kommunikation. Selbstreflektion, transzendierende Besinnung und Besinnung auf das, was gegenwärtig zu tun ansteht, lehrt die Macht des Gedankens. Denken selbst ist für den Philosophen der Beginn des Menschseins. Jaspers verdeutlicht, dass Philosophieren an die Grenzen der Verstandeserkenntnis drängt, um sich zu entzünden. Er konstatiert, dass derjenige, der meint alles zu durchschauen nicht mehr philosophiert, weil derjenige, der kein Geheimnis mehr kennt, nicht mehr sucht.

Nicht unerwähnt lässt Jaspers, dass die Philosophie keine Lehre im Sinne von Vorschriften ist unter die die Einzelfälle des täglichen Lebens subsumiert werden können. Diesen Satz sollte man rot anstreichen, denn sein Inhalt wird oft vergessen, was nicht selten zu unergiebigen, pseudointellektuellen Diskussionen führt.
Bevor Jaspers die Grenzsituationen, die ich in meiner Rezension eingangs erwähne, näher beleuchtet, definiert er die Begriffe Grenze und Situation. Grenzsituation sind für ihn immer seiende, unwandelbare Situationen, die mit dem Dasein selbst gegeben sind. Die einzelnen Grenzsituationen werden im Anschluss daran näher beleuchtet und versucht den Sinn dieser Situationen zu erhellen.

Alle Wege des philosophischen Lebens und des Denkens führen an diese Grenzen, an denen die Möglichkeiten des Menschen aufleuchten, die mehr als bloßes Dasein sind. Als Kern aller erfüllenden Möglichkeiten sieht Jaspers die " Existenz ". Er definiert in der Folge, was man unter ihr zu verstehen hat und kommt zum Ergebnis, dass Existenz nur in Kommunikation von Existenzen stattfindet. Jaspers verquickt die Philosophie der Grenzsituationen mit der Philosophie der Kommunikation und zeigt u. a. die Wechselwirkung, zwischen Einsamkeit und Kommunikation, aber auch zwischen der Liebe und Kommunikation. Ich möchte in diesem Zusammenhang einige Sätze zitieren, die viel über das einfühlsame, reflektierte Denken Jaspers aussagen: " Ohne existentielle Kommunikation ist alle Liebe fragwürdig. Wenn auch die Liebe nicht begründet, so ist sie doch keine Liebe, die nicht in Kommunikation sich bewährt. Wo Kommunikation endgültig abbricht, hört Liebe auf, weil sie Täuschung war; wo sie aber wirklich war, kann die Kommunikation nicht aufhören, sondern muss ihre Gestalt verwandeln. Kommunikation ist die von der Liebe erfüllte Bewegung im Zeitdasein, welche auf das Einswerden zu gehen scheint, aber im Einsgewordensein aufhören muss. Das Zweisein lässt die Liebe nicht zur Ruhe kommen."( S. 187)
Für Jaspers ist die Philosophie der Existenz eine Philosophie der Freiheit und zwar Freiheit im Aneignen der Grenzsituationen aber auch im Prozess der Kommunikation, Weiter beleuchtet Jaspers, ob eine philosophische Ethik möglich sei und bejaht dieses. Für die Lüge gilt: " Du sollst dich nie selbst belügen" und " Du sollst niemals Menschen belügen, mit denen Du in Kommunikation verbunden bist ". Saner verdeutlich, dass diese Sicht letztlich in eine Doppelmoral führt, weil sie die " Binnenmoral" der Intimität von der relativen Außenmoral der Gesellschaft abspaltet.

Jaspers lotet in der Folge den Handlungsbegriff aus und befasst sich mit ethischen Sätzen und Rechtssätzen um schließlich das absolute Bewusstsein als Liebe und Phantasie als Spiel sowie als Gelassenheit zu beschreiben.

Es ist unmöglich im Rahmen der Rezension diesen Themen komplex breit gefächert zu erläutern. Ein Sinn der Lebens ist für Jaspers, wie eingangs bereits erwähnt die Liebe, als " die unbegreiflichste, weil grundloseste und selbstverständlichste Wirklichkeit des absoluten Bewusstseins."( S. 216)
Sie ist für ihn unendlich, hellsichtig, bedeutet Aufschwung und gegenwärtige Befriedigung und ist als erfüllte Gegenwart nur Gipfel und Augenblick, sie ist als Wiederholung Treue, ist Selbstwerden und Selbsthingabe. Jaspers hält fest: "Wo ich mich wahrhaft ganz, ohne Rückhalt, gebe, finde ich mich selbst. Wo ich mich auf mich selber wende und Reserven festhalte, werde ich lieblos und verliere mich. Die Liebe hat ihre Tiefe im Verhältnis von Existenz zu Existenz."( S.217)

Diese Liebe, wie auch die Phantasie, das Spiel und die Gelassenheit zu leben sind der Sinn unseres Daseins.
Im Buch wird des Weiteren Jaspers mythisches Denken abgehandelt und die Frage nach der Transzendenz ausgelotet.

Der ethische Anspruch von Jaspers Philosophie hat bei ihm zur politischen Kritik geführt. Er wandte sich aufgrund dessen gegen totalitäre Systeme und gegen die freiheitsgefährdende Atompolitik der Weltmächte.
Mit großem Interesse habe ich Jaspers Betrachtungen zu den Schuldbegriffen zum Ende des Buches gelesen.
Er untergliedert in kriminelle, politische, moralische und metaphysische Schuld. Durch diese Unterscheidung wird der Sinn von Vorwürfen geklärt. Jaspers macht dabei u. a . klar, dass beispielsweise politische Schuld zwar Haftung aller Staatsbürger für die Folgen staatlicher Handlungen beinhaltet, jedoch nicht kriminelle und moralische Schuld des einzelnen Staatsbürgers in Bezug auf Verbrechen , die im Namen des Staates begangen werden. Durch die Differenzierung des Schuldbegriffes möchte der Philosoph vor " Flachheit des Schuldgeredes" bewahren.

Er zeigt , wann politische Schuld zur moralischen wird und hält fest, dass dort, wo Macht sich nicht begrenzt Gewalt und Terror herrscht und am Ende die Vernichtung von Dasein und Seele. Deshalb müssen Bindungen gelten, damit Gewalt und Terror nicht durchbrechen, weil Bindung letztlich Verzicht auf Willkür bedeutet. Dennoch wird immer ein Rest von Gewalt bleiben, dessen muss man sich bewusst werden. Jaspers resümiert in diesem Zusammenhang: " Es ist eine Täuschung, dass das Recht als solches sich zuverlässig durchsetze. Wie auch Wahrheit, und nicht nur die Unwahrheit einen Advokaten braucht, so braucht Recht Macht, die schon die Macht des Rechts selber ist."( S.367)

Ein interessantes Buch, das folgende Fragen klug beantwortet: Was ist der Mensch? Was ist Philosophie? Was bedeutet Transzendenz und was vermag die Philosophie in dieser Welt?

Empfehlenswert! Hoffentlich wird es bald wieder neu aufgelegt!



Rezension:Der ganz normale Wahnsinn: Vom Umgang mit schwierigen Menschen (Gebundene Ausgabe)

Forschungsfeld der beiden Psychologen F. Lelord und Ch. Andre ist der Charakter eines Menschen. Sofern hier psychische Störungen auftreten, kann von einer schwierigen Persönlichkeit gesprochen werden. Die Autoren geben viele Hinweise, wie man mit problembehaftenen Charakteren umzugehen vermag, ohne dabei selbst zum Nervenbündel zu mutieren. Schwierig ist eine Persönlichkeitsstruktur dann, wenn beispielsweise paranoide, zwanghafte narzisstische oder passiv-aggressive Verhaltensmuster immer wiederkehrend zu Tage treten. Die Autoren führen aus ihrer Praxis eine Vielzahl von Beispielen für all die Schräglagen an, die im Buch breitgefächert diskutiert werden.



Um den Sachverhalt zu veranschaulichen wird auch auf präzise herausgearbeitete Persönlichkeitsmuster in der Literatur und im Film hingewiesen. In der Folge liefern die Psychologen jeweils eine Übersicht zum Selbstverständnis einer speziellen charakterlichen Spielart und zeigen auf welche Weise - aufgrund dieser abgründigen Besonderheiten - Beziehungen zu anderen Menschen geknüpft werden. So sieht sich die narzisstische Persönlichkeit als eine Art Ausnahmewesen, die außerhalb gewöhnlicher Regeln steht und Besseres verdient. Sie möchte pausenlos rauschende Erfolge erzielen und erwartet Vorrechte. Narzissten fühlen sich allerdings zu nichts verpflichtet, geraten in Rage, wenn man ihnen ihre Privilegien streitig macht, nutzen andere aus, um eigene Ziele zu erreichen und bekunden wenig Empathie.


Von Gefühlen anderer sind sie kaum berührt. F. Lelord und Ch. Andre verdeutlichen dezidiert, dass man keineswegs Opfer abgefahrener Erwartungshaltungen werden muss, selbst dann nicht, wenn man sich beruflich oder privat im Dunstkreis schwieriger Charaktere bewegt. Wohlüberlegte, im Buch genau aufgezeigte Strategien helfen in kritischen Situationen solche nicht entgleisen zu lassen. Neben insgesamt elf schwierigen Persönlichkeitsformen, die alle ausführlich besprochen werden, gibt es allerdings noch eine Reihe unerträglicher Mischformen innerhalb einzelner Persönlichkeitsstrukturen und ferner überhaupt nicht kompatible Charaktere, wie etwa soziopathische, sadistische, selbstschädigende und Borderline-Persönlichkeiten.


Die Autoren konstatieren, dass bestimmte Persönlichkeitsmerkmale angeboren sein können, so etwa Narzissmus (64%) und Mangel an Mitgefühl (56%), wie wissenschaftliche Untersuchungen ergeben haben. Trotz allem können durch langwierige kognitive Therapien positive Veränderungen herbeigeführt werden. Möge man vom ganz normalen Wahnsinn, der hier ungeschminkt benannt wird, in jeder Hinsicht verschont werden! Anhand verschiedener Persönlichkeitstests können Sie feststellen, ob Sie eine Macke haben. Sollte es tatsächlich so sein, haben Sie die Chance aufgrund der vorliegenden Lektüre einen langen Erkenntnisprozess einzuläuten, der Sie befähigen wird, plötzlich und unerwartet erfreulich zwischenmenschliche Erfahrungen zu machen. Viel Glück. Ihre geplagten Brüder und Schwestern werden es Ihnen danken. Empfehlenswert.

Rezension:Vatermänner: Ein Bericht über die Vater-Tochter-Beziehung und ihren Einfluß auf die Partnerschaft (Taschenbuch)

Die Psychotherapeutin Julia Onken schreibt, nachdem ihre langjährige Liebesbeziehung zu ihrem Freund Fabian zu Bruch gegangen ist, diesem neun fiktive Briefe . In den Briefen überdenkt sie ihre gemeinsame Beziehung und die Gründe , die dazu führten, dass Fabian sich einer anderen Frau zugewandt hat. Innerhalb ihrer Reflektionen führen sie ihre Gedanken immer wieder zu ihrem lange verstorbenen Vater. Dabei macht Onken deutlich, welchen Einfluss Väter generell auf die späteren Partnerschaften ihrer Töchter haben und begründet dies aus psychologischer Sicht. Durch die schriftliche Auseinandersetzung mit der genannten Thematik gelingt es ihr, sich innerlich von Fabian zu verabschieden.

Onken spricht vom Übersehenwerden, vom Einfach- nicht-zur Kenntnis-genommen werden, vom Übergangenwerden, vom Desinteresse, vom Unbeantwortet-Sein, vom Gefühl kleiner Mädchen ihren Vater nicht lieben zu dürfen, was dann nicht selten den tatsächlichen Antrieb für späteres berufliches Engagement ausmacht, weil sie auf diese Weise die gefühlte Entwertung und die Vatersehnsucht zu kompensieren suchen.

Die Psychotherapeutin zeigt, dass man den Grunddialog mit dem männlichen Geschlecht durch seinen Vater erlernt, die Begegnung mit dem Vater zum erstenmal die männliche Welt eröffnet. Nur wenn ein Vater sich seiner Tochter liebevoll, sie im ganzen Wesen glaubhaft respektierend und anerkennend zuwendet, wächst bei dem kleinen Mädchen die Selbstsicherheit und das Selbstvertrauen, die für ihr späteres Leben von nachhaltiger Bedeutung sind. Leider scheinen solche Vater-Tochter-Beziehungen die Ausnahme zu sein. In der Regel, so Onken, werden Töchter von ihren Vätern offenbar übersehen.

Onken gelangt zum Ergebnis, dass es seitens kleiner Mädchen drei Varianten gibt, um den Vater, der sie nicht wirklich zur Kenntnis nimmt, auf sich aufmerksam zu machen.

1) Die Gefalltochter: Ich gefalle, also bin ich.
Die Gefalltochter versucht die Aufmerksamkeit über optische Gefälligkeit zu erreichen und durch besonders auffälliges Verhalten seine Zuneigung zu erwerben. Durch Gesehen-Werden, aus dem Gefühl nicht existent zu sein ,wird die zukünftige Verführungsfrau geboren, die im zunehmendem Alter dann in der Angst lebt: je älter ich werde, um so weniger bin ich. Diese Frau wird ihre gesamte Lebenenergie auf Äußerlichkeiten legen und ein krankhaftes Körpergefühl entwickeln. In der Sexualität geht es ihr mehr um das Begehrtwerden als um sexuelle Lust, die oftmals nur vorgetäuscht wird, um den Partner an sich zu binden. Eigene Talente und Begabungen bleiben ihnen verborgen, weil sie sich nicht wagen ihr Intelligenzpotential auszuloten. Was Meinungen anbelangt orientieren sie sich an anderen und lernen nicht selbstbestimmt zu leben. In späteren Liebesbeziehungen ordnen sich diese Frauen stets den Vorstellung ihrer Partner unter und lesen diesen die Wünsche von den Augen ab. Allerdings fühlen sie sich, sobald dieser sie optisch nicht pausenlos zu Kenntnis nimmt, als Mensch entwertet. Ein falsches Wort ein Blick für eine andere lösen in der Gefalltochter Verunsicherungen aus. Es folgen schreckliche Szenen. Durch ihre krankhafte Fixierung verliert sie den Rest an Anziehung.

2) Die Leistungstochter: Ich bin leistungsfähig und erfolgreich also bin ich.
Die Leistungstochter sucht sich Bereiche aus, von denen sie glaubt, sie könne ihren Vater damit interessieren und erfreuen. Sie scheut keine Anstrengung, investiert ihre gesamte Kraft und müht sich ab leistungsstark zu werden. Dieses Mädchen verleugnet ihre weibliche Seite und vertraut auf die Ratio als Kommandozentrale für sämtliche menschliche Belange. Da sich diese Töchter mit ihrem Vater identifizieren, beurteilen sie die Mutter aus der Sicht des Vaters. Wenn dieser die Mutter in ihrer weiblichen Rolle entwertet, wird die Leistungstochter es ihm gleichtun. Förderung ist in der Sicht dieser Mädchen ein Liebesbeweis, Drill gilt als Anerkennung. Erfolgstöchter gestatten sich im Laufe ihres Lebens keine Gefühle und Schwächen. Dafür ist im späteren der Partner zuständig, der das Gegengewicht zur ewigen Stärke bildet. Nicht selten sind diese Frauen mit antrieblosen Männern liiert, weil Leistungstöchter an sich Müdigkeit, Schwäche und Überforderung nicht zulassen können. Das anfängliche Verliebtsein in den schwachen Mann kippt allerdings mit der Zeit. Dann beginnt sie ihn zu entwerten und zu verachten.Daran gehen die Beziehungen in der Regel zugrunde.

3)Die Trotztochter: Ich spüre Widerstand also bin ich.
Die Trotztochter legt sich quer zu allem und bringt dem Vater Widerstand entgegen. Sie will sich mit ihm duellieren, sich seine Anerkennung erkämpfen. Solche Mädchen besitzen, laut Onken, eine gute Denkfähigkeit. Sie opponieren, wo sie nur können . Sie sind logisch, linkshemisphärisch und analytisch, nicht selten hervorragende Rhetorikerinnen. Sehr häufig verzichtet die Trotztochter auf jegliches Attribut, dass sie attraktiv erscheinen lassen könnte. Jeder , der sich entsetzt von ihr abwendet, ist für sie ein Erfolg. In Partnerschaften wird sie mit der Zeit immer angriffslustiger. Beziehungen werden zu unangenehmen Kampfplätzen. Onken stellt fest, dass es außerdem noch Unterformen dieser Problemtöchter gibt. Sie spricht von getarnten Gefall-, Leistungs- und Trotztöchtern. So lassen sich unter letztgenannter Problemtochter die ewigen Nein-Sagerinnen, die Negativen und Destruktiven , die Unzufriedenen, die Miesmacherinnen und Spielverderberinnen- kurz die Freudlosen vom Dienst subsumieren.

Leider ist festzuhalten, dass all diese Problemtöchter große Schwierigkeiten haben in einen vernünftigen Dialog miteinander zu treten und sich bedauernswerterweise nicht selten gegenseitig anfeinden und entwerten.
Damit die Schräglagen zum eigenen Geschlecht und jene, die sich in Liebesbeziehungen entwickeln behoben werden können, ist es notwendig, dass sich jede Frau mit ihrer persönlichen Vaterbeziehung auseinandersetzt und erkennt, dass mögliche Defizite nur durch nachgeholte bewusste Reifung verändert werden können.
Empfehlenswert!

Rezension: Philosophie in Italien: Eine Einführung in 20 Porträts (Gebundene Ausgabe)

Professor Dr. Thomas Hoffmann stellt in diesem Buch 20 Portraits italienischer Philosophen vor.
Nach einleitenden Worten und dezidierten Begriffsbestimmungen fasst er in knappen Worten Essentielles über das philosophische Denken in Italien zusammen, benennt Kennzeichen der Renaissance und gibt zudem wertvolle Hinweise zur Literatur. Seine Betrachtungen zur Philosophie in Italien untergliedert er in : "Neoplatoniker in Italien", "Paduaner Aristoteliker", "Humanisten und neues politisches Denken", "Neuer Annäherung an die Natur" und "Von der Geschichte zum Sein".

Neoplatonismus ist das letzte große System der griechischen Philosophie. Außer platonischen Begriffen sind aristotelische, stoische und solche der späten Mystik in der Neoplatonismus eingegangen. Höchster Begriff ist das über alle Bestimmungen Erhabene (Gott) aus dem nicht durch Schöpfung, sondern durch wesensnotwendige Ausstrahlung alle Seinsformen hervorgehen. Der neoplatonische Philosoph und Theologe Nikolaus von Kues (1401- 1464) stand an der Grenze zwischen Mittelalter und Neuzeit. Er suchte auf allen Gebieten die Versöhnung der Gegensätze auf höherer Ebene. Das Wesen Gottes sah er in der Entfaltung, dem absolut unendlichen Zusammenfall aller endlich bedingten Gegensätze.

Er begriff die Welt als Ausfaltung Gottes. Kues war der Meinung, dass Gott nur durch eine die Verstandesbegriffe übersteigernde "gelehrte Unwissenheit" erfahren werden kann. Neuzeitliches wissenschaftliches Denken vorwegnehmend entwickelte er die Erkenntnistheorie, nach der das Wissen auf Vergleichen und Messen beruht. Kues trat für eine Reform der katholischen Kirche ein sowie für ihren Ausgleich mit den Hussiten und der griechischen Kirche.

Picco della Mirandola (1463- 1494) war ebenfalls Neoplatoniker. Er lud 1486 europäische Gelehrte nach Rom zu einer Diskussion über 900 Thesen. Das hatte eine päpstliche Verurteilung zur Folge. Philosophisch von M. Ficino beeinflusst (auch dieser Philosoph wird von Hoffmann porträtiert), erstrebte Mirandola die Überhöhung des christlichen Weltbildes im Sinne eines Bildungshumanismus. Er war überzeugt, dass der Mensch ein "Mikrokosmos" sei, in dem alle Möglichkeiten angelegt sind und der sich entsprechend den Seinsstufen für das Elementarische , Tierische oder Himmlische entscheiden kann.

Aristotelismus ist der Sammelbegriff für Rezeptionen, Aus und Umbau der philosophischen Lehren Aristoteles, deren italienische Hauptvertreter ebenfalls vorgestellt werden und deren Kerngedanken gut nachvollziehbar dargestellt werden. Im Kapitel "Humanisten und neues politisches Denken" werden u.a. die Kerngedanken Francesco Petracas (1304- 1374) aufgezeigt. Humanismus ist eine auf Humanität gerichtete Geisteshaltung. In der europäischen Geistesgeschichte ist der Humanismus eine geistige Bewegung, die im Zeitalter der Renaissance aus der Bildung an dem neu entdeckten geistigen Gut der Antike ein neues Menschenbild und Selbstverständnis gewann und sich damit gegen die Scholastik des Mittelalters wandte.
Der italienische Humanist und Dichter Petrarca begeisterte sich vorübergehend für den Versuch der Wiedererrichtung der römischen Republik und überwarf sich deshalb mit dem Kardinal Colona. Petrarca ist der erste bedeutende Humanist in Italien. Er arbeitete intensiv an der Erforschung und Herausgabe der antiken Autoren und verfasste selbst an Cicero orientierte lateinische Werke, eine umfangreiche Briefliteratur, ein unvollendetes Epos "Africa" sowie philosophische Schriften, auf die der Autor kurz eingeht.

Der Denker Niccolo Machiavelli (1469-1527) ging von einem pessimistischen Menschenbild aus. Er formte den Begriff der Staatsreform vor und verwarf die Vorstellung des den christlichen Tugenden verpflichteten Herrschers. Er sah in der Macht ein konstituierendes Element der Politik. Machiavellis politische Schriften sind zwei Staatsformen gewidmet: den Republiken und den Fürstentümern. Das vierte Kapitel "Neue Annäherung an die Natur" beinhaltet u .a . die Portraits zweier Persönlichkeiten, die ich in der Rezension noch unbedingt erwähnen möchte.

Giordano Bruno (1548-1600) war ein italienischer Naturphilosoph, der vor der Inquisition ins Ausland floh. 1592 fiel er schließlich doch in die Hände der Inquisition, die ihm wegen seiner Lehren von der Unendlichkeit der Welt und der Vielheit und Gleichwertigkeit der Weltsysteme den Prozess machte. Nach siebenjähriger Haft wurde er auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Bruno vertrat das kopernikanische Weltsystem und eine pantheistische Lehre von der Weltseele. Seine metaphysische Kosmologie hatte entscheidende Konsequenzen für die Anthropologie. Der italienische Mathematiker und Philosoph Galilei Galileo (1564- 1642) trat seit 1610 öffentlich für das heliozentrische Weltsystem des Nicolaus Kopernikus ein. 1613 entwickelte er seine Vorstellungen über das Verhältnis der Bibel zur Naturerkenntnis und zum heliozentrischen System, die eine Neuinterpretation der Heiligen Schrift erforderten. Dies führte zur ersten Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche, die 1616 mit dem Verbot dieser Lehre durch den Papst antwortete. Seine Schrift "Dialogo" führte zum Prozess gegen Galileo vor der Inquisition. 1633 schwor er ab und rettete so sein Leben.

Über all diese genannten Philosophen und 14 weitere Denker berichtet der Autor. Man erfährt einiges über deren Leben und deren zentrale Gedanken. Die Portraits können einzeln gelesen werden aber auch im Zusammenhang, denn letztlich korrespondieren sie miteinander und stellen das philosophische Gesicht Italiens dar.

Ich möchte ein sehr beeindruckende Sentenz Marsilo Ficinos noch anfügen:

"Die wahre Liebe ist nämlich nichts anders als ein Aufwärtsstreben der göttlichen Schönheit entgegen." (aus: De amore sive In conviviium Platonis)

Empfehlenswert!

Rezension:Zwei Abhandlungen über die Regierung (suhrkamp taschenbuch wissenschaft) (Taschenbuch)

John Locke (1632-1704) ist einer der Begründer der politischen Theorie des Liberalismus, die er vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen und politischen Aufschwungs in England im 17. Jahrhundert entwickelt hat und die diesen, wie auch den Fortschrittsoptimismus und den politischen Machtanspruch des Bürgertums deutlich zum Ausdruck bringt. Auf dem Hintergrund der gedanklichen Konstruktion eines Naturzustandes entwickelt Locke seine Staatsrechtfertigung und die darin beinhaltete Legitimation der staatlich garantierten Grundfreiheiten. In seinen "Zwei Abhandlungen über die Regierung" , hat sich der englische Philosoph damit auseinandergesetzt.

Im Folgenden sollen einige zentrale Gedanken der von John Locke errichteten Konzeption dargestellt werden.

Der Naturzustand ist ein Zustand vollkommener Freiheit und Gleichheit. Das bedeutet hinsichtlich der Freiheit, dass der Mensch im Naturzustand frei über seine Person und seinen Besitz entscheiden kann. Der Mensch ist in seiner Freiheit zu handeln von keinem anderen Menschen abhängig. Er braucht sich bei keinem eine Handlungserlaubnis einzuholen, sondern kann stattdessen seine Handlungen eigenständig steuern.

Der Mensch, der im Naturzustand lebt, ist in seinem gesamten Tun an niemanden und an nichts gebunden, außer an ein "natürliches Gesetz". Dieses Gesetz allerdings ist für alle Individuen maßgebliche Handlungsvoraussetzung.

Inhalt des natürlichen Gesetzes ist das Gebot, dass alle Menschen gleich und unabhängig sein sollen; keiner soll den anderen an seinem Leben, seiner Freiheit, seiner Gesundheit und an seinem Besitz schädigen.

Dieses natürliche Gesetz wird verletzt, wenn ein Individuum das Gebot aus eigennützigen Motiven übertritt.

Mit seinem unrechtmäßigen Vorgehen demonstriert der Rechtsbrecher, "dass er nach einer anderen Regel lebt, als der der Vernunft und der allgemeinen Billigkeit, die Gott den Menschen zu Sicherheit voneinander als Maß für ihre Handlungen gesetzt hat." Strafe und Wiedergutmachung werden im Naturzustand zum Akt der Selbstjustiz, denn es gibt keine anerkannten Richter, die berechtigt sind in allen Streitigkeiten den Ausschlag zu geben und den Gesetzen entsprechend zu entscheiden, zudem ist keine zwingende Gewalt vorhanden, die imstande wäre, die Vollstreckung der Gesetze zu sichern.

Das bedeutet, dass im Falle einer Gesetzesübertretung ein Mensch einem anderen "rechtmäßig Schaden zufügen" darf, allerdings gibt es hierbei auch im Naturzustand Grenzen. So darf die Strafe nur die Höhe erreichen, die zur Abschreckung zweckdienlich ist, wobei das Recht zu strafen im Naturzustand ein allgemeingültiges Recht ist, welches von jedem Individuum ausgeübt werden kann. Die Wiedergutmachung muss im rechten Verhältnis zum erlittenen Schaden stehen und kann nur von demjenigen gefordert werden, dem der Schaden zugefügt worden ist.

Das natürliche Gesetz, aus dem die natürlichen Grundfreiheiten des Menschen hervorgehen, ist nicht schriftlich fixiert, sondern beruht auf einer bloßen Anerkennung durch alle im Naturzustand lebenden Individuen.

Diese Anerkennung ergibt sich auf der Basis der vernunftsgeleiteten Einsicht in den Willen Gottes. Besagte Anerkennung schließlich, dazu schreibt Locke ausführlich, verkörpert für ihn den Legitimationsgrund für die Grundfreiheiten, die durch Lockes politische Gesellschaft garantiert werden. Die natürliche Freiheit steht bei Locke in einem engen Zusammenhang mit der Voraussetzung die Verfügungsgewalt über materielles Eigentum zu besitzen.

Um diesen Zusammenhang zwischen der natürlichen Freiheit und dem materiellen Eigentum aufzuzeigen, bedarf es zunächst der Erläuterung des Lock`schen Eigentumsbegriffes. Obschon alle Menschen im übergeordneten Sinne Eigentum Gottes verkörpern, ist doch jedes Individuum im Hinblick auf die anderen Individuen Eigentümer an seiner eigenen Person und in dieser Beziehung auch Herr seiner Handlungen und Arbeit.

Locke weist in Kapitel V seiner Schrift mehrfach darauf hin, dass Gott zu dem Zeitpunkt als er den Menschen die Welt zum gemeinsamen Besitz gab, ihnen zu arbeiten gebot. Auf diese Weise sollten sich die Menschen die Erde untertan machen. Allerdings war es nicht nur Gottes Gebot, sondern auch die eigene Vernunft die den Menschen befahl in diesem Sinne tätig zu sein.

Die Produkte der Arbeit waren das "unbestrittene Eigentum des Arbeitenden." Arbeit und menschlicher Fleiß waren es, die zu Anfang materielles Eigentum entstehen ließen und dem Einzelnen ein Recht an dem so erworbenen materiellen Eigentum verliehen. Die Schranken solch erwerbbarem, materiellen Eigentums im Naturzustand ergeben sich durch dessen ungenutzte Anhäufung. Das bedeutet, dass der Einzelne zwar materielles Eigentum in beliebiger Menge erwerben kann, aber er muss in der Lage sein, dieses Eigentum zu verbrauchen, bevor es verdirbt. Tauschhandel zu betreiben ist grundsätzlich nicht untersagt, denn man verletzt die Grenzen rechtmäßigen Eigentums nicht durch die Vergrößerung seines Besitzes, sondern eben nur dadurch, dass man etwas ungenutzt verderben lässt.

Mit der Einführung des Geldes wurde es im Naturzustand möglich, auch unverderbliches Eigentum anzuhäufen. Dadurch wurden die Besitzverhältnisse ungleich. Locke zufolge haben die Menschen durch stillschweigende Übereinkunft mit der Einführung des Geldes der sich daraus ergebenden Folge- der Ungleichheit des Besitzes- zugestimmt. Somit ist an dieser Stelle festzuhalten, dass Geld und ungleiche Besitzverhältnisse aus der Sicht des Philosophen eine vorstaatliche Errungenschaft sind, die ihren Wert und ihre Geltung der natürlichen Vernunft des Einzelnen verdanken. Die Zustimmung der Individuen bezüglich der Transformation gleicher natürlicher Rechte in unterschiedliche natürliche Rechte verschaffen den "Fleißigeren" die Möglichkeit, ihr natürliches Recht auf Eigentum in unbeschränkte Aneignung desselben umzuwandeln. Denjenigen, die die Chance nicht nutzen konnten, blieb nur die Alternative, die Verfügungsgewalt über ihre Arbeitskraft zu verkaufen.

John Locke sieht die Arbeitskraft des Einzelnen im Hinblick auf die anderen Individuen als dessen unbestreitbares Eigentum an. Insofern ist der Einzelne in der Lage, ohne dadurch unfrei, d.h. zum Sklaven zu werden, seine Arbeitskraft für eine gewisse Zeit gegen Lohn zu veräußern. Allerdings ist die verkaufte Arbeitskraft dann Eigentum des Käufers. Dieser Käufer ist nunmehr berechtigt sich die Produkte aus dieser Arbeit anzueignen. Obschon der Naturzustand ein friedvoller ist, beinhaltet er doch die Gefahr des Übergriffes. Der Einzelne ist nicht immer bereit, die grundsätzliche Verbindlichkeit des von ihm anerkannten Naturgesetzes zu akzeptieren. Ursache hierfür ist nach Locke einerseits der persönliche Egoismus eines jeden Individuums und andererseits das Moment der mangelhaften gedanklichen Auseinandersetzung mit dem Inhalt des Gesetzes.

Leben, Freiheiten und Güter des Einzelnen werden im Naturzustand nicht durch die Gefahr des Rechtsbruches bedroht, sondern auch durch eine nicht immer klar vorhersehbare Vorgehensweise beim Akt der Selbstjustiz.

Die Selbstjustiz beinhaltet die Möglichkeit der emotionalen und damit zugleich subjektiven Betrachtungs- und Handlungsweisen seitens desjenigen, dem ein Schaden zugefügt worden ist gegenüber dem Rechtsbrecher. Die Grenzen für Strafe und Wiedergutmachung könnten möglicherweise widerstandslos überschritten werden, weil sich Dritte in solchen Angelegenheiten eventuell gleichgültig verhalten. Durch die Neigung der Individuen dem natürlichen Gesetz auszuweichen wird ein Zustand erzeugt, welcher als bedrohlich empfunden wird und Reaktionen , wie etwa Furcht und Verunsicherung freisetzt. Das Wissen um die fortwährende Gefahr der Bedrohung des persönlichen Eigentums und die daraus resultierende Furcht bewirken, dass der Einzelne sich entscheidet den Naturzustand zu verlassen, um sich mit anderen zu einem Staatswesen zusammenzuschließen, welches in erster Linie dieses Eigentum schützen und jene bestrafen soll, die die aufgestellten Rechtsregeln übertreten.

Die diesem Staatswesen obliegende Schiedsfunktion soll durch anerkannte, unparteiische Richter ausgeübt werden. Diese Richter sollen in allen Streitigkeiten den Ausschlag geben und den Gesetzen entsprechend entscheiden. Außerdem soll es eine zwingende Gewalt geben, die die Vollstreckung der Gesetze sichert.

So wird der Staat zum" Schiedsrichter nach festgesetzten Regeln, unparteiisch und derselbe für alle".
Die Freiheit des Einzelnen im Staat scheint zwar im Verhältnis zur Freiheit im Naturzustand durch die Richter begrenzt zu sein, tatsächlich aber gewährt der Staat dem Eigentum des Einzelnen eine größere Sicherheit.

Jeder, der in eine politische Gesellschaft eintreten möchte, muss nach Locke hierzu seine individuelle Zustimmung geben. Der englische Theoretiker unterscheidet zwischen einer "stillschweigenden" und einer "ausdrücklichen" Zustimmung.

Die stillschweigende Zustimmung gibt jedermann, der innerhalb des Herrschaftsbereiches einer Regierung lebt, bzw. sich dort für eine gewisse Zeit aufhält. Diese Form der Zustimmung setzt Locke also bei jedermann, d.h. letztendlich bei Besitzenden und bei Besitzlosen voraus. Die stillschweigende Zustimmung genügt allerdings nicht um vollwertiges Mitglied einer Gesellschaft zu werden, denn "nichts kann einen Menschen dazu machen als sein tatsächlicher Eintritt durch positive Verpflichtung und ausdrückliches Versprechen und Vertrag".

Die vollwertigen Mitglieder der politischen Gesellschaft, d.h. die durch individuellen Vertragsabschluss, respektive ausdrückliche Zustimmung in diesselbe eintreten, bilden die Mehrheit und nur sie haben das Recht zu regieren bzw. die Regierung zu kontrollieren. Diese vollwertigen Mitglieder der politischen Gesellschaft verfügen über materiellen Besitz oder haben solchen in Aussicht, denn nach Locke kann davon ausgegangen werden, dass nur diejenigen ihre "ausdrückliche Zustimmung" geben, die ein berechtigtes Interesse an der Sicherung ihres materiellen Eigentums haben. Da die Besitzenden Steuern aufbringen , die notwendig sind, damit eine Regierung unterhalten werden kann, sollen diese besitzenden auch über den Verwendungszweck dieser Steuern entscheiden können und zudem das Recht haben in öffentlichen Angelegenheiten mitzubestimmen.

Die Mehrheit in Lockes politischer Gesellschaft bilden also diejenigen, die über materiellen Besitz verfügen. Entscheidungen, die von ihnen getroffen werden, binden aber nicht nur sie selbst, sondern auch diejenigen, über deren Arbeitskraft sie verfügen, denn die Pflicht den Gesetzen zu gehorchen und sich einer legalen Regierung unterzuordnen haben sowohl diejenigen, die ausdrücklich ihre Zustimmung gegeben haben als auch diejenigen, die stillschweigend zugestimmt haben. Alle Individuen, die durch einen individuellen Vertragsabschluss Mitglied der von Locke beschriebenen Gesellschaft werden, stimmen darin überein, dass die primäre Aufgabe ihres Staates darin besteht, die gottgewollten und von allen Individuen anerkannten Grundfreiheiten zu schützen und sicherzustellen. Dieser "christlich-religiöse Konsens" stellt die Rechtfertigung für Lockes Staat und der darin enthaltenen Grundfreiheiten dar.

Ganz abgesehen davon, dass Lockes Konsensidee hinsichtlich der Anerkennung des Staates und der durch ihn garantierten Grundfreiheiten aufgrund eines christlich-religiösen Rechtfertigungsgrundes unhistorisch und nicht empirisch ist, wäre sein Modell selbst dann nicht in die Realität übertragbar, wenn man von einer dem individualistischen Konsensmodell angemessenen Ausgangssituation ausgeht, weil nicht davon ausgegangen werden kann, dass die einzelnen Bürger, unabhängig von einem organisatorischen Prozess kollektiver Willensbildung alle das Gleiche wollen.

Eine bemerkenswerte Lektüre

Überall im Buchhandel erhältlich

Rezension:Utilitarismus (Gebundene Ausgabe)

Der Philosoph und Sozialreformer John Stuart Mill ( 1806-1873) war einer der Hauptvertreter des englischen Utilitarismus, demzufolge das größtmögliche Glück der größtmöglichen Anzahl von Menschen das Ziel unseres Handels sein soll. Mill verdeutlicht , dass in der goldenen Regel , die Jesus von Nazareth aufgestellt hat, der Geist der Nützlichkeitsethik vollendet artikuliert worden ist. Die Forderung, sich dem anderen gegenüber so zu verhalten, wie man wünscht, dass er sich einem selbst gegenüber verhält und den Nächsten zu lieben, wie sich selbst, stellt die utilitaristische Moral in höchster Vollkommenheit dar. Dies näher zu erläutern macht sich der Philosoph in vorliegender Schrift zur Aufgabe.

Vom psychologischen Standpunkt aus, könnte man einschränkend hinzufügen, dass das moralische Verhalten stets einer zentralen ( lustbetonten) Einstellung entspringt, d.h. , dass Gedanken über Zweck und Nutzen einer Handlungsweise als Motive im Augenblick des Handelns kaum eine Rolle spielen. Im ersten Kapitel dieser Schrift lotet Mill zunächst aus, wodurch der Utilitarismus konkret gekennzeichnet ist und hinterfragt in diesem Zusammenhang den Begriff des Glücks. Was ist Glück? Wie kann man es erlangen? Weshalb ist ein Leben unbefriedigend,( sprich unglücklich) , wenn es durch Egoismus geprägt ist und ein Mangel an geistiger Bildung vorliegt? Mill konstatiert, dass die Wechselfälle des Schicksals größtenteils auf grober Nachlässigkeit, ungezügelten Begierden und schlechten oder zumindest unvollkommenen gesellschaftlichen Verhältnissen bestehen, sich jedoch durch menschliche Mühe und Anstrengung beseitigen lassen.Die Vermehrung des Glücks ist nach utilitaristischer Ethik der Zweck von Tugend. Wichtig ist für Mill stets zwischen dem Nützlichen und dem Opportunen zu unterscheiden.

Der Sozialreformer zeigt in der Folge die fundamentalen Sanktionen des Nützlichkeitsprinzips auf und macht klar, dass eine Gesellschaft unter Gleichen nur unter der Voraussetzung existieren kann, dass die Interessen aller gleichermaßen geachtet werden. Überzeugt ist der Brite , dass durch die Verbesserung des menschlichen Geistes ( gemeint durch Bildung) jene Einflüsse zunehmen, die geeignet sind , ein Gefühl der Einheit mit anderen entstehen zu lassen und die es ihm im Idealfall möglich machen, sich eine für ihn vorteilhafte Situation vorzustellen oder zu wünschen, die nicht auch für die anderen ein Vorteil wäre. Mill zeigt , welcherart Beweis sich für das Nützlichkeitsprinzip erbringen lässt und kommt nach langen Ausführungen zum Ergebnis, dass die größtmögliche Ausbildung der Liebe der Tugend in seiner Bedeutung für das allgemeine Glück von nichts übertroffen werden kann.

Der Denker differenziert stark zwischen dem Begriff des Willens und des Begehrens und weist nach, dass der Wille , wie alle anderen Bestandteile unserer Natur der Gewohnheit unterworfen ist und wir aus bloßer Gewohnheit etwas wollen können, was wir nicht mehr um seiner selbst willen begehren, wie wir es wollen. Dennoch ist der Wille ursprünglich das Produkt des Begehrens, darin eingeschlossen die Anziehungskraft der Lust und die Abstoßungskraft der Unlust. Mill lässt den Leser wissen, dass man Menschen dazu bringen muss, die Tugend zu begehren, indem man das Rechttun mit Lust und das Unrechttun mit Unlust verknüpft. Im fünften Kapitel zeigt er die Zusammenhänge zwischen Gerechtigkeit und Nützlichkeit auf und unterstreicht hierbei, dass Gerechtigkeit weiterhin die geeignete Bezeichnung für einen Bereich sozialer Nützlichkeit verkörpert, der dringlicher und unbedingter ist als alle anderen Bereiche und deshalb im utilitaristischen Denken eines John Stuart Mill den höchsten Wert einnimmt.

Eine bemerkenswerte Lektüre, die einen Ausgleich zwischen Individuum und Gemeinschaft auf der Basis utilitaristischer Ethik herbeizuführen sucht und hierbei wirklich zu überzeugen versteht.

Wie man dem Text entnehmen kann, hat Mills Philosophie mit der landläufigen Vorstellung von utilitaristischem Denken nichts gemein, wonach jedes Mittel recht ist ein egoistisches Ziel zu erreichen.

Rezension:Mächtiger als das Schicksal: Ein Brevier (Taschenbuch)

Das vorliegende Brevier zu Senecas Werken umfasst folgende philosophische Schriften dieses bedeutenden Stoikers:

Von der Kürze des Lebens
Von der Vorsehung
Moralische Brief an Lucius
Vom zurückgezogenen Leben
Die Trostschrift an Marcia
Von den Wohltaten
Naturwissenschaftliche Untersuchungen vom Zorn

Den Texten ist eine erhellende Einführung vorangestellt, die das Leben des großen Philosophen näher beleuchtet.

Lucius Annaeus Seneca gehört neben Kaiser Marc Aurelius und dem Sklaven Epiket der jüngeren Schule der Stoa an, nach deren ethischen Vorstellungen der Mensch seiner Natur nach ein Vernunftswesen ist, für das naturgemäßes Leben vernunftsgemäßes Leben verkörpert.In dieser Betrachtungsweise besteht die einzige Tugend. Sie ist die einzige Glückseligkeit.Ihr gegenüber gibt es ein einziges Übel : die Schlechtigkeit, die im nichtvernunftmäßigen und damit nicht tugendmäßigen Leben angesiedelt ist.Alles andere: Leben, Gesundheit, Besitz, Ehre, die von anderen hochgeschätzt werden, sind für Stoiker weder gut noch schlecht, sondern gleichgültig.

Es kommt demnach also darauf an zu erkennen, was gut , was schlecht und was gleichgültig ist.Sowohl in der Erkenntnis der richtigen Werte, wie in unserem Bestreben und Handeln uns nach den anerkannten Werten zu richten, werden wir durch Affekte ( Triebe, Leidenschaften) behindert. Diese beirren die Vernunft, gaukeln uns Gleichgültiges und Schlechtes als Wertvoll vor und veranlassen uns ihm nachzustreben.Aufgabe des Menschen ist deshalb, der fortwährende Kampf gegen die Affekte.Das Ziel der Tugend ist erst dann erreicht, wenn die Seele völlig frei von Leidenschaften ist.

In seinen Betrachtungen " Vom Zorn" zeigt der Stoiker, wie verderblich dieser Affekt sich für den Einzelnen darstellt und differenziert hier nochmals zwischen bloßem Zorn und Zornsucht, die eine Steigerung davon ist.
Seneca verdeutlicht, dass die Seele kein abgesonderter Platz ist, insofern die Leidenschaften nicht von außen her beobachtet werden können, um ihnen ein ungehöriges Fortschreiten zu verwehren, sondern dass sich die Seele selbst in Leidenschaft verwandelt und deshalb außerstande ist ,jene ihr nützliche und heilsame, aber nun schon preisgegebene und geschwächte Kraft wieder voll zur Geltung zu bringen.

Der Philosoph sagt wörtlich: " Wer sich zum Sklaven einer Leidenschaft macht, der ist sein Lebtag ein Tyrannenknecht"Sehr lesenswert sind die vielen Briefe Senecas an seinen Freund Lucilius.Hier überdenkt er u.a. den Wert der Zeit, die Wahl der Lektüre und differenziert zwischen vermeintlicher und wirklicher Freundschaft.Er unterstreicht in einem der Briefe, dass das Streben nach Weisheit der beste Schutz vor Todesfurcht sei und wirbt für die praktische Philosophie, indem er deren Nutzen aufzeigt.Der Stoiker empfiehlt seinem Freund in allen Belangen des Lebens Gelassenheit zu entwickeln und sich selbst zu genügen, um auf diese Weise seinen Seelenfrieden zu erlangen.

Der Römer lehrt niemals vorzeitig unglücklich zu sein, sondern die Dinge auf sich zukommen zu lassen.
Man möge sich nicht quälen mit Zukünftigem, weil es keinen sicheren Beweis für zukünftiges Unglück gäbe. Deshalb möge man Angst stets durch Hoffnung mäßigen.Philosophie beruhe nicht auf bloßen Worten, sondern auch auf Handlungen.Sie solle den Menschen vor allem schützen, wenn der Zufall die eigenen Angelegenheiten willkürlich antreibe und durcheinander wirbelt.Niemals möge man sich durch Reichtum und Luxus blenden lassen, denn alles kann einem genommen werden.Wer sich ernsthaft mit Philosophie beschäftigt, so Seneca, werde im Materiellen sein Seelenheil nicht mehr suchen, sondern Glückseligkeit einzig im ethischen Denken und Handeln finden.

Immer möge man sich bewusst machen, dass die ewige Dauer der Dinge im Wechsel der Gegensätze bestehen. Von daher möge man Veränderungen stets gelassen hinnehmen. Nur so nämlich habe man eine wirkliche Chance die stoische Gemütsruhe zu erlangen und langfristig auch beizubehalten.

Bemerkenswert ist, was Seneca im Hinblick zu Wohltaten sagt. Für ihn ist es ein Zeichen von hoher Gesinnung schlechte Erfahrungen zu machen und dennoch damit fortzufahren zu geben.Vergessen sollte man dabei nie, dass beharrliche Güte auch über schlechte Menschen schließlich siegt.

Aus seiner Schrift " Von der Kürze des Lebens" möchte ich abschließend folgende Worte zitieren:"Jetzt, solange das Leben noch frisch ist und wir noch auf der Höhe der Kraft stehen, sollten wir uns dem Bessern zuwenden! Es wartet Deiner bei solcher Lebensart eine Fülle wissenschaftlicher Einsichten, die Liebe zur sittlichen Vollkommenheit und Möglichkeit ihrer praktischen Betätigung. Deine früheren Leidenschaften wirst Du vergessen, du wirst lernen zu leben und zu sterben, du wirst eine erhabene Ruhe allen irdischen Dingen gegenüber gewinnen."

Senecas Schriften zeigen wie man sich innere Ruhe zu Eigen machen kann.

Weitere lesenswerte Schriften von Seneca finden Sie u.a. :


Rezension:Die Illusion der perfekten Kontrolle (Gebundene Ausgabe)

"Kontrollfreaks" haben mich schon immer irritiert. Welches Problem haben solche Menschen? Was treibt sie in ihrem Tun an?

Der Psychotherapeut Dr. med. Bernd Sprenger gibt in diesem Buch detailliert und zufriedenstellend Antworten auf diese Fragen. Der Autor macht gleich zu Beginn deutlich, dass es Menschen gibt, die bereits bei kleinsten Unwägbarkeiten ängstlich reagieren und sich unwohl fühlen. Wenn bei solchen Menschen der Wunsch nach Kontrolle als Folge von Angst geradezu der einzige das Leben noch dominierende Impuls wird, droht eine krankhafte Entwicklung. Es kann zu so genannten Angststörungen mit ständigen Ängsten kommen, die der äußeren Lebensrealität nicht mehr angemessen sind und die Betroffenen im großen Maße im alltäglichen Lebensvollzug behindern können. Bei "Kontrollfreaks" findet ein regelrechter Kampf darum statt, sich selbst zu beweisen, dass man die Kontrolle doch noch hat. Dr. Sprenger mach klar, dass Heilungsprozesse erst dann einsetzen, wenn der Patient akzeptiert, dass er machtlos ist.

Zwanghafte Kontrollrituale können den ganzen Tag ausfüllen und die Quelle großen Leides bei Betroffenen sein, weil sie immer mehr von Angst überschwemmt werden. Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass Angst biologisch verankert ist, besagter Affekt dem Organismus zur Orientierung über drohende Gefahren dient. Allerdings wird Kontrolle ab einem gewissen Punkt kontraproduktiv und verursacht das Gegenteil dessen, was es bewirken sollte: Ein Zuviel an Kontrolle macht lebendige Prozesse zunichte.

Dr. Sprenger hält fest, dass die Krankentage (Krankenmeldungen beim Arbeitgeber) aufgrund psychischer Erkrankungen sich in den letzten 30 Jahren mehr als verdoppelt haben. Die häufigsten dabei festgestellten Diagnosen sind " Depression" und " Angststörung". Menschen, bei denen die Ich-Struktur wenig gefestigt ist, haben das Gefühl zu wenig Kontrolle zu besitzen. Das Fundament zu einer stabilen oder zerbrechlichen Ich-Struktur wird in der frühesten Kindheit gelegt. Wie das funktioniert, erklärt der Autor sehr gut, bevor er sich mit der Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung und Selbststeuerung auseinandersetzt. Hierzu gehört, eigene starke Gefühle aushalten zu können und die Impulse, die von ihnen ausgehen, steuern zu können. Darunter versteht Sprenger, dass eine Person in der Lage ist, den eigenen emotionalen Zustand, die eigenen Bedürfnisse und den Zustand des eigenen Körpers bewusst wahrzunehmen, zu reflektieren und zu steuern. Der Autor nennt hierfür ein Beispiel:"Ich bin wütend und frage mich, warum ich das bin (auf wen bin ich ärgerlich und aus welchem Grund?). Ich kann entscheiden, was ich mit dem Ärger mache, und ich muss den Ärger nicht blind ausagieren...." Er unterstreicht, dass Menschen, die ein starkes Gefühl nicht in sich halten können, beziehungsweise einen aus diesem sich ergebenden Handlungsimpuls nicht steuern können, an diesem Punkt ein ich-strukturelles Problem haben. Personen, die so "gestrickt" sind, haben über einen zentralen Bereich der eigenen psychischen Funktion tatsächlich wenig Kontrolle.

Der Autor thematisiert im weiteren Verlauf die Kontrolle in zwischenmenschlichen Beziehungen. Dabei sind Schuldgefühle ein mächtiges Mittel, andere zu kontrollieren. Die Methode, Kontrolle über Schuldgefühle auszuüben, ist im Geschäfts- wie im Privatleben nicht selten anzutreffen. Vergessen wir niemals, dass "Kontrollfreaks" einfach sehr angstbesetzte Menschen sind und beurteilen wir ihr Verhalten unter diesem Gesichtspunkt.

Spengler lotet das Phänomen der Macht im Hinblick auf Kontrollzwänge aus und fragt nicht grundlos, ob es möglicherweise einen Zusammenhang geben könnte zwischen unserer derzeitigen narzisstischen Kultur und dem Bedürfnis Kontrolle auszuüben. Zitat des Autors: "Die >>narzisstische Gesellschaft<< (.......)ist nicht sehr beziehungsorientiert in dem Sinne, dass verlässliche und nahrhafte Beziehungen die Regel sind. Der Preis für die Flexibilität, Mobilität und Freiheit, die wir heute genießen, ist durchaus sehr hoch: Wir bezahlen mit einem latenten Vertrauensverlust. "Genau hier beginnen dann die Kontrollzwänge bei ich-schwachen Menschen. Glaubt jemand aufgrund seiner Macht auch vollkommen ängstigende Aspekte seines Lebens vollkommen kontrollieren zu können, kann es dazu kommen, dass er tatsächlich meint, allgemeingültige Gesetze gelten für ihn nicht mehr. Auf diese Weise entsteht eine Form des Grandiositätsgefühls, welches die realistische Wahrnehmung der Grenzen des Machbaren und den Grenzen des Anstandes außer Kraft setzt.
Offenbar sind es gerade die Überängstlichen, die der Droge der Macht verfallen, weil sie die Illusion der Kontrolle massiv nährt. Aber man sollte sich bewusst machen, dass letztlich alle Formen der Macht, die das Leben vollständig kontrollieren wollen, früher oder später scheitern. Die Illusion der perfekten Kontrolle macht krank. Alle Versuche perfekte Kontrolle auszuüben, führen früher oder später dazu, dass der Wirklichkeit Gewalt angetan wird. Man sieht dieses Phänomen deutlich in allen Diktaturen.

Das Gegenteil zur Kontrolle stellt Vertrauen dar. Die Fähigkeit Vertrauen zu entwickeln, hängt mit der Bereitschaft zusammen, in einen emotionalen Kontakt mit anderen Menschen zu treten, sich auf Beziehungen einzulassen und sie auch wirklich zu leben. Es ist gar nicht so schwer Dinge geschehen zu lassen. Zwanghafte Kontrolle stiehlt zu viel Lebenszeit und verstärkt bloß die Angst nicht zu genügen. Zwanghafte Kontrolle macht krank.

Dies ist ein sehr gutes Buch, das ich mit großem Interesse gelesen habe. Ich war mir bislang nicht völlig bewusst, wo die Ursachen für zwanghaftes Kontrollverhalten zu suchen sind und ordnete solche Verhaltensmuster ausgeprägten Machtinteressen zu. Ich sah bislang nicht die dahinterstehende Angst der "Kontrollfreaks" und begreife die Ich-Schwäche all dieser Menschen jetzt besser, auch hier im Netz.